Adonis

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englisch: Adonis; französisch: Adonis; italienisch: Adone.


Lothar Freund (1933)

RDK I, 195–199


RDK I, 195, Abb. 1. Virgil Solis, 1563.
RDK I, 195, Abb. 2. Virgil Solis, 1563.
RDK I, 197, Abb. 3. Joh. Rottenhammer.
RDK I, 197, Abb. 4. Adrian de Vries.
RDK I, 197, Abb. 5. Christoph Schwarz, Wien.

1. Nach dem antiken Mythos ist A. ein schöner Jüngling, Hirte oder Jäger, gewesen, der von Venus heiß geliebt wurde. Sie ermahnte ihn vergeblich, auf der Jagd vorsichtig zu sein; er wurde von einem wilden Eber angefallen und starb. Die Erzählung findet sich ausführlich bei Ovid, Metamorphosen X, 525ff. [1, 2].

2. Die Erzählung von Venus und A. wird in der deutschen Kunst zunächst im Kreise der Ovid-Illustrationen dargestellt [3]. Bei Virgil Solis (Frankfurter lat. Metamorphosen-Ausgabe von 1563; die Holzschnitte nach Bernard Salomon, Lyon 1557) geben 2 Holzschnitte (Abb. 1 u. 2) 2 Phasen der Erzählung wieder: a) A. im Schoße der Venus ruhend; er blickt zu Venus empor, die, um ihn vor den reißenden Tieren zu warnen, die Geschichte von Hippomenes und Atalante erzählt. b) Venus kniet, klagend die Hände ringend, vor A.s Leichnam. Bei J. W. Baur (Wien 1641) gelangen die gleichen Szenen zur Darstellung: a) Venus sitzend, umfaßt den vor ihr liegenden A. Die Beziehung der beiden ist psychologisch vertieft: Venus scheint besorgt und eindringlich auf den lauschenden A. einzureden. b) Venus mit ausgebreiteten Armen vor A.s Leichnam knieend. In der Leipziger lat. Metamorphosen-Ausgabe von 1582 werden dargestellt: a) A. müde im Schoße der Venus, die ihn anfleht, zu verweilen. b) A.s Abschied von Venus. Der Prototyp für die Abschiedsszene ist Tizians Gemälde von 1554: A. verläßt Venus (Madrid, Prado; London, Nat. Gall.). In der deutschen Kunst wirkt Tizians Komposition am unmittelbarsten bei Joh. Rottenhammer nach (Abb. 3: Stich des David Custos nach R., möglicherweise nach einem Fresko desselben; R. A. Peltzer, Jb. allerh. Kaiserh. 33, 1916, S. 338); das Bewegungsmotiv des fortstrebenden A. ist fast unverändert von Tizian übernommen, doch werden die beiden Gestalten, im Unterschied zu diesem, in einen Dreiecksaufbau im Sinne klassischer Tendenzen des Frühbarock zusammengeschlossen. Eine Bronzegruppe des Adrian de Vries († 1627) im Schloßpark zu Bückeburg (Abb. 4) setzt den grundlegenden Bildgedanken Tizians, die Umklammerung des wegstrebenden A. durch die sitzende Venus, ins Rundplastisch-Bewegte um. A. E. Brinckmann (Süddt. Bronzebildhauer des Frühbarocks, Nr. 90) sieht in einer kleinen Bronze in Kölner Privatbesitz, die er dem Adrian de Vries zuweist, eine erste Studie für die Bückeburger Gruppe und betont die Möglichkeit einer direkten, durch ein Schulmotiv vermittelten Verbindung der Kleinbronze mit Tizians Bild. Die Kleinbronze selbst wird in der Schule des Adrian de Vries weiterbenutzt und gewandelt, so in einer Kleinbronze im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum (Brinckmann, Jb. d. preuß. K.slg. 42, 1921, S. 160 u. Abb. 13). Hier ist „eine liebenswürdig bukolische Szene“ dargestellt – „Ein Amor mit einem 2. Hund ist zugefügt, die Toilette des Gottes ist vervollkommnet, er ist ein Schäfer und Venus eine kleine Hirtin geworden“ (Brinckmann). In einem Spätwerke des Adrian de Vries, einer Bronzegruppe von 1624 im Park von Drottningholm in Schweden (John Böttiger, Bronsarbeten af Adrian de Fries i Sverge, Stockholm 1884, Taf. 8 B u.. S. 54), trägt der breitbeinig stehende A. einen erlegten Hirsch auf den Schultern; zu seiner Rechten sitzt Venus auf einem Baumstumpf. Im Unterschied zu der Bückeburger Gruppe ist diese Gruppe mehr auf Frontalansicht komponiert. Während für jene wie auch für Rubens (Düsseldorf und Petersburg) die Bewegungsvehemenz, mit der sich A. von Venus losreißt, die Anstrengung, mit der sie ihn zurückzuhalten sucht, charakteristisch waren, ist hier eine Beziehung ruhigen Gesprächs zwischen den beiden gestaltet. – In zwei Bildern des Jos. Heintz (1554–1609) gelangen Venus und A. nicht in einer bestimmten Phase der Erzählung, sondern schlechthin als liebendes Paar zur Darstellung. Auf dem einen (Wien, Gemäldegal. Nr. 1520) ruhen beide, sich umschlungen haltend, auf erhöhtem Sitz, unterhalb dessen 2 Eroten mit einem Hund spielen. Auf dem anderen Bild (Wien, Gemäldegal. Nr. 1522) sind Venus und A. in Verbindung mit anderen mythologischen Szenen und Figuren dargestellt (im Vordergrund wird Bacchus von Nymphen zum Meeresufer geführt; auf dem Wasser schwimmt, von Tauben und Delphinen gezogen, der Wagen der Venus; in den Lüften der Raub des Ganymed). Auch ein Elfenbeinrelief von Joh. Gottfried Frisch aus d. Jahr 1689 im Bayr. Nat.-Mus. München (Kat. Berliner Nr. 230, Taf. 194) nähert sich in der Darstellung des Paares der Schäferszene. – Die Klage der Venus um den toten A. (s. die Illustrationen von Virgil Solis und J. W. Baur) gelangt in einem Bilde des Christoph Schwarz († 1592; Wien, Gemäldegal. Nr. 1541, Abb. 5) zu gesonderter Darstellung. Ein dem Adrian de Vries zugeschriebenes Terrakotta-Relief im Bayr. Nat.-Mus. München (Brinckmann, Barockbozzetti 3, Taf. 7) zeigt Venus, die dem derbend am Boden liegenden A. zu Hilfe kommt, während Amor und der Eber nach verschiedenen Seiten enteilen.

Einzelfiguren des A. wird der Eber als Attribut beigegeben; vgl. eine Ludwigsburger Porzellanfigur (Abb. H. Christ, 1921, Taf. 99).

Zu den Abbildungen

1. und 2. Virgil Solis, Holzschnitte der Frankfurter latein. Metamorphosen-Ausg. nach Bernard Salomon, 1563. Phot. Bibl. Warburg, Hamburg.

3. Stich des David Custos nach Joh. Rottenhammer. Phot. Verf.

4. Adrian de Vries(† 1627), Bronzegruppe im Schloßpark zu Bückeburg. Nach Rob. Bruck, Ernst zu Schaumburg, Berlin 1917.

5. Christoph Schwarz († 1592), Wien, Gemälde-Gal. Phot. Kunstverlag Wolfrum (J. Löwy), Wien.

Literatur

1. Roscher I, 69ff. 2. Pauly-Wissowa I, 384ff. 3. M. D. Henkel, Illustr. Ausgaben von Ovids Metamorphosen im 15., 16. u. 17. Jh., Vortr. d. Bibl. Warburg 1926/27, Leipzig 1930, S. 88f., 91f., 128ff. 4. E. W. Bredt, Der Götter Verwandlungen 3, München (1920), S. 33ff.

Verweise