Abyssus

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englisch: Abyss; französisch: Abîme; italienisch: Abisso.


Oswald Erich (1933)

RDK I, 108–110


RDK I, 109, Abb. 1. Aachen, 10. Jh.
RDK I, 109, Abb. 2. Utrecht-Psalter, 9. Jh.

Abyssus (von griech. ἄβυσσος = grundlos) im N.T. der Abgrund, unterster Grund der Hölle, der selbst von Christus bei seiner Höllenfahrt nicht besucht wurde, ist in der Apokalypse (20, 1–3) genannt als der Ort, in den die „alte Schlange, welche ist der Teufel und Satan“, geworfen wird „auf tausend Jahre“. Deshalb ist die Hölle auf den Darstellungen vom Sturze Satans (s. auch Antichrist) im eigentlichen Sinn als A. zu verstehen; doch unterscheidet sich dieser A., mangels bildhafter Angaben bei Johannes, in der Regel nicht von der sonst jeweils üblichen Topographie der Hölle. Es werden aber gelegentlich andere, textlich besonders gekennzeichnete Schilderungen der Hölle mit ihren Plagen auch für Satans Pein im Abgrund herangezogen. Ikonographisch wichtig ist vor allem Jes. 66, 24, auf jüdische Vorstellungen von der Gehenna zurückgehend [1]: „Ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen.“ Der gleiche Text kehrt im N.T. Mark. 9, 44, wieder. Eine weitere sehr ausführliche, im Ekelhaften förmlich schwelgende Ausmalung der Höllenqualen bringt im 2. Jh. die Petrus-Apokalypse, und noch das Malerbuch vom Berge Athos [2, 3] kennt den immer nagenden Wurm und die in Ewigkeit peinigenden Flammen. Die Darstellung ausgesuchter Qualen ist in der Kunst nicht selten; im strengen Sinn gehört nach obigem jedoch nur Satans Feuer- und Schlangenpein zum A. So in der Buchmalerei des 12. Jh. auf einem Blatt des Luitold-Evangeliars aus der Benediktinerabtei Mondsee (Wien, Nat.-Bibl. 1244); ähnlich, aber weniger deutlich, im Antiphonar von St. Peter in Salzburg (Cod. a. XII, 7). Das Evangelium Nikodemi des 3.– 5. Jh., welches in 2 lateinischen und einer griechischen Fassung auf uns gekommen ist, mag bei seinem starken Einfluß auf die christliche Ikonographie des Abendlands (vgl. Adam) auch hier, neben den erwähnten Texten, wirksam geworden sein für die Vorstellung vom A. Nach Zerstörung der Hölle durch den siegreich eingedrungenen Erlöser wird nämlich der Höllenfürst Satan seinem ehemaligen Statthalter Infernus gefesselt übergeben, der mit seinem einstigen Herrn in profundum abyssi fährt, wie es auf russischen Ikonen des 18. Jh. zu sehen ist [4]. Im 9. Jh. verschafft das Apokalypsekommentar des Beatus dem „Brunnen des Abgrundes“ (Apok. 9, 1 bis 3) hervorragendes Interesse, indem es die aus dem Bauche des Brunnens hervorkommenden Skorpione als Haeretiker erklärt.

Zu der sichersten und konkretesten Darstellung des A. ist Luk. 16, 26 der Anlaß gewesen. Der arme Lazarus in Abrahams Schoß wird von dem Reichen im Abgrund um einen Tropfen Wasser gebeten, was Abraham abschlägt, indem er hinzufügt: „Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß, die da wollten von hinnen hinabfahren zu euch, können nicht, noch auch nicht von dannen zu uns herüber fahren.“ Die Stelle ist in der Aachener Ottonen-Handschrift in sonderbarer Weise dargestellt. A. hat nämlich menschliche Gestalt angenommen und ist durch den großen Kopf eines Weibes (ἡ ἀυνσσος!) vertreten, in dessen Haaren das Wort ABYSSUS geschrieben steht (Abb. 1 u. Abb. Sp. 98). Diese persönliche Auffassung des A. geht wohl auf die Dithochäen des Prudentius (4. Jh.) zurück, wo es von Christus heißt: „mors illi devicta iacet, calcavit abyssum“ (Migne, Patrol. lat. 60, 89). Nach dieser durch die Beischrift gesicherten Analogie sind wohl auch manche der verschiedenen Köpfe, die im Utrecht-Psalter (9. Jh.; Abb. 2) die Hölle personifizieren, als A. anzusehen, besonders, wenn sie durch langes Haar als weiblich charakterisiert sind.

Zu den Abbildungen

1. Aachen, Münster, Evangeliar Ottos II. (oder III.): Der reiche Prasser im A., vom Durst gequält. 10. Jh.; Ausschnitt, vgl. Abb. Sp. 98. Nach Skizze des Verf.

2. Utrecht, Univ.-Bibl., Psalter: Eine Seele entflieht aus dem A., 9. Jh. Nach Skizze des Verf.

Literatur

1. Albr. Dieterich, Nekyia, Leipzig 1931. 2. Das Handbuch der Malerei vom Berge Athos, ed. Godeh. Schäfer, Trier 1855. 3. Didron, Manuel d’iconographie chrétienne, grecque et latine, Paris 1845. 4. Osw. Erich, Die Darstellung des Teufels in d. christl. K., Berlin 1931.