Abschied Christi von Maria

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englisch: Christ taking leave from his mother; französisch: Adieu du Christ à sa mère; italienisch: Congedo di Cristo da Maria.


Otto Schmitt (1933)

RDK I, 102–105


RDK I, 103, Abb. 1. Köln, W.-R.-Mus., um 1440.
RDK I, 105, Abb. 2. Urs Graf.
RDK I, 105, Abb. 3. Eggenburg, Bildstock, 18. Jh.

Die weder von den kanonischen noch von den apokryphen Evangelien berichtete Szene taucht zuerst in der religiösen Literatur des 13. Jh. auf und spielt in der Folgezeit auch im Passionsspiel eine Rolle. In den dem hl. Bonaventura († 1274) zugeschriebenen Meditationes de Vita Christi (Kap. 72) und in dem wenig jüngeren Marienleben des Karthäusers Philipp von Seitz (ed. H. Rückert, Bibl. d. gesamten dt. Nat.Lit. 34, v. 6070ff.; vgl. auch Schultz [1]) wird sie ausführlich geschildert. Sämtliche Autoren verlegen die Szene in die Heimat des Lazarus, Bethanien, und in die Zeit nach dessen Auferweckung (Joh. 11) bzw. nach der Salbung des Herrn durch Maria (Joh. 12, 1–8). Dem entspricht es, wenn die Darstellung am Denkmal des Jobst Truchseß von Wetzhausen in der Wiener Deutschordenskirche (1524 von Loy Hering) inschriftlich als „abschaidung zu Bethania“ bezeichnet ist; ein Wirkteppich von 1608 in Gengenbach (Inv. Baden 7, S. 399 u. Taf. 13) gibt die Beischrift: „Christus scheidet zu Bethania von seiner Libenn muter unnd anndernn Freundenn“ und verweist dabei auf Matth. 21 (wo aber bereits der Einzug in Jerusalem berichtet wird). In zyklischen Darstellungen der Passion wird der Abschied Christi von Maria gewöhnlich unmittelbar vor den Einzug in Jerusalem gesetzt.

Die bildende Kunst bemächtigt sich des Themas anscheinend erst im 15. Jh.; die von der kunstgeschichtlichen Literatur und den ikonographischen Handbüchern genannten älteren Beispiele (Duccio u. a.) existieren nicht oder sind falsch gedeutet; die Miniatur im Kunigundenpassionale der Prager Univ.Bibl. (1312, Burger-Schmitz-Beth im Hdb. d. Kw., S. 160) stellt in Wirklichkeit den von Maria umarmten Schmerzensmann (Wundmale!) dar. Dagegen geben einige kölnische Gemälde der 1. H. 15. Jh. eindeutig unsere Szene wieder: das Bild 1224 des Deutschen Mus. in Berlin zeigt im Rahmen von 34 kleinen Darstellungen aus dem Leben Christi von der Verkündigung bis zum Weltgericht den A. zusammen mit dem Einzug in Jerusalem zwischen der Predigt im Tempel (Joh. 8) und dem Abendmahl. Christus und Maria treten hier ohne weitere Begleitfiguren auf. Dasselbe gilt von dem Gemälde Nr. 90 im Wallraf-Richartz-Mus., wo der A. innerhalb eines Passionszyklus von 30 Bildern zwischen dem Einzug in Jerusalem und dem Abendmahl eingeschaltet ist, während ein wenig späteres Bild der gleichen Sammlung (Nr. 92; Abb. 1) hinter Maria die beiden Schwestern des Lazarus und Magdalena, hinter Christus einige Apostel darstellt. Auf sämtlichen 3 Bildern verabschiedet sich Christus von Maria, indem er der vor ihm stehenden Mutter die eine Hand reicht, während die andere redend erhoben ist; in dem jüngeren Kölner Bild trocknet Maria ihre Tränen mit einem Tuch. Die späteren Darstellungen betonen in zunehmendem Maß den Abschiedsschmerz; oft kniet Maria flehend zu Füßen Christi, der auf sie einspricht oder sie senget, oder sie sitzt mit gerungenen Händen vor ihm am Boden. Erst die Frührenaissance bringt gelegentlich (Epitaph der Marg. Tucher, † 1521, im Dom zu Regensburg, nach S. Meller von Paul Vischer) eine Mäßigung des Gefühlsausbruchs. In der Regel ist Christus von einigen Aposteln (vornehmlich den Aposteln der Ölbergszene: Petrus, Jakobus maj. und Johannes), Maria von den 3 Frauen begleitet, doch schwankt die Zahl der Begleiter auf beiden Seiten, und nicht selten fehlen sie ganz, namentlich das Gefolge Christi, oder sind nur klein im Hintergrund dargestellt. Die Szene spielt fast ausnahmslos in freier Landschaft; meist ist im Hintergrund eine Stadt (Bethania) oder ein Haus (des Lazarus) dargestellt oder angedeutet. Nur das genannte Relief von P. Vischer gibt als räumlichen Abschluß ein großes Architekturbild in Renaissanceformen.

Überaus zahlreich finden sich Darstellungen des A. in der deutschen Graphik des späteren 15. und frühen 16. Jh., besonders im Holzschnitt. Schreiber (Hdb. 1, S. 205, u. 8, S. 34, unter Nr. 639–641) nennt eine größere Anzahl von Einblattdrucken der 2. H. 15. Jh. Später begegnet das Thema immer wieder: bei Dürer (Kleine Passion, B. 21; Marienleben, B. 92), Altdorfer (Sündenfall und Erlösung), Burgkmair (Leiden Christi), Urs Graf (Abb. 2) und in zahlreichen anderen Holzschnittfolgen. Von Gemälden dieser Epoche nennen wir den Hochaltar der Johanniskirche in Neustadt a. O. (voll. 1513, Cranachwerkstatt; Inv. Sachsen-Weimar-Eisenach 5, S. 84), wo die Szene auf 2 Flügel (Christus mit 3 Aposteln, Maria mit 3 Frauen) verteilt ist, den Meister von Meßkirch (Donaueschingen), Cranach (Wien, Gemäldegal. und mehrere Kopien), Gerhard David (New York, Metrop.Mus.); die beiden letzteren geben alle Personen in Halbfiguren. Auch die Reliefplastik stellt das Thema mehrfach dar, meist in Anlehnung an graphische Vorlagen. Außer Loy Hering und P. Vischer (s. o.) seien ein fränkischer Schnitzaltar um 1500 im Suermondt-Mus. in Aachen (Kat. Schweitzer II, Taf. 30) und ein Epitaph von 1518 in der Breslauer Magdalenenkirche erwähnt (Lutsch, Bilderwerk, Taf. 73; weitere schlesische Beispiele bei P. Knötel, Kirchl. Bilderkunde Schlesiens, Glatz 1929, S. 27). – Daß auch die deutsche Kunst der Neuzeit das (im nachmittelalterlichen Italien sehr häufig dargestellte) Abschiedsthema kennt, zeigt der oben genannte Gengenbacher Wirkteppich von 1608; von 1674 ein figurenreiches Holzrelief von I. C. Pendl, in der Ursulinenkirche zu Landshut (Inv. Bayern IV 16, Fig. 234); ein Elfenbeinrelief des 18. Jh. im Bayr. Nat.Mus. München (Kat. Berliner Nr. 528, Taf. 262); als freiplastische Gruppe an einem Bildstock des früheren 18. Jh. in Eggenburg (Abb. 3).


Zu den Abbildungen

1. Köln, Wallraf-Richartz-Mus., Nr. 92: Kölner Meister um 1440. Phot. Bildarchiv des Rhein. Mus. Köln.

2. Urs Graf (1485–1527/28), Holzschnitt. Nach S. Rüttgers, Holzschnitte deutscher Meister, Berlin o. J.

3. Eggenburg (Niederösterreich), Bildstock, A. 18. Jh. Nach Inv. Österreich 5, Fig. 46.

Literatur

1. Alwin Schultz, Die Legende vom Leben der Jungfrau Maria (Beitr. z. Kg. I), Leipzig 1878, S. 27 u. 66. 2. Otte I, 532. 3. Künstle I, 411/12. 4. Beissel, Marienverehrung I, 402. 5. Ders. II, 333ff.

Verweise