Ahnengalerie

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englisch: Gallery of ancestral portraits; französisch: Galerie d'ancêtres; italienisch: Galleria degli antenati.


Walter Schürmeyer (1933)

RDK I, 221–227


RDK I, 221, Abb. 1. Marburg, St. Elisabeth, Landgrafenchor.
RDK I, 223, Abb. 2. Stuttgart, Stiftskirche, Denkmäler der Grafen von Württemberg.
RDK I, 225, Abb. 3. Rees, Herzöge von Kleve.
RDK I, 225, Abb. 4. Ludwigsburg, Ahnengalerie.

I. Allgemeines

A. nennt man eine Bildnissammlung von Mitgliedern eines bestimmten Geschlechts aus mehreren Generationen, während man im genealogischen Sinne unter Ahnen (Aneben, Anlehen, Aszendenten, majores, progenitores) Personen aus verschiedenen Geschlechtern versteht, von denen ein bestimmter Mensch abstammt. Die A. entspricht also nicht der Ahnentafel, sondern der Nachfahren- oder Stammtafel; bei einer Anordnung, die den genealogischen Zusammenhang unmittelbar sichtbar macht, wird aus der A. eine Stammtafel. Die Ehefrauen werden häufig mit dargestellt, doch ist es nicht selten, daß auch Mitglieder nahe verschwägerter Familien mit eingeschlossen werden. Der Sinn der (eigentlichen) A. ist genealogischer Art; zugleich erfüllt sie einen auf Tradition gerichteten repräsentativen Zweck. Sachlich und künstlerisch stehen ihr solche Bildnissammlungen nahe, die die Inhaber eines bestimmten Amtes (Bischöfe, Bürgermeister, Pfarrer) oder Mitglieder einer Körperschaft (Universität, Akademie, Stiftung, Gesellschaft, Loge) aus größeren Zeiträumen umfassen.

Die Bildnisse einer A. können gemalt oder plastisch sein, gezeichnet oder graphisch vervielfältigt. Oft werden sie in besonderen Räumen, Galerien (daher der Name),„Ahnensälen“, „Ahnenkabinetten“ usw. oder auch in Buch- oder Albumform vereinigt. Seltener hat man eine größere Anzahl von Ahnenporträts auf 1 Bild (Abb. 3), in einheitlicher architektonischer Umrahmung (Abb. 2), an Fassaden oder Alleen usw. zusammengefaßt. Der Entstehung nach ist zu unterscheiden zwischen gewachsenen A.: die durch allmähliche Ansammlung von Generation zu Generation entstanden sind, und künstlichen: die man nachträglich für einen größeren Zeitraum beschafft hat.

II. Gewachsene A.

Grenze und Ursprung der gewachsenen A. sind schwer genau festzulegen, da der genealogische und traditionsrepräsentative Charakter bei ihnen oft in mannigfachster Weise mit kultischen Elementen (besonders aus dem Ahnen- und Totenkult), mit Momenten der sepulkralen Sitte und des Zufalls durchsetzt ist. Im weitesten Sinn gehören bereits die Reihen der Götter-, Königs- und Olympiasiegerfiguren in den Kultstätten der Antike hierher (Bildnisbüsten der römischen Kaiserzeit), insbesondere aber die Bildnisse der vorchristlichen Familiengrüfte. Bereits greifbarer ist die Entwicklung zur A. in den königlichen und fürstlichen Erbbegräbnissen etwa seit Anf. 13. Jh. Der Landgrafenchor der Elisabethkirche in Marburg (Abb. 1), die Grabstätten der Meißener Fürstenkapelle, in Saint-Denis und an anderen Orten sind in ihrer Traditionsrepräsentation durch Bildnisse die Vorbilder für spätere A. Als im 15. Jh. das Bildnis als selbständige Kunstgattung aufblüht, ist die Voraussetzung der eigentlichen A. ohne kultischen oder sepulkralen Nebenzweck geschaffen. Daher bilden sich jetzt zahlreiche Ansätze zu solchen, zunächst beim Adel und in Fürstengeschlechtern. Noch im 15. Jh., mehr aber im 16. Jh., folgen die zu Reichtum und Ansehen gelangten bürgerlichen Familien nach, besonders in Deutschland. Am vollständigsten erhalten unter den zahlreichen bürgerlichen A. ist die des Patriziergeschlechts der Holzhausen in Frankfurt a. M. (Städel). In Hamburg lebte im 17. Jh. ein Dr. Zacharias Stenglin aus Augsburg, der eine Sammlung von Bildnissen seiner Vorfahren besaß, die in das frühe 15. Jh. zurückgereicht haben soll (Jb. f. K.sammler 2, 1922, S. 47ff.).

Da die gewachsenen A. sich durchweg aus Originalbildnissen zusammensetzen, findet man unter ihnen meist die wertvolleren Kunstwerke. Gerade der künstlerische Wert der einzelnen Bilder aber war die Ursache, daß die Bilderreihen oft zeitig zerrissen und verstreut wurden.

III. Künstliche A.

Wo man eine gewachsene A. nicht besaß, hat man sich häufig durch eine künstliche A. Ersatz geschaffen. Der genealogische und repräsentative Zweck ist dabei naturgemäß in der Regel eindeutig. Ferner besteht nur hier die Möglichkeit, die A. ganz einheitlich zu gestalten. Gelegentlich werden vorhandene ältere Bildnisse eingegliedert. Häufiger aber läßt man der einheitlichen Ausführung wegen Kopien anfertigen. Im übrigen benutzt man Grabmäler, Stifterdarstellungen, Münzen, Totenmasken (Innsbrucker Maximiliangrab, Philipp der Schöne), Stiche u. dgl. als Vorlagen. Fehlende Stücke ergänzt man aus der Phantasie.

Auch die künstliche A. geht bis in das Altertum zurück (Philippeion in Olympia). Daß dem Mittelalter ähnliche Planungen nicht fremd sind, beweisen einige Idealbildnisreihen des 13. Jh.: die französischen Könige am Reimser Querschiff, die deutschen Kaiser und Könige am Aachener Karlsschrein und in den Nordschiffenstern des Straßburger Münsters, die Reiterstatuen der Straßburger Fassade, die 4 Sitzfiguren (Grafen?) des Freiburger Münsters und die Naumburger Stifter. Ferner ist hier an die Darstellungen der Vorfahren Christi zu erinnern; sie beginnen schon im 12. Jh. (St. Denis, Chartres).

Die eigentliche Geschichte der künstlichen A. beginnt jedoch erst mit dem Ende des Mittelalters. An der Spitze stehen die Bildnisse der Wittelsbacher-Ahnen aus dem Alten Hof im Bayr. Nat.-Mus. sowie 2 A. Kaiser Maximilians, die Bronzestatuen des Innsbrucker Grabmals (nicht unmittelbar als A., sondern zunächst als Trauergeleite geplant) und die 92blättrige Holzschnittfolge von Burgkmair. 1535 malt Barthel Beham in der Reihe seiner Wittelsbacherbildnisse (Schleißheim) auch Idealbildnisse von Verstorbenen. Um M. 16. Jh. wird die Sitte allgemeiner. Herzog Ludwig von Württemberg läßt um 1560 eine ganze Reihe kleiner, gleichförmiger Bildnisse seiner Ahnen anfertigen (30 davon im Stuttg. Schloßmus.), um 1590 eine A. aus Büsten im Stuttgarter Lusthaus aufstellen (Reste davon auf Schloß Lichtenstein), und gleichzeitig legt er noch eine 3. Sammlung an, zu der er Einzelstücke aus allen Teilen des Landes zusammenträgt. Außerdem stammt die Reihe der Württemberger Grafendenkmäler in der Stuttgarter Stiftskirche aus seiner Zeit (Abb. 2). Hier sind die Bildnisse architektonisch zu einem Ganzen zusammengefaßt. Da sie zugleich Grabdenkmäler darstellen, ist in diesem Falle der ideelle Zusammenhang zwischen A. und Grabmalreihe offensichtlich. Im Rathaus zu Rees (Abb. 3, weitere Exemplare in Emmerich und Kleve) ist eine 6köpfige A. der klevischen Herzöge, wenn auch recht äußerlich, in einem einzigen Tafelbild vereinigt. Die Abhängigkeit von authentischen Bildnissen verschiedener Entstehungszeit ist hier besonders deutlich. Die Statuen am Heidelberger Friedrichsbau sind ein Beispiel ausgesprochen dekorativer Verwendung einer A. In dem Wunsch nach einer möglichst langen und glanzvollen Stammreihe entnimmt man in der Frühzeit manchmal außer den Zügen der Ahnen auch die Personen selbst phantasievoller Willkür. Die Heidelberger Reihe führt bis zu Karl d. Gr., die Gottorper A. im Schloß zu Schwerin über Wittekind und Hengist bis zum Jahre 72 v. Chr. zurück, Kaiser Maximilians Ahnenreihe beginnt in Innsbruck mit Chlodwig, bei Burgkmair mit Hektor von Troja!

Eine besondere Blütezeit der künstlichen A. ist das 18. Jh. Sie dienen jetzt der Traditionsrepräsentation des Absolutismus und erfüllen gleichzeitig in den ausgedehnten Schloßbauten eine dekorative Aufgabe großen Stils. In den weitaus meisten Fällen werden Hofmaler mittleren Ranges beauftragt, die sich den Wünschen der Auftraggeber hinsichtlich der Einheitlichkeit und der repräsentativen Aufmachung am gefügigsten anpassen. Eins der schönsten Beispiele befindet sich im Schloß zu Ludwigsburg (Abb. 4). Nicht selten nehmen die A. jetzt einen ungeheuren Umfang an. Die des hessischen Herzogshauses auf Schloß Romrod in Oberhessen umfaßt 250 Bilder. Namhafte A. befinden sich ferner in den Residenzschlössern von Dresden (schon aus dem 17. Jh.) und München, auf Schloß Altshausen (Herzöge von Württemberg), Kirchberg und Weikersheim (Fürsten von Hohenlohe-Öhringen), ferner auf den Stammschlössern der Grafen Rechberg-Rotenlöwen, Neipperg, Degenfeld-Schonburg und der Truchsessen von Waldburg. Im 19. Jh. gibt die Romantik noch einmal einen Impuls zur Anlage künstlicher A. (Beispiele in den Schlössern zu Schleißheim, Darmstadt und Baden-Baden). Die letzte künstliche A. großen Stils dürfte die Berliner Siegesallee sein.

IV. Verwandte Bildnisreihen nicht-genealogischer Art

Eine ähnliche Entwicklung wie die eigentlichen A. nehmen die verwandten Bildnisreihen nicht genealogischer Art. Die schon erwähnten Olympiasieger gehören in diesen Zusammenhang. Die ahnengalerieähnlichen repräsentativen Grabmalreihen sind hier in den Mainzer und Würzburger Bischofsdenkmälern vielleicht noch klarer ausgeprägt. Eine größere Verbreitung beginnt erst im 17. Jh., wo es kaum eine Institution von einigem Ehrgeiz gibt, die nicht eine A. dieser Art anlegt. Besonders häufig sind die Reihen protestantischer Geistlicher, die selbst in Landkirchen Norddeutschlands nicht selten erhalten sind. Ein interessantes Beispiel einer solchen geistigen A. aus dem 19. Jh., die bezeichnenderweise im Jahre 1848 begonnen wurde, befindet sich im Gesellschaftshause der Künstlergesellschaft „Der Malkasten“ in Düsseldorf. In bürgerlichen Familien hat im 19. Jh. die Silhouette, später die Photographie das Bedürfnis nach einer Sammlung von Ahnenbildnissen in bescheidener Form befriedigt.

Neben den gewachsenen gibt es auch künstliche Bildnisfolgen dieser Art. Vielleicht darf hier außer den Denkmälern in Aachen, Straßburg und Naumburg (s. o.) auch an die 3 Quedlinburger Äbtissinnendenkmäler des mittleren 12. Jh. erinnert werden. Die Salzburger Residenz besitzt eine Galerie der Bischöfe und Erzbischöfe, die als künstliche A. begonnen und dann als gewachsene bis in die Gegenwart weitergeführt worden ist. Das gleiche gilt für die Professorenreihe der Greifswalder Universität, die 1738 angelegt wurde. Das bekannteste Beispiel des 19. Jh. ist die Reihe der Kaiserbildnisse im Frankfurter Römer.

Zu den Abbildungen

1. Marburg, St. Elisabeth, Grabmäler im Südquerschiff („Landgrafenchor“). Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

2. Stuttgart, Stiftskirche, Denkmäler der Grafen von Württemberg, 1574, von Simon Schlör. Nach älterer Aufnahme.

3. Rees, Rathaus, Gemälde mit 6 klevischen Herzögen nach älteren Originalen; nach 1609. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus., Köln.

4. Schloß Ludwigsburg, beg. 1704, Ahnengalerie. Phot. Württ. Bildstelle, Stuttgart.