Altar (B. In der protestantischen Kirche)

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Altar (Protestant); französisch: Autel (protestant); italienisch: Altare (protestante).


Helmuth Eggert (1934)

RDK I, 430–439


RDK I, 431, Abb. 1. Torgau, 1544.
RDK I, 431, Abb. 2. Schwerin, 1562.
RDK I, 431, Abb. 3. Haßleben, 1724.
RDK I, 433, Abb. 4. Bückeburg, um 1608.
RDK I, 433, Abb. 5. Buch bei Berlin, 1736.
RDK I, 433, Abb. 6. Weilar, um 1740.
RDK I, 435, Abb. 7. Straßburg, 18. Jh.
RDK I, 435, Abb. 8. Straßburg, 18. Jh.
RDK I, 435, Abb. 9. Tammendorf, um 1700.
RDK I, 437, Abb. 10. Memmingen, um 1530.
RDK I, 437, Abb. 11. Bern, 1563.
RDK I, 437, Abb. 12. Schmalkalden, 1586.
RDK I, 437, Abb. 13. Bielefeld, 18. Jh

I. Verhältnis der Lutheraner und der Reformierten zum Altar und zum Altar-Retabel; Standort und Material des protestantischen Altars

Lutherische und reformierte Kirche gehen in der Altarfrage durchaus verschiedene Wege. Bei der Übernahme einer mittelalterlichen Kirche entfernten die Reformierten die alte Inneneinrichtung meist restlos, während die Lutheraner alles beibehielten, was ihren Anschauungen nicht direkt widersprach, und weiterbenutzten, was sie gebrauchen konnten. In der „Deutschen Messe“ („Über den Gottesdienst“) sagt Luther: „Da lassen wir die Meßgewand, Altar, Liechter noch bleiben, bis sie alle werden, oder uns gefället, zu ändern. Wer aber hie anders will fahren, lassen wir geschehen. Aber in der rechten Messe unter eitel Christen mußte der Altar nicht so bleiben, und der Priester sich immer zum Volk kehren; wie ohn Zweifel Christus im Abendmahl gethan hat“ (Erlanger Lutherausgabe, Bd. 22, S. 237).

Diesem Ausspruch Luthers über die Stellung des Geistlichen am Altar wurde bei den Lutheranern nur selten Folge geleistet (vgl. Straßburg, St. Thomas, Abb. 7/8), und Luther selbst scheint auf seiner in der Deutschen Messe geäußerten Ansicht nicht bestanden zu haben. Jedenfalls wird es in den lutherischen Gemeinden schon im Laufe des 16. Jh. überwiegender Brauch, den Altar – anschließend an die mittelalterliche Tradition – mit einem Aufsatz oder einer Rückwand zu versehen, womit sich eine Stellung des amtierenden Geistlichen hinter dem Altar in der Regel ausschließt. Nur in einigen Gegenden (z. B. Thüringen) war es zeitweise üblich, den Altaraufsatz so auszuschneiden bzw. die Altarrückwand so zu gestalten, daß der Geistliche trotz des Altarretabels oder der es ersetzenden Kanzel sichtbar hinter dem Altar stehen konnte; vgl. Haßleben, Abb. 3, und Weilar, Abb. 6 (hier ist die die Kanzel tragende Säulenstellung hinter dem Altar, unter der der Geistliche ursprünglich stand, bei der Veränderung des Standortes durch einen Vorhang geschlossen worden). Lediglich die württembergischen Lutheraner verzichten konsequent auf das Altarretabel und begnügen sich mit einem schmucklosen Altartisch [2 und 3]; die Stiftung eines Retabelaltars für die Stadtkirche zu Giengen a. d. Brenz (1657) führte zu lebhaften Auseinandersetzungen, vgl. Inv. Württemberg, Jagstkreis, OA. Heidenheim, und A. Renner, Über Bau und Geschichte der Stadtkirche zu Giengen a. B., Diss. Tübingen 1909.

Die Stellung des Altars in der Kirche ist verschieden. Meist steht er im Chor an der Stelle des katholischen Hochaltars, in Württemberg in der Regel am Übergang vom Hauptschiff zum Chor oder genau in der Mitte der Kirche, so daß sich die Sitzbänke konzentrisch um ihn gruppieren. Fast ausnahmslos ist der Altar um eine oder mehrere Stufen über das Fußbodenniveau erhöht. Das Material ist verschieden. Holz und Stein, Stuckmarmor und andere Stoffe werden in gleicher Weise verwendet. – Im Gegensatz zur katholischen Kirche kennt der Protestantismus in jeder Kirche nur einen Altar. Nur wo der A. an einem akustisch oder optisch ungünstigen Ort steht – etwa im Hintergrund eines stark gestreckten Chores, wie er bei übernommenen mittelalterlichen Kirchen häufig ist –, hat man in neuerer Zeit auf der Grenze von Chor und Schiff oder auch im Schiff selbst gelegentlich einen zweiten, einfachen Altar errichtet. Als älteres Beispiel erwähnen wir die Marienkirche in Fürstenwalde (Inv. Brandenburg VI, 1 S. 79/80): Neben dem Hochaltar von 1576 im Chor wird 1754 ein Kanzelaltar im Schiff errichtet. Über die besonderen Verhältnisse in Giengen a. d. Brenz, wo 1659 ein Retabelaltar im Chor und 1677 ein Altar unter dem Triumphbogen errichtet wurde, vgl. die obengenannte Literatur.

Die Reformierten lehnen von Anfang an und fast ohne Ausnahme das Altarretabel ab. Bei ihnen ist der Altar immer nur Abendmahlstisch, der in manchen Gegenden nicht einmal dauernd an einem bestimmten Platz zu stehen braucht, sondern von Fall zu Fall für die Feier des Abendmahls in der Kirche aufgestellt wird.

II. Form des Altars bei den Lutheranern

a) Altäre ohne Retabel

Die wenigen nicht mit einem Retabel versehenen oder frei vor einer Altarrückwand stehenden Altäre der lutherischen Kirche haben, soweit sie überhaupt künstlerisch ausgestaltet sind, Tisch- oder Blockform (s. oben Sp. 416 ff). Einer der ältesten protestantischen Altäre, die wir kennen, steht in der Schloßkirche zu Torgau, die Luther selbst 1544 geweiht hat: 4 Karyatidenengel tragen die einfache Tischplatte (Abb. 1); der heute vorhandene Aufsatz stammt aus der Schloßkirche in Dresden und wurde erst gegen 1700 nach Torgau übertragen. Am Tischaltar der Stadtkirche zu Bückeburg von Ebbert Wulff (Egbert Wolff; 1609) tragen 2 fackelhaltende Engel die Platte (Abb. 4). Auch in der Barockzeit kommt der Typus des Tischaltares noch vor. Ein schönes Beispiel von ca. 1700 in Tammendorf (Brandenburg, Kr. Croffen), wo die Stützen die Gestalt von wappenhaltenden Löwen haben (Abb. 9). – Häufiger als die Tischform ist in der Barockzeit der Block-A., namentlich in den Sonderformen des (älteren) Truhenaltars mit gerader, oft in Rahmen und Füllungen gegliederter Wandung (Giengen a. d. Br., 1677) und des (jüngeren) Kommodenaltars, dessen Stipes ähnlich dem gleichzeitigen katholischen Sarkophagaltar (Sp. 421) kurvig geschweift ist (1724 Haßleben, Abb. 3; 1736 Buch bei Berlin, Abb. 5; ferner Meiningen, Schloßkirche; Saarbrücken, Ludwigskirche u. a.). Ein Block-A. des 18. Jh. in der Straßburger Thomaskirche (Abb. 7/8) entspricht Luthers Forderung (s. oben), daß der Priester sich zum Volke kehren solle: An der Rückseite führen zwei Stufen zu der Standfläche des Geistlichen, der über den A. hinweg nach der Gemeinde blickt; an den Ecken des A. 4 Karyatidenengel, an der Front Christus mit dem ungläubigen Thomas, dem Titelheiligen der Kirche. – Im ganzen spielt bildlicher Schmuck an protestantischen Altären ohne Retabel eine geringe Rolle. Bei Tischaltären werden häufiger die Stützen figürlich gestaltet, vgl. Abb. 1, 4 und 9. Auch bei Block-A. der verschiedenen Formen (Abb. 5 und 7/8) werden gelegentlich die Ecken karyatidenhaft ausgebildet. Der A. in Buch (Abb. 5) trägt als Schmuck der Frontseite ein Relief mit dem Schweißtuch der Veronika. In der Regel beschränkt man sich jedoch auf Ornament (Abb. 3).

b) Altäre mit Retabel

Bei den lutherischen Altären mit Aufsatz oder unmittelbar anschließender Rückwand überwiegt die Blockform des Altares. Sehr oft ist überhaupt die mittelalterliche Mensa beibehalten. Da der Altar meist mit Tüchern (vgl. den Artikel Altarbekleidung) bedeckt ist, verzichtet man in der Regel auf Dekoration. Eine Ausnahme macht der A. aus der Schloßkirche in Schwerin im dortigen Landesmuseum, der 1562 von Georg Schröder ausgeführt wurde (Abb. 2); hier sind am Stipes die 4 Evangelisten in Reliefs dargestellt. In der Barockzeit kommt auch bei Altären mit Retabel die Truhen- und Kommodenform häufiger vor (vgl. Dargun in Mecklenburg, 1669). Einen ungewöhnlich frühen, 1537 datierten Tischaltar aus Holz mit schlichtem, muschelförmigem Aufsatz gleichen Materials besitzt die Hl.-Geist-Kirche in Dinkelsbühl (Inv. Bayern V, 4 S. 88ff.).

III. Der Abendmahlstisch bei den Reformierten

Der Abendmahlstisch der Reformierten ist fast ausnahmslos von einfachster Form. In der Schweiz verwendet man mitunter als Abendmahlstisch einen gewöhnlichen Gebrauchstisch, der nur zum Abendmahl in der Kirche aufgestellt wird; in anderen Gegenden (Hessen) ist gelegentlich durch Auflegen einer Platte (oft eines Grabsteins) auf einen alten Taufstein notdürftig ein A. hergestellt. Nur in der Frühzeit kommen aufwendiger ausgeführte Abendmahlstische vor. Höchstwahrscheinlich darf schon ein um 1530 entstandener Tisch aus Tuffstein mit Sandsteinplatte in der Martinskirche zu Memmingen (Bayr. Schwaben; Abb. 10), in dessen Ornamenten sich gotische und Renaissanceformen msichen, als protestantischer A. angesehen werden [3]. Der 1561-63 ausgeführte 3,2 m breite Abendmahlstisch des Berner Münsters (Abb. 11) besteht aus Marmor; die breiten Außenstützen sind mit Wappen und Renaissanceornament geschmückt. Ungewöhnlich reich ist der A. der Schloßkirche in Schmalkalden (1585-86, Abb. 12), der sich im Typus eng an den Torgauer A. anschließt; die Platte ruht auf den Symbolen der 4 Evangelisten und einer schweren Mittelstütze, die oben ausgehöhlt zugleich als Taufbecken dient. Ein charakteristisches Beispiel für die einfachen hölzernen Abendmahlstische der Barockzeit besitzt die reformierte Kirche in Bielefeld (Abb. 13).

Vgl. auch die Artikel Altarciborium, Altarretabel, Altarschranken, Altarumgang, Kanzelaltar.

Zu den Abbildungen

1. Torgau, Schloßkirche, A.-Tisch von 1544; A.-Retabel um 1600, ursprünglich in der Schloßkirche zu Dresden; die äußere Säulenstellung und ihre Verbindung um 1700. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

2. Schwerin, Landesmuseum, A. in der Schloßkirche zu Schwerin, 1562 von Georg Schröder in Torgau. Nach Inv. Mecklenburg-Schwerin II.

3. Haßleben (Thüringen), A., Kanzel und Sakristei, 1724. Nach Phot. im Kunstgesch. Seminar Jena.

4. Bückeburg, Schloßkirche, A. von Egbert Wolff d. J., um 1608. Nach Ad. Feulner, Die deutsche Plastik des 17. Jh., Florenz-München o. J. (1926).

5. Buch bei Berlin, A. und Kanzel, 1731–36. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

6. Weilar (Thüringen), A. und Kanzel, um 1740. Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.

7. u. 8. Straßburg, St. Thomas, A. des 18. Jh. Phot. Architekt C. Czarnowski, Straßburg.

9. Tammendorf (Brandenburg, Kr. Crossen), A. um 1700. Phot. Prov.-Kons. der Prov. Brandenburg.

10. Memmingen (Bayr. Schwaben), St. Martin. Tischaltar um 1530, Tuffstein mit Sandsteinplatte. Phot. Museumsleiter M. Geiger, Memmingen.

11. Bern, Münster, Abendmahlstisch, 1561–63. Nach Corn. Gurlitt, Hist. Städtebilder Serie I, Heft 4, Berlin 1903.

12. Schmalkalden, Schloßkirche, A. mit Taufe, ca. 1585/86. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

13. Bielefeld, Reformierte Kirche, Hölzerner Abendmahlstisch, 18. Jh. Phot. Denkmalarchiv der Provinz Westfalen.

Weitere Abbildungen s. Altarretabel.

Literatur

1. Gg. Stuhlfauth in R. G. G. I2, Sp. 240. 2. I. Merz, Der A. unterer evangelischen Kirche und die württembergische Liturgie, Christl. K.-Blatt, Bd. XXX 1907, S. 184ff. 3. Otto Hacker, Evangelische Altarkunst der Renaissance- und Barockzeit in Schwaben, Das Schwäbische Museum, 9, 1933, S. 5ff. – Zur Geschichte des protestantischen Altars vgl. ferner: 4. Der Kirchenbau des Protestantismus von der Reformation bis zur Gegenwart, Berlin 1893. 5. Carl Nagel, Die Dorfkirchen der Uckermark, Diss. Greifswald 1914. 6. Gerh. L’Arronge, Der Thüringer Kanzelaltar von 1700 bis 1850, Diss. Jena 1922. 7. Alfred Wiesenhütter, Der evangelische Kirchbau Schlesiens, Breslau 1926. 8. Anton Ulbrich, Geschichte der Bildhauerkunst in Ostpreußen vom Ausgang des 16. bis in die 2. H. 18. Jh., 2 Bände, Königsberg 1926–29. 9. Eugen Maria Hausladen, Der markgräfl. Baumeister Joh. Dav. Steingruber und der evang. Kirchenbau, Ansbach 1930. 10. Gerh. Stade, Mecklenburgische Kanzelaltäre, Diss. Braunschweig 1931. 11. Herbert Werner, Das Problem des protestantischen Kirchenbaus und seine Lösungen in Thüringen, Gotha 1933.

Verweise