A-O

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englisch: A-O; französisch: A-O; italienisch: A-O, alfa-omega.


Georg Stuhlfauth (1933)

RDK I, 1–6


RDK I, 1, Abb. 1. Kremsmünster, Tassilokelch, 8. Jh.
RDK I, 3, Abb. 2. Bonn, Fränkischer Grabstein.
RDK I, 3, Abb. 3. Vénasque, Grabstein, 5. Jh.

A–O (= A–Ω = Alpha-Omega), der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabetes, tritt in sinnbildlicher Selbstbezeichnung Gottes und Christi als des Ersten und des Letzten, d. i. des Ewigen, der da war, ist und sein wird, auf in der Offenbarung Joh.: im Munde Gottes 1, 8 und 21,6 („Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende“); im Munde Christi, 22, 13 („Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte“); zugehörig sind die Stellen 1, 17 und 2, 8, sofern sich Christus hier gleichfalls den Ersten und den Letzten nennt. Sachlich geht die Aussage der Apokalypse zurück auf das A.T.: Jes. 41, 4; 44, 6; was dort ohne Umschreibung von der unvergleichlichen Absolutheit Jahwes gesagt ist, ist in der Offenbarung Joh. in die Buchstabensymbolik übertragen. Diese Form findet sich bereits sowohl im Hellenismus als auch im rabbinischen Judentum; wahrscheinlich aber ist dem neutestamentlichen Apokalyptiker die A–O-Symbolik nicht aus dem hellenistischen, sondern aus dem palästinensischen Denken zugeflossen. So wie er die Nebeneinanderstellung des A–O als sinnbildliche Formel geprägt hat, ist sie jedoch der vor- und außerchristlichen Welt anscheinend unbekannt gewesen.

Zu besonderer geschichtlicher Bedeutung gelangte das Sigel A–O dadurch, daß es von der altchristlichen Literatur (Clemens Alex., Strom. IV 25; Tertullian, De monog. 5; Ambrosius, Expos. in VI visiones I, 8; Prudentius, Cathem. IX, 11) und vor allem von der christlichen Kunst einschließlich der Epigraphik aufgegriffen und, fast nur auf Christus, in wenigen Ausnahmen auf Gottvater bezogen, der christlichen Sinnbildersprache einverleibt wurde, um ungeachtet allen zeitlichen Wandels und allen Wechsels der kulturellen Umwelt aus ihr nie mehr zu verschwinden. Ihre reichste Blütezeit fällt zusammen mit der Periode des christlichen Altertums, näher mit dem 4.–6. Jh. Inschriftlich nachweisbar seit dem Ausgang des 3. Jh. brachte das 4. Jh. der Verwendung des A–O einen gewaltigen Aufschwung durch die Verbindung, die es einging mit den an Konstantin d. Gr. anknüpfenden sinnbildlichen Zeichen für den Namenszug Jesu (Abb. 2) und das für die Christusmonogramme eintretende einfache griechische und lateinische Kreuz (Abb. 3). Unzählige Male erscheint es mit diesen zusammen, sei es sie flankierend (A links, ω – der zweite Buchstabe ist in der Regel klein geschrieben – rechts, zuweilen auch umgekehrt), sei es in der Stellung unter den Querbalken, sei es über denselben oder auch mittels kleiner Kettchen an ihnen aufgehängt, auf Grabinschriften, Münzen, Medaillen, Sarkophagen, Ziegeln, Ringen, Lampen, Goldgläsern, Gefäßen, in Malerei, Mosaik, Plastik, an Kirchen, Haustüren usf. Demgegenüber steht A–O selten für sich allein, selten auch zusammen mit der Gestalt Christi selbst (so z. B. zu beiden Seiten des erhöhten Christus auf der Holztüre von S. Sabina in Rom: Garrucci, Storia d. arte crist. 500, 4) oder einer ihn vertretenden anderen Figur (Guter Hirt, Lamm).

Eben mit der Figur Christi, des erhöhten, thronenden oder richtenden (Abb. 1), hat nun aber das Mittelalter die beiden apokalyptischen Buchstaben, die es ihm zur Seite oder aber auch auf das aufgeschlagene Evangelienbuch gab, vorzugsweise weitergetragen, während mit dessen Eintritt die Formel des A–O im ganzen an Popularität verlor. Die mittelalterlichen Denkmäler, auf denen die Christusfigur mit A–O erscheint, sind sehr zahlreich. Hrabanus Maurus ergänzt in „De laudibus Sanctae crucis“ in einem Bilde des Gekreuzigten die beiden Buchstaben mit einem M = medium, das er in den Kreuznimbus zwischen A = initium und Ω = finis setzt (Migne, P.L. 107, 154). Gerne läßt der mittelalterliche Zeichner die beiden Buchstaben von einem Kreuzchen überhöht sein (vgl. Deckel des Ratmann-Missales, Abb. in Aspis). Häufig begegnen sie im Mittelalter auf Hostien, Osterkerzen, Glocken. In Glocken- und sonstigen Inschriften stehen sie zuweilen für den Namen Jesu (vgl. die Inschrift auf der spätromanischen Bronzetaufe in der St. Gotthard-Kirche zu Brandenburg a. H.: abluo peccata, do celi gaudia grata, s. Inv. Brandenburg II 3, S. 14).

Nachdem der Neuzeit seit dem 16. Jh. das A–O-Zeichen gleich anderen altchristlichen und mittelalterlichen Sinnbildern ziemlich fremd geworden war, ohne ihr indes völlig verlorenzugehen, wofür als einziges Beispiel aus der Barockzeit die Kanzel der Kirche in Buch (Mark Brandenburg, 1731 –1735) genannt sei, hat sich das 19. Jh. seiner wieder stärker erinnert und es mit anderen künstlerischen Werten der Vergangenheit zu neuem Leben erweckt.

Zu den Abbildungen

1. Kremsmünster, Tassilokelch, 8. Jh., Ausschnitt. Nach E. Heinr. Zimmermann, Kunstgewerbe des frühen Mittelalters, Wien 1923, Taf. 1.

2. Bonn, Prov.Mus., Fränkischer Grabstein aus Vochem. Phot. Mus.

3. Vénasque (Südfrankreich), Grabstein des Bischofs Boethius, † 604. Nach Edmond le Blant, Les sarcophages chrétiens de la Gaule, Paris 1886, Taf. LVI.

Vgl. auch das Antependium aus Kloster Rupertsberg bei Bingen, jetzt in Brüssel, abgebildet im Artikel Altarantependium.

Literatur

1. Herzog-Hauck I, 1896, S. 1–12. 2. Cabrol-Leclercq I, 1, 1907, Sp. 1–25. 3. P. Carus, A. and O., The Open Court 16, 1902, S. 620. 4. Max Sulzberger, Le symbole de la croix et les monogrammes de Jésus chez les premiers chrétiens, Byzantion 2, 1925, S. 337–448. 5. Wilh. Neuß, Die Apokalypse des hl. Johannes in der altspanischen und altchristlichen Bibelillustration, Münster 1931.