Almandin

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englisch: Almandin; französisch: Almandine; italienisch: Almandina, alabandina.


Karl Hermann Usener (1934)

RDK I, 381–384


RDK I, 379, Abb. 1. Wiesbaden.
RDK I, 379, Abb. 2. Frankfurt a. M.
RDK I, 381, Abb. 3. Paris, Cabinet des médailles.
RDK I, 381, Abb. 4. Berlin, Schloßmuseum.

Almandin (orientalischer Granat, sirischer Granat, edler Granat, indischer Almandin, früher auch zusammen mit dem Rubin Karfunkel, Karfunkelstein genannt) ist ein Eisentonerdgranat mit geringen Teilen Eisenoxyd und Manganoxydul (Spez. Gewicht = 4,1; Härte = 7½) von vorwiegend dunkel-purpurroter, meist etwas ins Violette gehender Farbe, größerer oder geringerer Durchsichtigkeit sowie Glas- und Fettglanz. Er wird heute hauptsächlich auf Ceylon, in Vorderindien und in Brasilien gewonnen, kommt jedoch auch in Australien und in geringeren Mengen in Europa vor (Tirol, Ungarn, Alicante in Spanien).

In Deutschland taucht der A. zuerst in der Goldschmiedekunst der Völkerwanderungszeit auf, als Schmuckstein und vor allem als bevorzugtes Einlagematerial der charakteristischen Technik jener Zeit, der Zellenverglasung, die zugleich sein besonderes Verwendungsgebiet ist. Abgesehen von sporadischen östlichen Importstücken früherer Zeit (Wolfsheimer Fund im Mus. Wiesbaden, Abb. 1) wird diese Technik und mit ihr der Gebrauch des A. erst von den Goten auf ihrer Wanderung aus dem hellenisierten südrussisch-ungarischen Gebiet nach dem Westen gebracht. Im Anschluß an die gotische Zellenverglasung – zuweilen auch unter dem Einfluß des nie ganz abreißenden byzantinischen Importes – wird die A.-Einlage bei Franken, Alemannen, Burgundern und Bayern gleichmäßig häufig verwendet. Als Zelleneinlage wird der A. tafelförmig geschliffen und den Zellen entsprechend in den verschiedensten Formen geschnitten. Am häufigsten sind geometrische Formen (Dreieck, Rechteck, Quadrat, Kreissegment usw.), doch kommen auch – besonders in späterer Zeit – Stücke in Herz-, Lilien- und anderer Gestalt vor. Bei der Durchsichtigkeit des A. wird die Grundfläche der Zellen gern als Folie durch ein Muster (meist einfache Schraffur, Abb. 2) belebt, das von unten in die Metallfläche eingeschlagen oder von oben in sie graviert wird. Als Schmuckstein (an Fibeln, Schmuckplatten usw.; vgl. auch den Außenstreifen am Ortband des Childerichschwertes, Abb. 3) in Loch- und Kastenfassung wird der A. häufig auch mugelig geschliffen und kommt dann oft in runden oder ovalen Stücken vor, deren Unterseite gern ausgeschlägelt ist. Der Gebrauch des A. findet sich sowohl bei fürstlichen Prunkstücken (westgotische Votivkronen in Paris und Madrid; Childerichschwert, Abb. 3) und kirchlichem Gerät (Kelch und Patene aus Gourdon in Paris) als auch bei goldenen, silbernen und Bronzefibeln (Abb. 2). Gegen Ende der Völkerwanderungszeit, zur Zeit der Merowinger, wird der A. als Einlagematerial allmählich durch farbigen Glasfluß ersetzt. In der altertümlichen Goldschmiedekunst des 8. Jh. noch häufig (Lindauer Buchdeckel, New York; Taschenreliquiar aus Enger, Berlin, Abb. 4) kommt er in der karolingischen Goldschmiedekunst des 9. Jh. nur mehr an untergeordneter Stelle im Filigran (Deckel des Codex Aureus, Münch. Staatsbibl. – in der Form von kleinen Blättchen) vor. Mit der Verdrängung der Zellenverglasung durch den Zellenschmelz in ottonischer Zeit verliert auch der A. seine besondere Bedeutung. Er wird nur noch gelegentlich in der karolingischen Verwendungsart im Filigran angewandt (Andreasportatile des Trierer Domschatzes – kleine Herzen, wie schon an der Patene von Gourdon).

Der frühmittelalterliche A. scheint ausschließlich aus Indien zu kommen. Seine Verbreitung nach dem Westen wird am ehesten über den byzantinischen Levantehandel gegangen sein, zumal auch importierte byzantinische Goldschmiedearbeiten mit A.-Einlagen während der Völkerwanderungszeit häufig nachweisbar sind; so finden sich unter den Stücken des Childerichgrabes Schnallen, die sicher byzantinischen Stücken aus Apahida gleichen.

In der Folgezeit bis hin zur Gegenwart dient der A. wie die anderen Edelsteine in erster Linie als Schmuckstein auf kirchlichem und weltlichem Goldschmiedegerät und an Kleinodien. Art und Häufigkeit seiner Verwendung sind wie die aller Edelsteine den Schwankungen von Stilwille und Mode und den Gegebenheiten der Wirtschafts- und Handelsgeschichte unterworfen. So ist er als Schmuckstein in ottonischer Zeit noch relativ häufig, während die romanische Zeit mit ihrer Bevorzugung der Halbedelsteine ihn seltener verwendet. Erst mit der Spätgotik wird er wieder gebräuchlicher. Besonders beliebt ist der A. neben anderen Granaten im 19. Jh. Seine häufige Verwendung in dieser Zeit steht offenbar in Zusammenhang mit der Erschließung neuer Fundstellen.

Seit Renaissance und Barock – besonders aber im 19. Jh. – wird der A. außer dem immer noch recht verbreiteten tafelförmigen und besonders dem mugeligen Schliff (bei dem gern die Unterseite ausgeschlägelt wird, Granatschale) auch facettiert geschliffen (in Treppenschliff, Rosetten- und Brillantform).

Zu den Abbildungen

1. Wiesbaden, Landesmus., Gürtelschnalle aus Wolfsheim. Oströmisch, 3. Jh. Phot. Mus.

2. Frankfurt a. M., Kunstgewerbemus. Fränkische Rundfibel aus Schwarzrheindorf, 6. Jh. Phot. Verf.

3. Paris, Cabinet des Médailles, Ortband von der Scheide des Childenchschwertes, fränkische (oder byzantinische?) Arbeit des 5. Jh. Phot. Kunstgesch. Seminar, Marburg.

4. Berlin, Schloßmus., Taschenreliquiar aus Enger, 8. Jh. Phot. Kunstgesch. Seminar, Marburg.

Literatur

1. Otto v. Falke, Das K.-Gew. der Völkerwanderungszeit, in Lehnert, Ill. Gesch. des K.-Gew., Bd. 1, Berlin o. J. (1907–08). 2. Marc Rosenberg, Gesch. d. Goldschmiede-K. auf techn. Grundlage; 4. Abt. Zellenschmelz I, II, Frankfurt a. M. 1921. 3. Herbert Kühn, Das K.-Gew. der Völkerwanderungszeit, in H. Th. Bossert, Gesch. des K.-Gew. aller Zeiten u. Völker, Bd. 1, Berlin 1928. Weitere Lit. unter Edelsteine, Goldschmiedekunst und Zellenverglasung.

Verweise