Agleybecher (Ackleybecher)

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englisch: Agley, aquilegia; französisch: Ancolie; italienisch: Calice in forma di aquilegia.


Edmund W. Braun-Troppau (Mit Benutzung der Collektaneen von Marc Rosenberg, jetzt im Besitz von Prof. Dr. R. Berliner, München.) (1933)

RDK I, 206–212


RDK I, 207, Abb. 1. London, 1573.
RDK I, 207, Abb. 2. London.

I. Name und Form

A., Pokalform der deutschen Goldschmiedekunst hauptsächlich des 16. und 17. Jh., genannt nach der aquilegia vulgaris = Akelei, Aglei (ahd. agaleia, mhd. ageleie), Glockenblume, einer seit Jahrhunderten in Europa beliebten Zierpflanze. Ilg [9] merkt an, daß man die Pflanze wahrscheinlich wegen ihres damaligen großen Rufes als Medizinalpflanze an Trinkgefäßen anbrachte, und verweist auf Hieron. Bocks, Kräuterbuch, Straßburg 1580, fol. 49. Nach Tabaermomontanus gab es einen Akelayenwein, heilsam gegen Unfruchtbarkeit. Das Charakteristikum des seit Anfang zumeist mit Deckel versehenen A. besteht in einer doppelten Buckelung der Kuppa, deren Anfänge bis in die spätgotische Zeit zurückgehen. Die in der Gotik noch zumeist rundgetriebenen Buckel werden allmählich immer mehr nach unten bzw. oben spitz auslaufend gebildet, und zwar so, daß die Ausläufer der oberen und unteren Buckelreihe ineinandergreifen, wobei die Spitzen der Oberbuckel nach unten in die sich verjüngenden Enden der Unterbuckel eindringen, so daß verschieden geformte Compartimente entstehen, die Gelegenheit zur Auszierung in Treibarbeit und Gravierung, auch Emaillierung, boten. Daß die gotischen Treibbecher tatsächlich die Vorläufer der späteren A. waren, beweist ein typisch spätgotischer Deckelbecher im Kunsthist. Mus. in Wien, der im alten Ambraser Inventar von 1596 ain silberne Agle Pluemb genannt wird [9, Taf. VII; 5, 8].

II. A. in Nürnberg

Frühzeitig schon war der A. bei den Nürnberger Goldschmieden beliebt; die dortigen Goldschmiedeordnungen von 1531 und 1535 schreiben als eines der üblichen Meisterstücke ein trinckgeschirr, seines Namens ein Ageley-Plumen von Silber von fremden Patronen vor, also einen Becher in Form der Glockenblume nach einem festgesetzten Modell, das mit sein selbst hanndt on meniglichs hilff vnnd zuthun gemacht werden muß. Es handelte sich also beim Meisterstück lediglich darum, daß der Prüfling die technischen Fertigkeiten seines Gewerbes vollkommen beherrschte. Zum erstenmal in der Geschichte der deutschen Goldschmiedekunst schreibt hier eine Zunft, die Nürnberger, die Form des Bechers genau vor, während alle übrigen Zunftordnungen aus der 1. H. 16. Jh. nur ganz allgemein als das Hauptstück einen Becher oder Kelch verlangen. Die genaue Form des A. war aber auch in der Nürnberger Vorschrift noch nicht eindeutig präzisiert, so daß offenbar eine gewisse Unklarheit herrichte, die im Jahre 1571 zu dem vom Magistrat später (1573) genehmigten Beschluß führte, daß für die 3 Meisterstücke je ein von der Zunft hergestelltes Muster angefertigt wurde. Ein Nachtrag zur Ordnung von 1573 (14. Febr.) besagt nämlich, daß dieser Pokal bisher als Meisterstück one Muster, allein nach der Beschreibung, welche lauth, das sie künstlich vnnd wol gemacht sein soll, geferttiget worden. Da diese Stücke aber durch Mißverstanndt vnnd Unfleis vonn tag zu tag je lennger je mer worden von der Ratsordnung weichen wollen, so haben die Geschworenen beschlossen, 3 neugemachte Meisterstücke herstellen zu lassen, nach denen jeder, der Meister werden will, sich zu richten hat, mit der Erleichterung, da einen das Geschirrlein also gar zu treiben Zuvil sein arbet, das er deren halbenen theil von oben herab schlechter machen Oder gar glatt lassen mag. Aber was den possenn oder Fation antriefft, soll davon nit geschrietten werden. Es soll auch einen Jeden, ders ausbitten begert (Und in stück sitzt) ettlich mahl die Meister Zu schauen zugelassen werden, so Lanng vnnd vil er darann macht.

Die Tendenz dieser Verordnung ist klar: Die Qualität der Meisterstücke soll eine möglichst hohe, nach anerkannt gutem Muster ausgeführte sein. Im Detail wird eine gewisse Freiheit insofern gelassen, als die Buckel (Knorren) glatt, graviert oder getrieben sein können. 3 A. aus dem 1868 verweigerten Besitz der Nürnberger Goldschmiedezunft sind erhalten, 2 aus dem Besitz der Stadt im German. Nat.-Mus. zu Nürnberg, der 3. im Victoria-and-Albert-Mus. zu London (Abb. 1). Sie führten schon seit langem den Namen „Jamnitzerbecher“ und wurden dem größten Meister der Nürnberger Goldschmiedekunst, Wenzel Jamnitzer zugeschrieben [3, S. 265ff.]. Daß diese 3 Becher, die bis zur Aufhebung der Zunft in deren Besitz verblieben, seinerzeit nicht zum Verkauf bestimmt waren, beweist der Umstand, daß sie weder Stadt- noch Meisterzeichen (s. Beschauzeichen) tragen und weißsilbern geblieben sind, also ohne die sonst fast allgemeinübliche totale oder teilweise Vergoldung. Stockbauer [3] hat irrigerweise die 3 Muster, welche 1573 der Stadt zur Begutachtung vorgelegt wurden, auf diese 3 Becher bezogen, was M. Rosenberg [8, S. 298] dahin richtig- stellte, daß diese 3 Muster eben Vorbilder für die 3 Meisterstücke waren, den A., den Ring und das Siegel. Es ist also nach Rosenberg als sicher anzunehmen, daß 1573 nur ein A. als Vorbild angefertigt wurde, und es spricht alles dafür, daß dieser das Londoner Stück ist. Ebenso sicher ist es aber, daß der Musterbecher naturgemäß nicht durch Jahrzehnte hindurch, während welcher Zeit er von einer in die andere Hand der Meisterschaftsanwärter ging, derselbe blieb. Er mußte notwendigerweise abgenutzt und verdorben werden, so daß nach gewisser Zeit ein neues Modell angefertigt werden mußte. Somit scheinen die beiden Nürnberger Becher und einige andere in einer von Rosenberg [8, S. 304] aufgestellten, 19 Stücke umfassenden Liste von A., soweit sie ohne Beschauzeichen sind, gleichfalls Musterbecher gewesen zu sein, während die beschauten Stücke (mit Stadt- und Meistermarke) als Meisterstücke zu gelten haben. Von der ziemlich großen Anzahl Nürnberger A. aus der Zeit vor der Verordnung von 1571–73 sei nur der Becher in der ehemaligen Slg. Felix-Leipzig [6, Nr. 425, u. 5, Nr. 134] hier genannt; er stammt aus dem Regensburger Silberfund und trägt das Meisterzeichen des 1545 Meister gewordenen Lorenz Strauß [1, Nr. 3872]. Es ist der typische Buckelpokal in Ageleyform mit kräftiger Einschnürung der Kuppa, wobei die obere Buckelreihe noch stark rund vorgewölbt erscheint, während die Meisterpokale von 1573 an die Buckel etwas flacher gestaltet zeigen. Die große Slg. von Goldschmiedezeichnungen im Baseler Kupferstichkabinett hat 2 Entwürfe in Federzeichnung (U. 11, 70, U. 12, 69) in Ageleyform, die in der Buckelung und im Laubwerk noch stark gotisierend sind (1. V. x6. Jh.). Einen weiteren Entwurf zu einem Ageleypokal bildet eine Handzeichnung in Erlangen (Elfried Bock, Frankfurt a. M. 1929, Nr. 536, Taf. 153) mit muschelähnlicher Treibarbeit auf den Buckeln; er stammt aus dem 3. V. 16. Jh. und hat nichts mit Jamnitzer zu tun, dessen Monogramm erst in späterer Zeit aufgeschrieben wurde.

Die Unsicherheit über die Form in den beiden ersten Dritteln 16. Jh. führte zu verschiedenen Versuchen, dieselbe genauer zu fixieren. So gibt es einen Stich von Virgil Solis († 1562; Abb. bei Rosenberg [10]), der schon die Verminderung der starken Buckel, aber noch den gegossenen Knauf mit Löwenköpfen und mit der Kuppa verbindenden Voluten zeigt. Dagegen enthält der sog. Meister der Kraterographie von 1551 [4, A. 15 u. 16], der vielleicht identisch ist mit M. Zündt, zwei Entwürfe zu A., von denen der eine (A. 15) bereits die charakteristischen Widderköpfe, aber am Verbindungsglied oberhalb des Nodus, am Schaft, hat. Ein 1579 datierter Stich von Georg Wächter entspricht dann dem Nürnberger Musterpokal von 1573 in Form und Dekor so überraschend, daß die Vermutung Rosenbergs [10], Wächter habe den Entwurf zu dem Musterpokal gemacht, viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Sicher hat sich Wächter genau an den Musterbecher gehalten. Er zeigt auch, wie alle übrigen Pokale dieser Art von 1573 an, den ornamentierten Nodus mit den Widderköpfen und die flache Buckelung des Fußes, die von da an typisch bleibt. Aus den Akten geht weiter hervor, daß der Goldschmied Martin Rehlein (Meister seit 1566) den Becher getrieben hat [1, Nr. 3962.] Urkundlich sind auch die Meister eines Musterbechers von 1631 bekannt: Hans Röttenbach hat Korpus und Fuß geschlagen, Paulus Flindt (d. J.) hat’s getrieben [1, 4110 a]. Von P. Flindt d. Ä. stammt übrigens ein Stich eines A. (zwischen 1593 und 1603) von der typischen Form, den Rosenberg [10] abgebildet hat. In jüngster Zeit (1929) hat das Victoria-and-Albert-Mus. einen unmarkierten A. (Abb. 2) erworben, der ziemlich genau nach der Vorschrift gearbeitet ist. Im Mus. gilt er auf Grund seiner stilistischen und ornamentalen Verwandtschaft mit den sicheren Werken des Christoph Jamnitzer als dessen Werk, was viel Wahrscheinlichkeit hat. Reicher ist nur der Nodus gestaltet, der 3 gegossene weibliche Hermen mit Flügeln zeigt. Er ist 25 cm hoch und entspricht so ziemlich der typischen Höhe (vgl. die Liste von Rosenberg [8]). Die oberen Buckel tragen gravierte Darstellungen aus dem A.T.; die Unterbuckel sind mit Putten als Personifikationen der Künste und Wissenschaften getrieben. Wir haben also hier offenbar den interessanten Versuch einer gewissen Lockerung der Vorschriften vor uns; technisch und künstlerisch ist der Becher gleich meisterhaft.

III. A. in Deutschland außerhalb Nürnbergs

Das Vorbild von Nürnberg war für eine Reihe von anderen Zünften maßgebend. Es sind noch nicht alle Zunftverordnungen veröffentlicht, aber es genügt, wenn darauf hingewiesen wird, daß die Zunft von Berlin 1597 einen Acaley Becher mit Sechspaß etc. vorschreibt, während die Dresdener Verordnung von 1607 ein Ackeleyblumen verlangt, mit Deckel und fuß laut der Handtlungs Viesierung. – Auch in anderen Städten fand die Form des A. in der 1573 festgesetzten Form bald Aufnahme. So erwähnt Rosenberg [8, Liste Nr. 18] einen Goldschmiedezunftschild von 1661 (im Bayr. Nat.-Mus. München, jetzt dort unbekannt) und einen gleichen [8, Liste Nr. 19] von 1714, die A. zeigen, also wohl in der Vorschrift für die Meisterschaft vorbildlich waren.

Dem Londoner Becher (Abb. 2) ähnelt etwas im Nodus der Innungsbecher von Georg Mond in Dresden [1, 1740 c], und der Becher im Kunstgew.-Mus. zu Leipzig, bezeichnet B. L. (= Balthas. Lauch), 1670 [1 u. 11], mit weiblichen Hermen am Nodus ist gleichfalls formal und inhaltlich ganz von der Nürnberger Ageleyform beeinflußt. Im Besitz der Stadt Bautzen befindet sich ein Becher, der 1606 geschenkt wurde (weibliche Hermen am Nodus) und gleichfalls dem Nürnberger Typus entspricht; das Meisterzeichen H. R. ist (entgegen Rosenberg [1, 4134 c]) wohl auf Hans Rotenstock zu deuten, der 1605 Meister wird [1, 4126]. – Auch in Augsburg fand die Nürnberger Form Eingang; in Thüringer Privatbesitz (Inv. Reuß j. L., I, 1896, S. 65) befindet sich ein solcher Becher mit Widderköpfen und Augsburger Beschau; der Meister H. L. (nach Rosenberg I, 531) stirbt 1665. Aus dem Regensburger Silberfund kam in die Slg. Felix ein Pokal mit Augsburger Beschau und der Marke des Goldschmieds Hans Kurtz (Rosenberg [1, Nr. 4454 a]; Abb.: Gewerbehalle 1869, S. 152, Nr. 6), der der früheren Form der Nürnberger A. durchaus entspricht. Aber auch im Norden fand die Form Beifall und Eingang; denn die Cumberlandsche Silberkammer enthält ein paar ähnliche Pokale mit den Beschauzeichen von Hamburg und Lüneburg (1. H. 17. Jh.), die allerdings in der Form schlanker und weitaus höher sind. Im Schwarzhäupterschatz zu Riga steht der Innungspokal der dortigen Goldschmiede von 1654 von dem dortigen Meister C. W., der, abgesehen vom figuralen Nodus (Bacchus auf Faß), wiederum auf den Nürnberger Typus von 1573 zurückgeht. – So erhielt sich der A. mit verschiedenen Modifikationen bis in die 1. H. 18. Jh., wie ein Stich des Nürnberger I. L. Wüst um 1730, ein Zunftschild von 1714 [8, Liste Nr. 19] und ein silberner Becher im Rathaus zu Kampen [7] beweisen.

Zu den Abbildungen

1. London, Victoria-and-Albert-Mus., A. mit Widderköpfen. Musterbecher von 1573. Höhe 20,8 cm. Phot. Mus.

2. London, Victoria-and-Albert-Mus., A. mit Halbfiguren, von Wenzel Jamnitzer (?). Höhe 25 cm. Phot. Mus.

Literatur

1. Rosenberg III3. 2. Max Creutz, Kg. der edlen Metalle, Stuttgart 1909. 3. J. Stockbauer, Die sog. Pokale der Goldschmiedeinnung in Nürnberg, K. und Gewerbe XII, 1878, S. 298ff. 4. R. Bergau, Wenzel Jamnitzers Entwürfe, Berlin 1879, A. 15, 16. 5. A. v. Eye und P. E. Boerner, Die K.slg. von Eug. Felix in Leipzig, Katalog mit Atlas, Leipzig 1880. 6. Auktionskatalog der Slg. Felix, Leipzig 1886. 7. Richard Graul, Die Renaissance in Belgien und Holland, K.gewerbeblatt N. F. I, 1890, Abb. S. 50. 8. Marc Rosenberg, Die drei sog. Jamnitzerbecher, K. und Gewerbe 1885, S. 298ff. (enthält eine Liste der nach der Vorschrift von 1573 ausgeführten Nürnberger Agleybecher). 9. Albert Ilg, Goldschmiedek. und Steinschliff, Wien 1895. 10. Marc Rosenberg, Die drei sog. Jamnitzerbecher, K.wanderer 1, 1920, S. 351ff. 11. Richard Graul, Alte Leipziger Goldschmiedearbeiten, Leipzig 1910, Taf. 28.

Verweise