Alphabet

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englisch: Alphabet; französisch: Alphabet; italienisch: Alfabeto.


Oswald Erich (1934)

RDK I, 404–411


RDK I, 405, Abb. 1. Berlin, Kupferstichkabinett.
RDK I, 405, Abb. 2. Basel, Öffentl. Kunstsammlung.
RDK I, 407, Abb. 3. Meister E. S.
RDK I, 407, Abb. 4. Meister E. S.
RDK I, 407, Abb. 5. Hans Weiditz, 1521.
RDK I, 409, Abb. 6. Peter Flötner, um 1535/40.
RDK I, 409, Abb. 7. Niederrheinisch, E. 15. Jh.
RDK I, 409, Abb. 8. I. D. Steingruber, 1773.

Figuren-, Grotesken- oder Zieralphabet nennt man eine vollständige Reihe der Buchstaben des A., bei denen der Buchstabenkörper entweder aus menschlichen, tierischen oder ornamentalen Elementen geformt wird oder wenigstens mit solchen verziert ist. Die verzierten Initialen des Mittelalters können als Vorläufer dieser A. angesehen werden. Gegenstand selbständiger künstlerischer Gestaltung ist jedoch die ganze Folge der Buchstaben in ihrer traditionellen Ordnung in Deutschland erst im 15. Jh. geworden. In den frühen A. werden einzelne oder mehrere Menschen- oder Tierfiguren so bewegt und ineinander verflochten, daß sich die Formen von Buchstaben (in der Regel Minuskeln) ergeben. Später werden in der Regel die Figuren und die ornamentalen Dekorationselemente vom eigentlichen Buchstabenkörper gelöst und dem neutral gestalteten Buchstaben als Hintergrundsfüllung und schmückende Rahmung beigegeben; oft sind die Figuren in ganzen Szenen in den Buchstaben hineinkomponiert.

Im Gegensatz zu manchen mittelalterlichen Initialen, denen, zumal in Psalterien (Ad. Goldschmidt, Albanipsalter, Berlin 1895), eine auf dem Text und seiner Exegese fußende symbolische Bedeutung (vgl. Buchstabensymbolik) zugrunde liegen kann, entspringen die A. des 15. und 16. Jh. vor allem der Freude am Spiel der Linie, an dem freiwillig übernommenen Zwang, organische Elemente in die unorganischen Formen der Buchstaben einzuspannen. Zu diesem Spiel der Phantasie kommt im 15. Jh. noch ein entschiedener Hang zur Satire.

Noch aus dem Anf. 15. Jh. stammt das A. des Berliner Kupferstichkabinetts, eine Folge getuschter Federzeichnungen voll witziger Einfälle mit dem Besitzervermerk: „Dysz a b c v(er)ehrt und schanckht mir mein hertzliebe Basz Maria Crydenhuberin a dj 27 Maj . . 9 . (1598?) Hans Bach“ ([1 und 2]; Abb. 1). Wie alle A. der Zeit zählt es 23 Buchstaben, da u, v und w nur ein gemeinsames Zeichen haben. Diesen Zeichnungen stil- und artverwandt ist ein Holzschnitt-A. von 1464 im Britischen Museum ([3] und Schreiber, Hdb. IV. Nr. 1998), nach dem die Baseler Kunstsammlung eine verkleinerte kolorierte Holzschnittkopie besitzt (Schreiber, Hdb. IV, Nr. 1999; W. Bühler, St. z. dt. Kg. 290, 1933; vollständig auch bei [1]; Abb. 2). Eine Kupferstichkopie hat der „Meister mit den Bandrollen“ hergestellt (Lehrs IV, S. 155ff.).

Gleich nach 1464 erscheint ein offenbar von dem genannten Holzschnitt-A. in manchen Buchstaben abhängiges A. in Kupferstichen des Meisters E. S. (Lehrs II, S. 355ff., und [4-6]; Abb. 3/4). Reizvoll in der Erfindung bringt es in buntem Wechsel heilige und unheilige Szenen mit Tieren, Bürgern, Bauern, Rittern und Mönchen, bisweilen von gröblicher und gepfeffert satirischer Art. Das Kupferstichkabinett zu Bologna besitzt eine wenig abweichende Holzschnittwiederholung dieses A. (Schreiber, Hdb. IV, Nr. 2000), das auch von Israhel von Meckenem kopiert wurde (Lehrs II, S. 355ff.).

Mit dem Eindringen der Renaissance in Deutschland erfährt das Figuren-A. eine tiefgreifende Wandlung: In der Regel wird nicht mehr der Buchstabe selbst aus Figuren geformt, sondern diese bilden nur noch den Hintergrund oder die Umrahmung des in schlichter Antiqua gehaltenen Buchstabens. Ein frühes Beispiel dieser neuen Form ist das 1521 entstandene „Kinderalphabet“ von Hans Weiditz, bei dem spielende Kinder und Tiere die Hintergründe der knapp und klar gezeichneten, weiß heraustretenden Buchstaben füllen ([7] und Abb. 5). Nach dem gleichen Prinzip sind Figuren-A. von H. Holbein d. Ä., Anton Woensam von Worms u. a. angelegt. Auch Landschaften kommen als Buchstabenhintergründe vor. Aber auch die spätgotische Tradition der aus Figuren gebildeten A. reißt nicht ab. Peter Flötner sieht und komponiert in seinem etwa 1535-40 entstandenen „Menschen-A.“ Aktfiguren in die strengen Formen der Antiqua hinein und kommt so zu einer sonderbaren Mittelstellung zwischen antiker und deutsch-mittelalterlicher Auffassung (Abbild. 6). Ihm folgen Jost Amman (Zürich 1567), dessen schlanke Akt-Buchstaben französischen Geschmack verraten, und ein unbekannter Holzschneider, der für den Augsburger Verleger Martin Weygel arbeitete (E. F. Bange, P. Flötner, 1926, S. 21). Noch 1698 zeichnet P. Bernhard Mayr in Stift Altenburg eine Folge von Buchstaben aus Akanthusblattwerk, Putten und Tieren (Inv. Österreich V, Abb. 353). – Statt Figuren hat man ausnahmsweise auch Architekturteile zur Formung von Buchstaben verwendet. Eine dem späten 15. Jh. angehörende Kupferstichfolge mit gotischen Architekturdetails und Ornamentformen in Bologna hat J. Springer ([1, Taf. 17-39]; vgl. auch Lehrs IV, S. 304ff. und Abb. 7) vollständig veröffentlicht. Von ganz anderer Art ist ein architektonisches A. von J. D. Steingruber, das 1773 in Schwabach erschien (Jessen, 1085); es enthält 32 Entwürfe (Grundrisse und Ansichten) von kirchlichen und Profanbauwerken, die in den Formen des lateinischen A. angelegt sind (Abb. 8).

Der Zweck der Figuren-A. ist unklar. Es erscheint auffallend, daß sie immer wieder als Ganzes kopiert worden sind, und bemerkenswert, daß das A. Flötners in einen einzigen Holzstock geschnitten und als Ganzes umrahmt ist. Als Muster für praktische Verwendung im Buchdruck scheinen die Holzschnitte nicht geschaffen zu sein„ wenn auch vereinzelt verkleinerte Nachbildungen als Initialen benutzt werden, wie es für das Bologneser A. seit 1481 in Straßburger Drucken nachweisbar ist (Schreiber, Hdb. IV, S. 133). Auch das Kupferstich-A. des Meisters E. S. ist im Buchdruck und vor allem in Handschriften vielfach verwendet worden (Lehrs II, S. 375ff.). Dagegen ist der Initial auf dem Grabstein des Ursberger Abtes Wilhelm I. von Thannhausen († 1452; München, Bayr. Nat.-Mus., Kat. Halm-Lill, Nr. 210) nicht, wie Springer [1, S. 5] annimmt, nach dem in Wirklichkeit jüngeren Stich des Meisters E. S., sondern, wie B. Kurth [4] festgestellt hat, nach einer Miniatur in der Bibl. Civica zu Bergamo oder einer gemeinsamen Vorlage kopiert. Abwegig scheint der Versuch Bühlers, die Figuren-A. als „sprechende“ A., die zum Lesenlernen bestimmt waren, zu deuten. (Ebensowenig kann seine Behauptung ernst genommen werden, die verrenkten Körper des Baseler A. von 1464 ständen in Zusammenhang mit der Echternacher Springprozession und gestatteten eine Lokalisierung in die Gegend Trier-Echternach!)

Neben den Figuren-A. des 15. und 16. Jh. gibt es aber auch A. in Holzschnitt und Kupferstich, die tatsächlich für Lehrzwecke oder als Muster für den Buchdruck oder sonstige kunstgewerbliche Zwecke bestimmt waren. Als Vorlagen für Goldschmiede betrachtet Lehrs (IV, S. 303) drei gestochene A., zwei in gotischen Minuskeln, das dritte in lateinischer Majuskel, die in einen Sammelband Hartmann Schedels der Münchener Staatsbibliothek (Clm. 451) eingeklebt sind; es handelt sich um vermutlich niederrheinische Stiche des ausgehenden 15. Jh. Als Lehr-A. ist ein „ABC-Täfelchen“ von 1481 anzusehen, dessen Holzstock die Augsburger Staatsbibliothek bewahrt (Schreiber, Hdb. IV, Nr. 1997; vgl. auch Nr. 2001). Die Beischrift:

Öne grosse arbait vnnd bitter
hait. So mag kunst nicht
werden süssigkait Darumb
zu lernen bis berait 1481

läßt über den Zweck des Holzschnitts keinen Zweifel. Von den zahlreichen A.-Entwürfen deutscher „Schreibmeister“ des 16. Jh. (Joh. Neudörffer d. Ä. und d. J., Wolffgang Fugger, Georg Peschel u. a.), die vielfach in Buchform veröffentlicht wurden, hat neuestens Kurt Siebert (Meisterbuch deutscher Schrift, Berlin 1934) Proben herausgegeben. Über handschriftliche Entwürfe vgl. Peter Jessen, Meister der Schreibkunst aus drei Jahrhunderten, Stuttgart 1925, und den Art. Schrift.

Ein besonders wichtiges Dokument zur Buchstabenreform der Renaissance ist der bereits erwähnte Münchner Sammelband Clm. 451 des Nürnberger Stadtphysikus Hartmann Schedel († 1514), dem G. Dehio eine grundlegende Untersuchung gewidmet hat [9]. Er enthält neben einer Holzschnittreihe, der Kupferstichserie des Meisters mit den Bandrollen (s. o.) und drei genannten Kupferstich-A. für Goldschmiede (s. o.) eine stattliche Reihe von gezeichneten, meist geometrisch konstruierten Entwürfen in lateinischer, griechischer und hebräischer Schrift, die mit der von Johannes Laskaris († 1535) propagierten Buchstabenreform zusammenhängen.

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Staatl. Kupferstichkabinett, Buchstabe F aus einem Figurenalphabet des frühen 15. Jh. Getuschte Federzeichnung. Phot. Bibl. d. Staatl. Mus. Berlin.

2. Basel, Öff. Kunstslg., Buchstabe G aus dem Holzschnittalphabet von 1464. Nach St. z. dt. Kg. 290.

3. Meister E. S., Buchstabe S aus dem Figurenalphabet. Nach M. Geisberg [6], Taf. 205.

4. Meister E. S., Buchstabe V aus dem Figurenalphabet. Nach M. Geisberg [6], Taf. 207.

5. Hans Weiditz, Buchstaben Q R S aus dem Kinderalphabet von 1521. Holzschnitt. Nach M. I. Friedländer, Hans Weiditz, Berlin 1922.

6. Peter Flötner, Buchstaben A bis F aus dem Menschenalphabet. Holzschnitt um 1535/40. Nach E. F. Bange, Peter Flötner (Meister der Graphik 14), Leipzig o. J. (1926), Taf. 12.

7. Buchstabe H aus einem gestochenen Architekturalphabet. Niederrheinisch, E. 15. Jh. Nach J. Springer [1].

8. Joh. David Steingruber, Buchstabe W aus dem Architekton. Alphabet, Schwabach 1773. Phot. Staatl. Kunstbibl. Berlin.

Literatur

1. Jaro Springer, Got. Alphabete (Internationale chalkograph. Ges. 1897). 2. Ludw. Kaemmerer, Ein spätgot. Figuren-A. im Berliner Kk., Jb. d. Preuß. K.-Slg. 18, 1897, S. 216ff. 3. Campbell Dodgson, Grotesque Alphabet of 1464, London 1899. 4. Betty Kurth, Ein got. Figuren-A. aus dem E. d. 14. Jh. und der Meister E. S., Mitt. d. Ges. f. vervielfältigende Künste 1912, S. 45ff. 5. Max Geisberg, Der Meister E. S. Meister der Graphik 10, Leipzig o. J. (19242). 6. Ders., Die Kupferstiche des Meisters E. S., Berlin 1924. 7. Campbell Dodgson, An Alphabet by Hans Weiditz. Burl. Mag. 12, 1907/8, S. 289ff. 8. Ders., Two woodcut alphabets of the 15. cent. Burl. Mag. 17, 1910, S. 362ff. 9. Georg Dehio, Zur Geschichte der Buchstabenreform in der Renaissance, Rep. f. Kw. 4, 1881, S. 269ff., und „Kunsthistor. Aufsätze“, München-Berlin 1914, S. 197ff. 10. Franz Dornseiff, Das A. in Mystik und Magie, Leipzig 19252, S. 69ff.