Bernstein

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englisch: Amber; französisch: Ambre jaune, ambre succin; italienisch: Ambra.


Hellmuth Bethe (1938)

RDK II, 300–307


RDK II, 303, Abb. 1. Madonna, 1. H. 15. Jh. Königsberg.
RDK II, 303, Abb. 2. Nautilusschale, um 1680. Berlin.
RDK II, 303, Abb. 3. Hl. Jodokus, um 1660. Königsberg.
RDK II, 305, Abb. 4. Bernsteinkasten, um 1615. Königsberg.
RDK II, 305, Abb. 5. Kabinettschrank, 1. H. 18. Jh. Berlin.

Bernstein (vom niederdeutschen bernen = brennen), auch Ambra, Agtstein oder Augenstein, ist ein fossiles Harz tertiärzeitlicher skandinavischer Nadelhölzer von honiggelbem, gelbbraunem oder beinähnlichem Aussehen, kommt in durchsichtigen, durchscheinenden und trüben Stücken an der deutschen Ostseeküste, besonders dem Samland bei Königsberg vor, wo er – „der Vater alles deutschen Handels“ [1] – durch Auflesen, Fischen, Graben und Baggern gewonnen wird. B. wird durch Drechseln („Drehen“), Schneiden und Schleifen geformt und mit dem Messer oder Gravierstahl bearbeitet.

Schon in der Steinzeit wurden im Ostseegebiet Schmuck (Perlen, Anhänger) und figürliche Amulette (Tier- und Menschenfiguren [7, Taf. 1]) aus B. hergestellt. In der Bronze- und Eisenzeit findet sich B. außer im Norden auch in Italien und Südosteuropa (Mykenä). In der römischen Kaiserzeit, wo er nach Plinius (Naturalis Historia, 37, 42) auch an der Nordseeküste gewonnen wurde, begegnet er bei Ringen, Ketten, Anhängern, Perlenstäben, Spielsteinen, Statuetten und Reliefs. Aus der Völkerwanderungszeit und dem frühen MA sind Perlen und Anhänger aus B. überliefert (Wollin). Aus dem späteren MA, wo sich das B.-Regal, das Eigentumsrecht des Deutschen Ordens an sämtlichen Funden, herausbildete und der B. zu einem spezifisch deutschen Werkstoff wurde, haben sich figürliche Schnitzereien erhalten, bei denen Gesichter und Hände bis auf eine Ausnahme (Kammin) aus hellem B. (Knochenbernstein) geformt sind: thronende Maria (A. 15. Jh., Hannover, Landesmuseum [1, Abb. 1]), stehende Madonna (um 1430, Königsberg, Abb. 1), hl. Barbara (um 1430, Danzig, Marienkirche [1, Abb. 4/5]), Verkündigungsrelief (vor 1450, Königsberg [1, Abb. 6]) und eine 1518 datierte stehende Muttergottes auf Silbersockel (Kammin [1, Abb. 7/8]). In erster Linie schufen jedoch die m.a. B.-Dreher, die sich in Brügge seit 1302, in Lübeck seit 1. Drittel 14. Jh., in Kolberg und Stolp vor 1480, in Danzig seit 1480 und in Elbing seit 1539 zu Zünften zusammenschlossen, nicht kirchliche Kleinplastik, sondern Rosenkränze [5], sie hießen daher im Volksmund Paternostermacher. Nach der Einführung der Reformation wurde B., gefördert durch Herzog Albrecht von Preußen, den Inhaber des vom Deutschen Orden ererbten B.-Regals, ein bevorzugtes kunstgewerbliches Material der Höfe. Aus ihm, dem „preußischen Silber“, entstanden in der 2. H. 16. Jh. schlichte gedrechselte Schalen (Gotha, München, Weimar [1, Abb. 13–15]), unverzierte oder mit Masken und Köpfen geschmückte Pokale (Berlin, Dresden, Kassel, München, Wien [1, Abb. 16–18, 24, 25]), gedrechselte Kirchenleuchter (Königsberg, München [1, Abb. 25–27]), Beläge und Einlagen von Besteckgriffen (Dresden, Stuttgart, Würzburg [1, Abb. 32–39, 41]), Einlagen von Brettspielen (Darmstadt, Dresden, Kassel [1, Abb. 49–54]), Böden eines Silberservices (Kopenhagen 1585 [1, Abb. 10]), Bildnismedaillen, z. B. Gotha, Herzogl. Mus. [1, Abb. 59], ein Schreibkasten mit Medaillons (München [1, Abb. 31]) sowie silbergefaßte gedrechselte Geräte: ein Deckeldöschen (Lübeck [1, Abb. 9]), ein Humpen (Kassel [1, Abb. 30]) und eine Kanne (München [1, Abb. 29]). In der Mehrzahl sind die teilweise durch Reliefs aus B.-Paste, Eglomisétechnik und Elfenbein in ihrer Kostbarkeit noch gesteigerten Arbeiten wohl nordostdeutschen Ursprungs. Das Kopenhagener Service ist nachweislich aus Königsberg, das Lübecker Deckeldöschen lübeckischer Herkunft. Am A. 17. Jh. übernahm Königsberg, wo erst 1641 eine B.-Dreherzunft gegründet wurde, für Jahrzehnte die Führung in der künstlerischen Verarbeitung des B. Den neuen Stil, der treffend „der plastische Reliefdekor“ genannt worden ist [1], bestimmte der Königsberger Meister Georg Schreiber (nachweisbar von etwa 1610–1643). Von ihm stammen laut Signaturen zwei mit plastischen Figuren und Ornamenten geschmückte, aus geschnittenen Platten ohne Holzkern zusammengefügte Deckelkästchen (Weimar [1, Abb. 68], Königsberg, Abb. 4) und ein 1617 datierter, von Frühbarockornament übersponnener Deckelhumpen (Darmstadt [1, Abb. 70/71]). Drei weitere Kästchen (Gotha, Königsberg, Stockholm [1, Abbildung 72–74]) lassen sich Schreiber zuweisen. Von Mitarbeitern oder Königsberger Zeitgenossen Schreibers besitzen wir eine große Anzahl verwandter Werke: mehrgeschossige Kästen (Kassel, München [1, Abb. 75/76]), Schalen mit und ohne Silberfassung (Berlin, Gotha, London, Paris, Wien [1, Abb. 80–88]), silbergefaßte Deckelhumpen und Schraubflaschen mit ornamentalem und figürlichem Dekor (Berlin, Darmstadt, Dresden, Florenz, Kopenhagen, London, München, New York, Schwerin, Stockholm, Wien [1, Abb. 92–107]), eine Henkelkanne mit emaillierter Fassung (Dresden [1, Abb. 108]) und anderes. Außer in Königsberg ist B. in der 1. H. 17. Jh. anscheinend nur noch in Danzig und Stolp künstlerisch verarbeitet worden. Zu den unter Augsburger Einfluß stehenden Danziger Werken (um 1610), von denen wir durch Hainhofer [9] wissen, gehören vermutlich ein silbergefaßtes Pazifikale mit Kreuzigungsrelief (Breslau [1, Abb. 61]), ein Altarkreuz mit Kruzifix aus Knochen-B. und Plaketten aus B.-Paste (Stettin [1, Abb. 48]), eine prachtvolle, an figürlicher Plastik reiche Tischfontäne (Florenz [1, Abb. 66]) sowie die Kreuzigung und Apostelfolge im Augsburger Kunstschrank ebenda [1, Abb. 67], zu der Stolper Gruppe Bestecke mit plastischen Köpfen (Leipzig, 1639, Darmstadt [1, Abb. 45–47]) und eine Waidpraxe (Lemberg [1, Abb. 43/44]). Nebenher ging wie auch später die Herstellung von B.-Kugeln für Halsketten (z. B. Breslau, A. 17. Jh. [1, Abb. 56]). In der 2. H. 17. Jh. verschob sich der Schwerpunkt der B.-Kunst allmählich von Königsberg nach Danzig, wo das Kunsthandwerk damals besonders blühte. Zunächst aber war in Königsberg noch ein bedeutender B.-Künstler tätig: Jacob Heise. Von ihm kennen wir drei signierte und datierte Arbeiten: Nautilusschalen mit Reliefschmuck und bekrönenden freiplastischen Figuren (Königsberg, 1654, Dresden, 1659 [1, Abb. 130–33]) und eine in gleicher Weise dekorierte zweihenklige Schale (Budapest, 1663 [1, Abb. 137/38]). Andere Schalen (Florenz, New York, Rom [1, Abb. 134–36, 139–41]), ein Kasten mit Statuetten des Großen Kurfürsten und seiner ersten Gemahlin (Kassel [1, Abb. 144]) und eine Statuette des hl. Jodokus (Abb. 3) werden Heise zugeschrieben. – Fortgeschrittener im Sinne des Barock wirken einige etwas jüngere um 1670/80 entstandene figürliche Schnitzereien, deren Ursprung in Danzig zu suchen ist: die Parisurteile in London und Berlin, die Drei Grazien in Dresden und die Perseusgruppen in Berlin [1, 145–52]. Die Perseusgruppen, die lange als Frühwerke von Schlüter galten, stammen wahrscheinlich von dem Danziger Elfenbein- und B.-Schnitzer Christoph Maucher (nachweisbar 1670 bis um 1705), ebenso wie vermutlich zwei ovale Schüsseln, zwei Prunkbecher, ein Nautilus und eine Deckelschale (Berlin, Schloßmus., um 1680) und ein Stockgriff (Hamburg, um 1680). Die Arbeiten [1, Abb. 194–201] zeichnen sich sämtlich durch üppigen plastischen Dekor aus. Gleichfalls in Danzig entstanden sind einige architektonisch aufgebaute zweigeschossige Barockkästen, bei denen heller und dunkler B. mit Reliefs und freiplastischen Darstellungen aus Elfenbein reizvoll vereinigt sind (Gotha, Schlobitten, Wien, um 1690 [1, Abb. 159–62]). Die Kästen wurden wohl von Kurfürst Friedrich III., von dem wir ein barock umrahmtes Reliefbildnis aus B. besitzen (Berlin [1, Abb. 207]), als Krönungsschatullen verschenkt. Auch sonst waren seit dem Großen Kurfürsten B.-Arbeiten als Geschenke beliebt. Die meisten von ihnen gingen im 17. Jh. an den russischen Hof nach Moskau, im 18. Jh. an den sächsischen Hof nach Dresden. Einzelne Höfe (Kassel, Braunschweig, Dresden und Kopenhagen) hielten sich eigene B.-Künstler. In Kassel wirkten Johann Caspar Labhard (nachweisbar seit 1695, gest. 1726) und der Elfenbein- und B.-Schnitzer Jakob Dobbermann (1682–1745). Von ersterem sind eine Muschelschale (Königsberg [1, Abb. 246/47]) und mehrere Muscheln mit geschnitzten Gruppen oder Einzelfiguren überliefert (Darmstadt, Kassel, Paris, Weimar [1, Abb. 240–45]), von Dobbermann die nach Stichvorlagen geschaffenen, technisch vollendeten Figuren der Kleopatra und des die Wahrheit entführenden Saturn (Kassel [1, Abb. 236/37]), eine weibliche Figur (Dresden) und ein achtarmiger Kronleuchter (Kassel [1, Abb. 239]). Am Braunschweiger Hof arbeitete um 1725 ein dem Namen nach nicht bekannter B.-Künstler, von dem drei Reliefbildnisse im Stil der Kunstkammerfälschungen erhalten sind (Danzig, Darmstadt, Königsberg [1, Abb. 250–55]). In Dresden war der Elfenbein- und B.-Schnitzer Wilhelm Krüger tätig († 1740), der Meister eines Hausaltars (Wien [1, Abb. 261]) und kostbarer gefaßter Kleingeräte (Scherenetui, Danzig [1, Abb. 263]; Tabatière, Dose, Nadelbüchsen, Petersburg [1, Abb. 262]), in Kopenhagen Lorenz Spengler (1720–1807), der Schöpfer eines Kronleuchters (Kopenhagen, 1753 [1, Abb. 267]) und von Medaillons mit Bildnissen des dänischen Königspaares (Kassel, um 1753 [1, Abb. 268/69]). Andere B.-Schnitzer stellten gleichzeitig reliefierte Dosen her [1, Abb. 272–79], Tabatièren in Form von Pulverflaschen (Dresden, Kassel, um 1700 [1, Abb. 281–83]), elegante Stock- und Hirschfängergriffe (Schwerin, Dresden [1, Abb. 286/87]) sowie eine Flöte für Friedrich den Großen [1, Abb. 206]. – Besonderer Beliebtheit erfreute sich im 18. Jh. die B.-Inkrustation, d. h. das Belegen eines beliebig großen Holzkerns mit B.-Platten. In dieser seit dem 17. Jh. bekannten Technik – das älteste Beispiel ist ein Hausaltar (Gotha, um 1640 [1, Abb. 209]) – entstanden mit Elfenbein- bzw. Beinreliefs verzierte oder nur mit hellem und dunklem B. plattierte Kästen (Königsberg, um 1700 und 1. H. 18. Jh. [1, Abb. 228–29], Stockholm, um 1740 [1, Abb. 306/07]) sowie großen Möbeln nachgebildete Kabinettschränke (Berlin [Abb. 5], Braunschweig, um 1720, Dresden, um 1725 und 1740 [1, Abb. 292–99]; die drei erstgenannten Schränke kamen aus Königsberg). Das bedeutendste und größte Werk der B.-Inkrustation des 18. Jh. ist das B.-Zimmer in Schloß Zarskoje Sselo [1, Abb. 226/27], für das von 1701 bis 1763 nacheinander der Kopenhagener B.-Dreher Gottfried Wolffram, die Danziger Ernst Schacht und Gottfried Turau und die Königsberger Friedrich und Johann Roggenbuch, Clemens und Heinrich Wilhelm Friede und Johann Welpendorf tätig waren. Um die M. 18. Jh. hatte der B. seine Rolle in der deutschen Kunst zunächst ausgespielt. Es waren zwar noch 2.H. 18. Jh. und A. 19. Jh. einzelne tüchtige Meister am Werk wie die Stolper Georg Friedrich Spruth und Friedrich Wilhelm Arnold – von Spruth kennen wir eine Nachbildung der Abramsonschen Medaille auf den preußischen Seidenbau (Breslau, um 1785 [1, Abb. 312–13]), von Arnold einen Anhänger und eine Tabakdose mit allegorischen Darstellungen (Berlin, 1819 und 1821 [1, Abb. 314/15]) –, aber ein Echo fanden die Arbeiten nicht mehr. Erst der jüngsten Zeit war es vorbehalten, die künstlerische Verarbeitung des B. in der Staatl. B.-Manufaktur Königsberg und in Einzelwerkstätten mit Aussicht auf bleibenden Erfolg neu zu beleben.

Zu den Abbildungen

1. Königsberg i. Pr., Schloß, Madonna der Slg. Silten, nordostdeutsch, 1. H. 15. Jh. Höhe 19 cm. Phot. L. Silten.

2. Berlin, Schloßmus., Nautilusschale auf hohem Fuß, Danzig um 1680. Höhe 27 cm. Phot. Mus.

3. Königsberg i. Pr., Schloß, Hl. Jodokus, Königsberg um 1660. Höhe 16,5 cm. Phot. Mus.

4. Ebendort, Deckelkasten auf Löwenfüßen mit Reliefdekor. Georg Schreiber, Königsberg um 1615. 15 cm. Phot. Mus.

5. Berlin, Schloßmus., Kabinettschrank, nordostdeutsch, 1 H. 18. Jh. Höhe 1,20 m (z. Z. als Leihgabe in Königsberg, Schloß). Phot. Städt. K.slg. Königsberg.

Literatur

1. Alfred Rohde, Bernstein, Ein deutscher Werkstoff, seine künstlerische Verarbeitung vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, Berlin 1937 (grundlegend!). 2. Otto Pelka, Berstein, Bibl. f. K.- und Antiquitätensammler 18, Leipzig 1920. 3. Ebert, Reallexikon I. 4. L. Schmid, Bernstein, in: Doelter-Leitmeier, Hdb. d. Mineralchemie, 1931. 5. Joh. Warncke, Bernsteinkunst und Paternostermacher in Lübeck, Nordelbingen 10, 1934, S. 428. 6. A. Rohde, Königsberger Bernsteinarbeiten, Zs. d. dt. Ver. f. Kw. I, 1934, S. 205ff. 7. Ders., Das Buch vom Bernstein, Königsberg 1937. 8. K. Andrée, Der Bernstein, 1937. 9. Oscar Doering, Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Beziehungen zum Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin, Wien 1896. 10. O. Pelka, Europäisches Bernstein (angekündigt).