Akroterion

Aus RDK Labor
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Acroterium, Acroterion; französisch: Acrotère; italienisch: Acroterio.


Wolfgang Herrmann (1934)

RDK I, 274–282


RDK I, 273, Abb. 1. Rosheim (Elsaß), St. Peter u. Paul.
RDK I, 275, Abb. 2. Mainz, Dom.
RDK I, 275, Abb. 3. Stuttgart, Fruchtkasten.
RDK I, 275, Abb. 4. Straßburg, Münster.
RDK I, 277, Abb. 5. Riga, Schwarzhäupterhaus, 1622.
RDK I, 277, Abb. 6. Aschaffenburg, Schloß.
RDK I, 277, Abb. 7. Diessen, Klosterkirche.
RDK I, 279, Abb. 8. Aachen, Münster.

Akroterion (griech., „äußerste Spitze“; lat. Acroterium) nennt man in der antiken Baukunst und ihren klassizistischen Nachahmungen ein Bauglied, das ohne engeren (strukturellen) Zusammenhang und ohne künstlerische Vorbereitung auf die Spitze oder die Ecken eines Giebels gesetzt ist, als selbständige und gleichsam entbehrliche Zutat (Gegensatz: die gotische Kreuzblume und Fiale). Die Funktion des A. ist lediglich künstlerischer Art; sie liegt in der Betonung der entscheidenden Punkte des Giebels sowie in der Auflockerung und Bereicherung seines Umrisses. Andere Epochen kennen Giebelaufsätze ähnlicher Gestalt und Funktion, die mitunter als Giebelzier oder -zinne, auf der Spitze des Giebels auch als Giebelähre bezeichnet werden (dieser Name wird zugleich für kreuzblumenartige Gebilde gebraucht). – Das A. ist in gleicher Weise an wirklichen Gebäuden wie an architektonischen Gebilden anderer Art (Stelen, Ädikulen, Sarkophagen, Altaraufsätzen, Reliquienschreinen) möglich.

Schon an den ältesten griechischen Tempeln lassen sich A. nachweisen. Sie bestehen dort meist aus einem ornamentalen Gebilde, in der Regel einer großen Palmette. Doch werden zuweilen auch menschliche Figuren, wie z. B. Nikestatuen, oder Greifen und andere Tiere als A. verwandt.

An den schmucklosen frühchristlichen Kirchen des Abendlands ist naturgemäß kein Platz für dieses Motiv. Auch an den Bauten der karolingischen bis frühromanischen Zeit fehlt es gewöhnlich noch. Doch ist für die Pfalzkapelle in Aachen ein Adler-A. als kaiserliches Abzeichen literarisch belegt (Schlosser, Schriftquellen, Nr. 116); vielleicht dürfen auch für Bauten wie die Lorscher Torhalle A. angenommen werden. Im 12. und beginnenden 13. Jh. sind sie dann nicht mehr selten. Gewöhnlich wird nur die Spitze des Giebels bekrönt, und zwar in der Regel mit einem Kreuz oder einer Kreuzblume, zuweilen auch mit einer Kugel oder einem Pinienzapfen; in Worms (Dom) sitzen Kreuze auf durchbohrten Kugeln. Reicher durchgebildete Bauten sind oft mit figürlichen A. geschmückt. Am häufigsten sind Adler und Löwen; daneben treffen wir auf andere Vierfüßler, menschliche Figuren und Engel (Abb. 1 und 2). Besonders zahlreich sind die figürlichen A., ja die A. überhaupt, im Elsaß (St. Peter und Paul in Neuweiler; St. Johann, Maursmünster, Rosheim), ferner am Mittelrhein (Worms, Mainz). Eck-A. sind selten. Das Elsaß kennt Beispiele in Rosheim (Abb. 1), Sigolsheim und St. Johann. Von besonderer Art ist die Rolle der A. am Dom zu Worms, wo auf den Turmhelmen jeder der zahllosen Dacherker mit einem solchen besetzt ist. Die A. am Westchor des Mainzer Doms sind durch dekorierte Säulen erhöht (Abb. 2). – Wegen ihrer exponierten Stellung sind die A. älterer Bauten nur lückenhaft erhalten, was ein Urteil über ihre Formen und ihre Verbreitung erschwert. Anders steht es in der Goldschmiedekunst, wo auf architektonisch angelegten Reliquienschreinen fast regelmäßig Giebelaufsätze („Knäufe“) zu finden sind (Abb. 8).

Die Gotik kennt das A. in seinem ursprünglichen und eigentlichen Sinn nicht. Sie setzt an seine Stelle Fialen und Kreuzblumen, die sich als unselbständige und notwendige Endigung organisch aus den Giebelschenkeln entwickeln. In den seltenen Fällen, in denen gotische Giebel von Statuen bekrönt werden (Straßburg, Glockenhaus der Westfassade; Wimpfen, Südportal), sind diese nicht selbständige Gebilde im Sinn antiker Giebelfiguren, sondern sie vertreten gewissermaßen den Kopf der Kreuzblume und stehen durch ihr Postament in engstem Zusammenhang mit dem Unterbau (Abb. 4).

Für die nach mittelalterliche Geschichte des A. hat der gotische Staffelgiebel entscheidende Bedeutung. Denn ohne das Vorbild seiner zahlreichen Fialen, die aus jeder Staffelecke hervorschießen, ist die so unantike Häufung der Aufsätze bei den nordischen Renaissancegiebeln kaum denkbar. Sie stehen wie die Fialen auf den Ecken der Staffeln (Abb. 6), manchmal aber auch auf den Voluten, die die einspringenden Winkel in der Regel ausfüllen (Danzig, Zeughaus; Schloß Bevern). Als im Barock die Giebel einfacher werden, nimmt die Zahl der A. ab. Oft sind es 5. Sie sitzen auf den vorspringenden Ecken von Verkröpfungen oder auf Knickstellen im Umriß (Abb. 7).

Die Formen der nachmittelalterlichen A. sind sehr mannigfaltig. Zunächst sind Obelisken am beliebtesten, später Vasen. Daneben kommen Pyramiden, Kugeln, Knäufe, fialenartige Gebilde und Pinienzapfen vor (am Augsburger Rathaus als Wappenbild der Stadt), ferner Kreuze und andere religiöse Symbole, vor allem aber auch Figuren (Braunschweig, Gewandhaus). Das 18. Jh. verwendet gelegentlich freier geformte Gebilde aus Figuren mit Wappen, Trophäen u. ä. (Trier, Kurfürstenpalais). Das Rotenburger Rathausportal bekrönen Adler (Abb. Sp. 171). Seltener treffen wir schmiedeeiserne Giebelaufsätze (Schwarzhäupterhaus, Abb. 5); sie sind gewöhnlich mit einer Wetterfahne verbunden. Gelegentlich werden sie zu einer kurzen Inschrift geformt (Schönenberg bei Ellwangen, 1682). Die meisten Giebel tragen nebeneinander verschiedene Typen von Aufsätzen; die Spitze ist dann besonders häufig mit einer Figur besetzt, deren Postamente die Renaissance besonders nachdrücklich auszubilden pflegt (Abb. 3). – Liegende oder sitzende Giebelfiguren, wie sie jetzt üblich werden (Nürnberg, Rathaus; München, Residenz), wird man nicht mehr als A. bezeichnen dürfen, weil ihnen der mit dem Begriff A. notwendig verbundene Charakter des „Zugespitzten“ fehlt.

Stärker klassizistisch eingestellte Baumeister des 18. Jh. geben nach einem palladiesken Schema 3 A., gewöhnlich Figuren (Berlin, Opernhaus und Hedwigskirche). Ebenso häufig lassen sie ihre Giebel jedoch ohne jede Bekrönung, wie es in Frankreich und Italien schon im 16. Jh. üblich wird. Diese Tendenz nimmt allmählich zu. Von ungefähr 1770 ab verschwindet das A. vollständig. Reine Klassizisten wie Gilly, Weinbrenner oder K. v. Fischer in München wenden es niemals an. Erst für Schinkel und seine Zeitgenossen wird das Palmetten-A. wieder ein wichtiger Bestand ihres Formenapparats. Zum erstenmal tritt es 1816 an Klenzes Glyptothek auf, um sich dann bei fast allen Monumentalbauten der 20er und 30er Jahre zu wiederholen. Abweichend von der Regel, die nur die wesentlich kleiner als in der Antike ausgebildete Palmette gelten läßt, schmücken die Giebel des Schinkelschen Schauspielhauses in Berlin hohe Standfiguren.

Dem A. verwandte Formelemente sind Gebälk-, First- und Turmbekrönungen sowie Aufsätze auf Brüstungen.

Zu den Abbildungen

1. Rosheim (Elsaß), St. Peter u. Paul, Fassade von SW., 12. Jh. Phot. Freyermuth (Staatl. Bildstelle, Berlin).

2. Mainz, Dom, Westchor-Südgiebel, Anf. 13. Jh. Phot. Architekt Karl Usinger, Mainz.

3. Stuttgart, Fruchtkasten, Marktgiebel, 1592. Phot. Württ. Bildstelle, Stuttgart.

4. Straßburg, Münster, Entwurf zur Glockenhausfassade (Ausschnitt), um 1370. Nach Otto Schmitt, Got. Skulpturen des Straßburger Münsters, Frankfurt a. M. 1924.

5. Riga, Schwarzhäupterhaus, Marktgiebel, 1622. Phot. Joh. E. Kundt, Riga.

6. Aschaffenburg, Schloß, voll. 1614, Ziergiebel. Phot. L. Gundermann, Würzburg.

7. Diessen, Klosterkirche, geweiht 1739, Westgiebel. Phot. F. Adam, Fürstenfeldbruck.

8. Aachen, Münsterschatz, Schmalseite des Marienschreins, um 1225. Phot. Dr. Franz Stödtner.

Literatur

Camillo Praschniker, Zur Geschichte des Akroters, Brünn, 1929. (Schriften der philos. Fakultät der dt. Universität in Prag, 5.)

Verweise