Agnus Dei

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englisch: Agnus Dei; französisch: Agnus Dei; italienisch: Agnus Dei.


Joseph Braun, S.J. (1933)

RDK I, 212–216


RDK I, 211, Abb. 1. München, 1470.
RDK I, 213, Abb. 2. Hallesches Heiltum.
RDK I, 213, Abb. 3. Berlin.

I. Ein Andachtszwecken dienender Gegenstand in Gestalt einer einem Siegel ähnlichen, mit einem Reliefbild des Lammes Gottes versehenen geweihten Scheibe Wachs. Von der Herstellung der A. und ihrer Weihe als einem zu Rom bestehenden Brauch hören wir bereits im 9. Jh. in einem die Feier der Kartage regelnden Libellus (Migne, P.L. 78, 960) und bei Amalar (De eccl. off. l. 1 c. 17; ebd. 105, 1033). Wieweit derselbe über das 9. Jh. zurückreicht, läßt sich nicht feststellen. Wie es scheint, leitet er sich von der Gepflogenheit her, die Reste der geweihten Osterkerze an die Gläubigen auszuteilen. Die Weihe nahm ursprünglich der Archidiakon vor, und so verhielt es sich noch im 12. Jh. (Ordo XI, n.43, Migne, P. L. 78, 1041). Im 14. Jh. vollzog sie der päpstliche Sakristan (Ordo XV., c. 90; ebd. 78,1336), seit dem 15. aber der Papst selbst, der sie jedoch feierlich nur im 1. und dann wieder in jedem 7. Jahr seiner Regierung weiht. Weihetag war noch im 12. Jh. der Karsamstag, dann der Gründonnerstag, seit dem frühen 15. Jh. aber der Donnerstag in der Osterwoche. Ausgeteilt wurden die A. am Samstag in albis. Dem Wachs wurde ursprünglich Katechumenenöl beigemischt, im 12. Jh. aber auch Chrisam. Später benutzte man zu den A. nur mehr Wachs, doch wurden sie nun bei der Weihe in Wasser getaucht, dem geweihter Balsam und Chrisam beigemischt war, und so geschieht es noch heute. Ursprünglich rund (Abb. 2), erhielten die A. in nachmittelalterlicher Zeit ovale Form. Ihre Größe war sehr verschieden. In der Regel hatten sie einen Durchmesser von nur etwa 3–5 cm, doch gab es, zumal in nachmittelalterlicher Zeit, auch erheblich größere. Das Bild des Lammes war ursprünglich wohl nur einer, später beiden Seiten aufgeprägt. Seit Gregor XIV. (1590–1591) begann man, an Stelle des Lammes eine den Weihegebeten sich anschließende Darstellung oder ein Heiligenbild an deren Statt auf der Rückseite anzubringen. Der Name des Papstes, unter dem das A. entstand, findet sich schon auf solchen Johannes’ XXII. (1316–1334). Erhalten haben sich aus nachmittelalterlicher Zeit sehr viele, aus dem Mittelalter nur sehr wenige. Die ältesten, die man bis in die jüngste Zeit kannte, entstammten dem Pontifikat Johannes’ XXII., jedoch wurden neuerdings im Schatz der Kapelle Sancta Sanctorum zu Rom 3, wenn auch nur mangelhaft erhaltene, entdeckt, die zweifellos früheren Datums sind. Daß sich von den zahllosen mittelalterlichen A. nur so wenige erhalten haben, hatte seinen Grund wohl darin, daß dieselben vornehmlich Gegenstand privater Andacht waren, weshalb sie auch in den kirchlichen Schatzverzeichnissen aus dem Mittelalter nur selten erwähnt werden.

II. Als Gerät, ein der Form des A. angepaßter Behälter, zur Aufbewahrung desselben. Er trat in 2 Typen auf. Die Behälter des 1. bestanden in einer mäßig dicken, der Größe des A. entsprechenden, zum Öffnen eingerichteten, meist runden Kapsel, deren Zarge mit einer von 1 oder 2 Ösen und Kettchen oder Schnur gebildeten Vorrichtung zum Tragen oder Aufhängen ausgestattet zu sein pflegte (Abb. 1). Beispiele haben sich auf deutschem Boden erhalten in dem Schatz der Schloßkirche zu Quedlinburg, darunter auch ein herzförmiges mit runder Innenkapsel, im früheren Welfenschatz, in St. Peter zu Salzburg, im Dom zu Prag und im Nat.-Mus. zu München (Abb. 1), welch letzteres auch Reliquien enthalten zu haben scheint, ein nicht mehr vollständiges in St. Gangolf zu Trier. Von anderswo noch vorhandenen seien genannt ein kapselförmiges A. im Dom zu Gran, in Notre-Dame zu Tongern, in der Pfarrkirche zu Maeseyk, in St. Léonard zu Leau und im archäologischen Mus. zu Namur, welch letzteres aus Blei gemacht, während die übrigen aus Silber bestehen. Die Behälter des 2. Typus hatten die Form eines einer Monstranz nachgebildeten Ostensorium (Abb. 2 u. 3). Sie bestanden aus einem aus Fuß, Schaft mit Nodus und zum Behälter überleitenden Zwischenstück sich zusammensetzenden Ständer und der auf die hohe Kante gestellten, mit bekrönendem Abschluß versehenen, meist wohl nach Art der mit kapselförmigem Behälter versehenen Monstranzen einer turmartigen Architektur eingebauten Rundkapsel. Als Beispiele seien genannt cm prächtiges, aus Basel stammendes, von Papst Martin V. dem dortigen Dom geschenktes A. im Schloßmus. zu Berlin (Abb. 3), ein in seinem Aufsatz eine Kreuzpartikel enthaltendes im Schatz des Aachener Münsters, eine Arbeit des Hans von Reutlingen, und ein einfaches im ehemaligen Welfenschatz.

Beide Typen waren entweder sowohl an der Vorder- wie Rückseite ganz geschlossen oder an einer derselben oder beiden mit einem mit Glas oder einem Kristall verschlossenen Durchbruch, der den Inhalt zu sehen gestattete, ausgestattet. Auf den Inhalt des Behälters wies ein an der Vorder- oder Rückseite angebrachtes, mit Umschrift versehenes Lamm oder auch wohl nur eine dort befindliche Inschrift, wie Ecce Agnus Dei, qui tollis peccata mundi o.a. hin. In nachmittelalterlicher Zeit verloren sich beide Typen aus dem Gebrauch. Man brachte die A. nun, umgeben von Reliquien, hinter Glas und Rahmen an, was übrigens auch schon im späten Mittelalter bisweilen geschah, wie Beispiele im Halleschen Heiltumsbuch und in der Marienkirche zu Danzig bekundeten.

Zu den Abbildungen

1. München, Bayr. Nat.Mus., Agnus-Dei-Kapsel, von Israel van Meckenem, 1470. Phot. Verf.

2. Hallesches Heiltumsbuch, Agnus-Dei-Ostensorium. Deutsch, um 1500. Nach Phil. Mar. Halm u. Rud.

Berliner, Das Hallesche Heiltum, Berlin 1931, Taf. 24.

3. Berlin, Schloßmus., Agnus-Dei-Ostensorium aus dem Basler Domschatz. Deutsch, 15. Jh. Phot. Mus.

Literatur

1. Ad. Franz, Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter I, Freiburg i. Br. 1907, S. 553ff., das ausführlichste über die Geschichte der A. 2. Reusens, Eléments d’archéol. chrét., 2 Bde, Löwen 1885–86, S. 396f. 3. Hartm. Grisar, Die römische Kapelle Sancta Sanctorum und ihr Schatz, Freiburg i. Br., 1908, S. 133. 4. Inv. Österreich 12 (Salzburg, St. Peter), S. 64. 5. Jb. der k. k. Zentralkommission III, 1859, S. 117. 6. W. A. Neumann, Der Reliquienschatz des Hauses Braunschweig-Lüneburg, Wien 1891, S. 298, 307ff. 7. Inv. Rheinprovinz 10, 1 (Stadt Aachen I), S. 237.