Achse

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englisch: Axis; französisch: Axe; italienisch: Asse.


Georg Hoeltje (1933)

RDK I, 117–123


RDK I, 119, Abb. 1. Achse (vertikal) einer Kuppel.
RDK I, 119, Abb. 2. Achse (horizontal) eines Tonnengewölbes.
RDK I, 119, Abb. 3. Achse einer Säule.
RDK I, 119, Abb. 4. Achsen einer Fassade.
RDK I, 121, Abb. 5. Axiale Reihung von Räumen.
RDK I, 121, Abb. 6. Fluchtmäßige Reihung von Räumen.
RDK I, 121, Abb. 7. Axiale Reihung von Pfeilern bzw. Säulen.
RDK I, 121, Abb. 8. Axiale Ebenen eines kreuzförmigen Pfeilers.

I. Das Wort A., das in seiner ursprünglichen Bedeutung die Wagen-A. bezeichnet, wird bei der Übertragung in den Wortschatz der Geometrie zur Bezeichnung für die Gerade, um die sich – wie um die Wagen-A. das Rad – die Erzeugende eines Rotations- oder Kreiselkörpers dreht.

In der Anwendung auf Gebilde der Kunst, in erster Linie der Architektur, finden wir solche Rotations-A. sowohl bei Raumformen wie bei Körperformen. Wir sprechen infolgedessen von Raum- und Körper-A. Als Beispiele für Raum-A. nenne ich die vertikale A. einer Kreiskuppel (Abb. 1) und die horizontale A. eines Tonnengewölbes (Abb. 2) oder einer entsprechenden Bogenwölbung. Ein normales romanisches Kreuzgewölbe, als Durchdringung zweier Tonnengewölbe, besitzt 2 solcher A. Die Rotations-A. kommt also in der Architektur nicht „nur als senkrechte“, sondern auch als waagerechte Linie vor. – Als Beispiel für Körper-A. mag die A. einer Säule oder eines runden Pfeilers dienen (Abb. 3).

II a. Sieht man von der ursprünglich in dem Begriff A. enthaltenen Funktion der Drehung ab, so ist eine abgeleitete Anwendung des Begriffs in der allgemeineren Bedeutung von Mittellinie, Symmetrie-A. oder Halbierungslinie möglich. In dieser Bedeutung aber ist der Begriff sinngemäß nicht auf Raumformen, sondern nur auf Flächen anzuwenden. Man spricht in diesem Sinne von der A. eines Wandfeldes, eines Fensters, eines Pilasters, eines Rahmens, eines Bildes. 2seitig symmetrische Flächenformen können 2 solcher Symmetrie-A. aufweisen, eine Höhen- und eine Breiten-A.

Bei mehreren in einer Fläche liegenden Figuren (Fenstern, Türen, Wandfeldern) können die Symmetrie-A. von 2 oder mehr verschiedenen Figuren einander fortsetzen. Man spricht dann von einer gemeinsamen oder durchgeführten A., und man kann z. B. von einer Fassade, deren Fenster auf diese Weise angeordnet sind, sagen, daß sie in soundso viel A. aufgeteilt sei oder soundso viel A. enthalte (Abb. 4). Diese Ausdrucksweise wird jedoch schief und mißverständlich, wenn sie auf den dreidimensionalen Raum übertragen wird. Es ist falsch, wenn man von dem Schiff einer Kirche sagt, es habe soundso viel A., und dabei nichts anderes als die Aufteilung der Längswand in A. meint.

II b. Sinngemäß wird der Begriff der Symmetrie-A. auch auf die Flächenformen im Grundriß dreidimensionaler – räumlicher und körperlicher – Gebilde angewendet. Und von hier aus kann man dann, aber nur übertragend, von der A. einer Straße, eines Platzes, eines beliebigen Raumes oder Baukörpers sprechen. Auch in diesem Fall können die Symmetrie-A. mehrerer nebeneinanderliegender Grundrißfiguren einander fortsetzen: Durchführung von A. im Städtebau, axiale Aufreihung von Räumen (Abb. 5) – zu unterscheiden von der „Zimmerflucht“, bei der nicht die A., sondern die Wände der Räume einander fortsetzen, „in einer Flucht liegen“ (Abb. 6) –, axiale Aufreihung von Pfeilern (Abb. 7).

Eine Anwendung dieses nur in Beziehung auf den Grundriß verständlichen Begriffs der Symmetrie-A. auf dreidimensionale Gebilde führt, wenn der übertragende Charakter solchen Gebrauchs außer acht gelassen wird, alsbald zu der unlösbaren Aufgabe, bei einer solchen unmittelbaren Beziehung der A. auf den Raum selbst die Höhenlage anzugeben, in welcher die A. durch den Raum läuft. Die Unmöglichkeit, für dieses falsch gestellte Problem eine Lösung zu finden, verführt leicht dazu, die A. in dieser Anwendung überhaupt nicht als eine bestimmte Linie, sondern gewissermaßen als eine Schar von unendlich vielen Linien, d. h. als eine vertikale Ebene vorzustellen, die den betreffenden Raum in 2 spiegelgleiche Hälften zerlegen und deren lineare Projektion die A. des Grundrisses sein soll. Diese Gleichsetzung von A. und Ebene ist logisch nicht möglich, da die Umdeutung der A. in eine Ebene das Wesen der A., das von ihrer linearen Form nicht zu trennen ist, aufhebt. Aber selbst wenn man vom ursprünglichen Sinn des Wortes A. absieht und zugibt, daß der Begriff einer solchen Ebene als räumliches Korrelat der Symmetrie-A., als Symmetrieebene, Halbierungs- oder Spiegelfläche logisch richtig ist, dann widerspricht doch diese Vorstellung einer Halbierungsfläche, angewendet auf Raumformen, der einfachsten Anschauung. Es ist unmöglich, sich die Halbierung eines Raumes durch eine Ebene, die von nichts anderem bestimmt wird als von der Symmetrie-A. des Grundrisses, anschaulich vorzustellen.

Ganz anders ist das bei Körperformen. Das Zerfallen eines symmetrisch gebildeten Pfeilers, eines Baukörpers, einer plastischen Figur in 2 spiegelgleiche Hälften ist eine gewohnte Vorstellung, die anschaulich die Zusammensetzung des betreffenden Körpers klarmacht. Bei Körpern also ist die Vorstellung solcher Ebenen, die das dreidimensionale Gebilde entsprechend den Symmetrie-A. seiner Grenzflächen zerlegen, am Platze, und da eine ihrer Eigenschaften die Beziehung auf diese A. ist, können wir sie am besten als „axiale Ebenen“ bezeichnen.

III. Eine letzte abgeleitete Bedeutung des Begriffs A. ergibt sich bei 2- oder mehrseitig symmetrischen Körpern, z. B. einem kreuzförmigen Pfeiler, dadurch, daß diese axialen Ebenen sich in der Mitte des Körpers in einer Geraden schneiden, die senkrecht auf dem Schnittpunkt der Symmetrie-A. des Grundrisses steht (Abb. 8).

Zu den Abbildungen

Vgl. die Unterschriften der einzelnen Abbildungen. Nach Zeichnungen des Verfassers.

Literatur

1. Leo Adler in Wasmuths Lexikon der Bauk. I, Berlin 1929, S. 35ff. 2. Wilh. Rave, Die A. in der Bauk., Diss. Techn. Hochschule Berlin 1929. (Verf. kann den Ausführungen Raves nicht überall folgen.)

Verweise