Almosenstock

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englisch: Alms-box; französisch: Tronc à aumônes; italienisch: Ceppo delle elemosine.


Hans Wentzel (1934)

RDK I, 388–393


RDK I, 387, Abb. 1. Oldesloe (Holstein).
RDK I, 387, Abb. 2. Oldesloe (Holstein).
RDK I, 387, Abb. 3. Seester (Holstein).
RDK I, 389, Abb. 4. Sandebeck (Kreis Höxter).
RDK I, 389, Abb. 5. Blankenburg (Braunschweig).
RDK I, 391, Abb. 6. Lübeck, Marienkirche.

(A. = Almosen; A.stock = Almosenstock usw.)

I. A.stock

Unter A.stock (A.block, A.pfahl, Armenblock, Kirchenstock) versteht man einen verschlossenen hölzernen (seltener: steinernen) Behälter, der zum Aufnehmen von Geldspenden für Zwecke der kirchlichen Wohlfahrt bestimmt ist. Er hat an seinem oberen Ende eine trichterförmig herausragende Schlitzöffnung, die in das Innere führt, das beutelartig zum Auffangen der Geldstücke mit Leder ausgeschlagen zu sein pflegt (Abb. 2). – Die Form des A.stocks ist pfahl- oder baumstammartig, also zylindrisch oder prismatisch. Zur Sicherung ist er meistens stark mit Eisenbeschlägen versehen (z. T. greifen sie um architektonische Stützen und Säulen herum – wie in Borstel im Alten Land – und klammern so den Block diebessicher fest). Außerdem ist der A.stock durchgängig in den Fliesenboden eingelassen und setzt sich als Baumstamm noch ein gutes Stück im Erdboden fort. Der Verschluß geschieht z. T. durch mehr als ein Dutzend Schlösser (Elmshorn), s. Register im Inv. Schleswig-Holstein III, 106. Der A.stock wird im Mittelschiff oder am Ausgang der Kirche aufgestellt; in den skandinavischen Ländern (bes. Gotland) steht er auch vor der Kirche und auf dem Kirchhof.

Seiner Form und Funktion nach ist der A.stock ein Abkömmling des mittelalterlichen Opferstockes (truncus), unterscheidet sich jedoch von diesem durch seine spezielle Ausgestaltung als protestantisches Kirchenausstattungsstück, da sich im prot. Kultus die Wandlung der freiwilligen Geldspende als „Opfer“ zur Geldspende als „Dienst am Armen“ und als Akt der „Gemeindewohltätigkeit“ vollzieht. Von dieser konkreten Bestimmung aus erklärt sich der wesentlich andere bildliche Schmuck als beim Opferstock. Der prot. A.stock zeigt ursprünglich nur die Inschrift „Gevet den Arme“ (Sandebeck, Kreis Höxter, 1588, Abb. 4) oder reicher mit Stifternamen von 1595: „GODT BETALLT ALLES S. M. – GEVET SO WERT IW GEGEWEN LUCAS 6 C. G. H.“ (Hoyershausen in Hannover). Zu dieser Mahnung erscheint dann – als Unterstützung der Bitte – die Figur des Armen selber. So in Oldesloe, wo am A.stock von 1590 (Abb. 1) ein halbnackter Bettler mit „Almosenschale“ auf einem Kissen sitzt.

An Stelle des Bettlers in seiner speziellen Leidensgebärde tritt dann die Gestalt des Armen schlechthin, von dem das Gleichnis Jesu spricht: Lazarus. Er ist durch Beulen, Geschwüre und die Hunde, die sie lecken, gekennzeichnet. Den allgemeinen zeitlichen Prinzipien entsprechend, die in der Kirchenausstattung gerne den geistig-symbolischen Träger zum körperlich Tragenden, zum Atlanten machen (Moses unter der Kanzel, Engel unter dem Taufbecken), trägt Lazarus den eisenbeschlagenen oberen Teil des A.stocks wie in Seester (Abb. 3), Ütersen, Tondern. In der speziellen ikonographischen Ausprägung des hockenden Lazarus wird vermutlich an Typen des „Christus im Elend“ angeknüpft oder an Darstellungen des hl. Rochus; ein A.stock mit Rochus, der eine Opferschale und den Pilgerstab trägt, in Granzin bei Boizenburg (Elbe).

II. A.büchse, A.ständer

Neben dem A.stock und der Kirchentruhe kommen in der prot. Kirche zum Einsammeln von Almosen der Kollektenteller und die Almosenbüchse vor. Die A.büchsen (zwischen 20 und 40 cm hoch) haben zylindrische oder eiähnliche Form, mit Geldschlitz und Eisenbeschlägen, und hängen an einer kurzen Kette. Sie sind z. T. bemalt, etwa mit dem hl. Laurentius (Lübeck, wo sich zwölf A.büchsen im Museum befinden); eine 10 cm hohe eiserne A.-büchse in Kugelform von 1735 in Ed in Schweden (Inv. Wärmland I, 2, Abb. 154). Stehende A.büchsen sind höchst einfach, meistenteils aus Eisen oder Eisenblech; sie pflegen nur zum Gottesdienst aufgestellt zu werden. Über mittelalterliche Vorformen vgl. Henry Havard: Diction. de l’ameublement et de la décoration depuis le 13. siècle jusqu’à nos jours, 1887/90, Bd. IV, Abb. 884/5.

Für solche nicht an einen festen Platz gebundene A.büchsen (und Kollektenteller) benötigte man Ständer, an die sie etwa durch Ketten angeschlossen werden konnten. Diese A.ständer sind meist sehr einfach aus Schmiedeeisen; ein schönes Stück (sicher schon für den Kollektenteller bestimmt) aus Rundeisen in Durchsteckarbeit in Oldesloe in Holstein.

III. A.tafel

Über solchen auf A.ständern stehenden Kollektentellern und über tragbaren oder fest hängenden A.büchsen und auch über unverzierten A.stöcken pflegte man A.tafeln (durchgängig in Malerei, selten in Relief wie in Mehlsack i. Ostpreußen, Abb. 48 bei K. H. Clasen: Deutsche Volkskunst in Ostpreußen, München o. J.) aufzuhängen, die auf den Zweck des A.stocks hinweisen und die Bitte um die Spende durch den bildlichen Inhalt unterstützen sollten; Vorformen der A.tafel stellen wohl die in A.kästen geklebten Holzschnitte dar: von ca. 1500 in Basel, Hist. Mus. 1887/192. Nach Bergner (S. 368) zeigen die A.tafeln etwa das Scherflein der Witwe oder die Werke der Barmherzigkeit. Mehrfach zu belegen sind A.tafeln mit Lazarusdarstellungen (s. I.): so in Oldesloe mit der Inschrift „Wer den Armen gibt, dem wird nichts mangeln, Wer aber seine Augen abwendet, der wird sehr verderben“ oder in Elmshorn 1661: „Peter Schröder Arent Krutzfeldt der Armen vorsteher. Ihr Lieben Christen gebet den Armen, So wird sich godt vber euch erbarmen.“ Das schönste Beispiel der gemalten A.tafeln mit einem von Hunden umgebenen Bettler in der Marienkirche zu Rostock, 1653 von Emanuel Block; als Bittverse werden aufgeführt: Psalm 25,18; 112, 9; Matth. 5, 7; Luk. 6, 38; weitere Bittverse auf einer nachträglich aufgehängten größeren Tafel. Eine ähnliche A.tafel über mittelalterl. Opferstock in der Klosterkirche zu Doberan mit den Bibelsprüchen Gal. 6,9; Matth. 25, 40; Psalm 25, 18. Die reichste A.tafel in Malerei und Plastik als stehende Tafel über einem Gotteskasten in der Lübecker Marienkirche vom Jahre 1670 (Abb. 6); zuunterst in rechteckigem Felde ein Bettler, der seine „Almosenschale“ bittend vorstreckt, darüber zwischen Engeln und Marterwerkzeugen: „Woll dem, der sich desz Dürfftigen Annimbt, den Wirdt der Herr Erretten zur bösen Zeit, Psalm 41; Wer kerchlich seet, wirdt kerchlich ernten. Si Non Pavisti Occidisti. Ambros: 1670.“ Darüber Kruzifix vor gemaltem Grund, zur Seite Glaube und Liebe in Relief; als Krönung die Statuette Christi als Salvator Mundi. – Eine einfachere A.tafel von 1775 mit Bettler und Christus und der Inschrift der Tafel der Marienkirche in niederdeutscher Mundart im Lübecker Dom (Inv. Lübeck III, 297); die früheste dieses Typus, von 1591, im St. Annen-Museum. Ähnliche A.tafeln sind auch auf der Insel Gotland bekannt (mit Bettler und Hund vom Jahre 1652 in Fole, Inv. Bd. I, S. 319; s. a. S. 550). Typisch für den strengen Protestantismus des 16. und frühen 17. Jh. ist die Gegenüberstellung von zwei Bibelstellen in moralisierendem Ton, von denen die eine dem A.geber himmlischen Lohn verheißt, die zweite für die Unterlassung Jenseitsstrafen ankündigt – vielleicht unter Einfluß der Todesmahntafeln. „De armen deistv gans vergeten, Dat wert dy tom lasten vordreten“ (Flensburg, St. Nikolai, 1574; s. Klaus Witt in Nordelbingen, Bd. 4, 1925, S. 639). – Auf Grund einer besonderen örtlichen Armenpflegertradition wurden im Jahre 1531 in Frankfurt a. M. beiderseitig bemalte A.tafeln an den A.stöcken angebracht. Sie zeigen einen Ratsherrn, der aus seiner Börse Geld spendet, vor ihm zwei „Hausarme“, die ihm bittend leere Schüsseln entgegenstrecken. Am oberen Rand der Tafel die Inschrift: „Gebt den huszarmen umb Gottes willen in gemeynen kasten. 1531“, darunter der Frankfurter Adler (Harry Gerber, „Im Frankfurter Raum“, I, 1931, Heft 1, S. 23).

Zu den Abbildungen

1. Oldesloe in Holstein: A.stock mit Bettler und Inschrift: „Gevet den Armen.“ Holz, bemalt; mit vielen Schlössern und Eisenbeschlägen. 1590. Phot. Verf.

2. Derselbe, geöffnet; im ausgehöhlten Stamm Lederbeuteleinsatz. Phot. Verf.

3. Seester in Holstein, A.stock mit Lazarus, dem Hunde die Wunden lecken. 1631, aus der Werkstatt Ludwig Münstermanns in Hamburg. Phot. Verf.

4. Sandebeck (Kr. Höxter), A.stock aus Stein, 1588. Inschrift: „Gevet den arme.“ Phot. Denkmalarchiv der Prov. Westfalen, Münster.

5. Blankenburg (Braunschweig), Schloßkirche, A.stock um 1575. Holzkasten auf Sandsteinsäule. Nach Inv. Braunschweig VI, S. 73.

6. Lübeck, Marienkirche. A.tafel von 1670 über einem Gotteskasten. Phot. Castelli, Lübeck.