Ahnenwappen

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englisch: Arms (ancestral arms), ancestral arms; französisch: Armoiries; italienisch: Stemmi degli antenati.


Ottfried Neubecker (1933)

RDK I, 233–240


RDK I, 233, Schema 1
RDK I, 233, Schema 2
RDK I, 233, Schema 3
RDK I, 235, Schema 4
RDK I, 235, Abb. 5. Heroldsbuch des Jülischen Hubertisordens, um 1480.
RDK I, 235, Abb. 6. Gars, Grabmal, 1488.
RDK I, 237, Abb. 7. Galten (Jütland), Epitaph, um 1647-48.
RDK I, 237, Abb. 8. Wittenberg, Grabmal Friedrichs des Weisen, 1527.
RDK I, 237, Abb. 9. Würzburg, Grabmal von Frankenstein, c. 1780.

Ahnenwappen sind die in einer gewissen Ordnung zusammengestellten Wappen der Ahnen (= Quartiere) irgendeiner Person bis zu einer bestimmten Generation, als Ganzes auch Ahnenprobe genannt. Treten Wappen in Gruppen von 2, 4, 8, 16, 32 auf, so ist zu vermuten, daß es sich um A. handelt, vorausgesetzt, daß nicht Allianzwappen (bei 2 allein, bei 4 mit 2 A. zusammen) oder Territorialwappen vorliegen, wie beides z. B. auf dem Grabmal der Kaiserin Eleonore, der Gemahlin Friedrichs III., in Wiener Neustadt der Fall ist. Ausnahmsweise werden auch Stifterwappen wie A. angebracht [11]. Sind den A. Initialen beigefügt, so beziehen sie sich auf die Ahnen der obersten vorkommenden Generation.

Die Reihenfolge der A. richtet sich fast immer nach der alten Ahnenbezifferungsmethode (Ahnentafel, Schema 2). Doch macht das Vorkommen verschiedener Abweichungen von dieser (einige ebd. unter Schema 3) eine ganz sichere genealogische Ausdeutung der A. ohne andere Hilfsmittel unmöglich. Bei der gewöhnlichen Anordnung in 2 senkrechten Reihen, die einander gegenüberstehen, werden in der einen die Wappen der väterlichen, in der andern die der mütterlichen Ahnen zusammengestellt. Die Zählung würde hierbei oben links beginnen, oben rechts fortfahren und dann abwechselnd links und rechts weiterlaufen (Schema 1b, 1c), sofern nicht die beiderseitigen Ahnen gesondert durchlaufend beziffert werden (Schema 1 d). Doch kommen auch Vertauschungen vor (Schema 2). Bei waagerechten Reihen wird fast immer in der Mitte begonnen und springend fortgefahren (Schema 1 e). Steht das Wappen des Ahnenträgers schon im Mittelpunkt, so wird es unter den A. nicht selten durch das Wappen derjenigen Familie ersetzt, die in der Ahnentafel „mit der Gabel“ hinzukommt (Schema 3 a, 3 b). Die Zusammenstellung mehrerer A. in einem Schild ist verhältnismäßig selten (Schema 4). Die A. von Ehegatten werden wie die von Kindern aus dieser Ehe behandelt (z. B. nach Schema 1 d, vgl. aber die Beispiele bei [11]). Im Mittelalter werden die A. zuweilen in die Verästelungen eines Baumes gesetzt, ohne daß diese dem genealogischen Zusammenhang entsprechen (Hs. auf Schloß Rheda: Inv. Westfalen, Kr. Wiedenbrück, Taf. 32). Nicht selten sind die A., besonders auf Grabsteinen u. ä. erdichtet, irrtürmlich falsch ausgewählt oder unrichtig wiedergegeben.

Die Verbreitung der A. in der bildenden Kunst findet wie die der Ahnentafeln natürliche soziale und zeitliche Grenzen in der Voraussetzung einer Gesellschaftsschicht mit praktischen genealogischen Interessen, wie sie im Adels- und Fürstenstand des späten Mittelalters und der Neuzeit bis zum 19. Jh. gegeben war. Andrerseits sind aber die künstlerischen Schwierigkeiten im Falle der A. sehr viel geringer, da sie nur an eine bestimmte Reihenfolge, nicht aber an ein festes Anordnungsschema gebunden sind. Sie sind daher nicht nur im 16. und 17. Jh. sehr viel häufiger als Ahnentafeln, ihr Vorkommen setzt auch früher ein und dauert länger an.

Außer auf Epitaphien treffen wir sie besonders auf Grabsteinen und Särgen, aber auch auf Gebrauchsgegenständen, in Ordensaufschwörungen, Heroldsbüchern (Abb. 5) und in Matrikeln (z. B. Erfurter Universitätsmatrikeln, ed. Weißenborn, 1881-88). Bereits im 14. Jh. werden in Würzburg Bischofsgrabmäler mit 2 A. verschen; im 15. Jh. treten 2 weitere hinzu. Wie sehr jetzt die A. beim Grabmal einem künstlerischen Bedürfnis entgegenkommen, zeigt die dekorative Wiederholung von Einzelwappen, wie wir sie etwa im Mainzer Dom in mehreren Beispielen beobachten können. Gegen E. 15. Jh. steigt die Zahl der A. auf 8, seit 16. Jh. auf 16 und vereinzelt auf 32 (Abb. 7). Bis E. 18. Jh. bleiben die A. in Gebrauch. – Auf Grabplatten finden sie gewöhnlich in den Ecken oder an den Rändern der Langseiten ihren Platz (Abb. 6), auf Epitaphien an der Rahmung oder Architektur (Abb. 7 u. 8). Hier und da werden sie auch an Obelisken geheftet, im Barock an Vorhänge oder Girlanden (Abb. 9), oder sie werden von Engeln und andern Figuren gehalten.

Zu den Abbildungen

1.-4. s. Schemata im Text.

5. Berlin, Staatsbibl., ms. germ. quart. 1479: Heroldsbuch des Jülischen Hubertusordens, um 1480, Bl. 54 r: Graf Wilhelm von Blankenheim. Nach Hss. d. Preuß. Staatsbibl. zu Berlin 5, bearb. von Hans Wegener, Leipzig 1928, Taf. 6.

6. Gars (Oberbayern), Grabmal der Madalena Ebenstetter, † 1488. Phot. Bayr. Landesamt für Denkmalpflege, München.

7. Galten (Jütland), Epitaph des Thomas Juel († 1647) und der Maren Bølle († 1648) am Triumphbogen der Kirche, Meister A. S. Nach Otto Rydbeck, Två märkliga Konstnärer, Stockholm 191 8.

8. Wittenberg, Schloßkirche, Grabmal Kurfürst Friedrichs des Weisen, 1527 von Peter Vischer. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

9. Würzburg, Dom, Grabmal Joh. Phil. Ludw. von Frankenstein († 1780). Phot. L. von Herrnböck, Würzburg.

Literatur

1. Willibald Leo Freiherr von Lütgendorff-Leinburg, Familiengesch., Stammbaum u. Ahnenprobe, Frankfurt a. M., 19102, S. 131ff. 2. Friedrich Wecken, Taschenbuch f. Familiengeschichtsforschung, Leipzig 19304, S. 51ff. u. 129-131. 3. Ottokar Lorenz, Lehrbuch d. gesamten wiss. Genealogie, Berlin 1898, S. 201ff. 4. Erich Weißenhorn, Quellen u. Hilfsmittel d. Familiengesch., Papiermühle 19122. 5. Otto Forst-Battaglia, Genealogie, Leipzig 1913. 6. Eduard Heydenreich, Hdb. d. prakt. Genealogie, 2 Bde., Leipzig 1913. 7. Ernst Devrient, Familienforschung, Leipzig 19192. 8. Hermann Hahn, Die Brunnenschale in d. Burgruine Nannenstein b. Landstuhl, Vjschr. f. Wappen-, Siegel- u. Familienkunde 26, Berlin 1898, S. 144ff. 9. Karl Friedr. Leonhardt, Spätgot. Grabdenkmäler d. Salzachgebietes, Leipzig 1913, Kap. 8; ders., Familiengesch. Blätter 1911, S. 159f., 176ff.; 1912, S. 74f., 106ff., 170ff.; 1921, S. 9ff., S. 45ff. 10. Stephan Kekule von Stradonitz, Ahnenproben auf Kunstwerken, Ausgew. Aufsätze aus dem Gebiete des Staatsrechts u. d. Genealogie, Berlin 1905, S. 253ff. 11. Walther Möller, Bemerkenswerte außergewöhnliche Anordnung von Wappen auf Grabsteinen, Der Deutsche Herold 57, Berlin 1926, S. 36ff. 12. Ahnentafeln auf Siegeln, Heraldische Mitt., hrsg. v. Ver. Zum Kleeblatt, 16, Hannover 1905, S. 37ff.

Verweise