Aminadab

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englisch: Aminadab; französisch: Aminadab; italienisch: Aminadab, carro di aminadab.


Oswald A. Erich (1934)

RDK I, 638–641


RDK I, 639, Abb. 1. St. Denis, Abteikirche.
RDK I, 639, Abb. 2. Wien, Staatsbibliothek.

Aminadab (Ammi-nadab, Abinadab; Wagen, Quadriga des A.) ist ein typisches Beispiel für gelehrte Etymologie und den Wunsch der Kirche, um jeden Preis Ordnung und Beziehung zwischen dem A.T. und dem N.T. zu schaffen. Das Leitmotiv derartiger Assoziationen pflegt Gleichklang der Namen bzw. Ähnlichkeit der Schriftzeichen zu sein, doch spricht selbstverständlich auch die buchstäblich genommene oder interpretierte Bedeutung der Worte mit. Nach diesem Schema ist der mittelalterliche Begriff des A. und seines Wagens etwa folgendermaßen gebaut:

Im A.T. heißt es nach dem Text der Vulgata (Cant. VI 11, 12): „anima mea turbavit me propter quadrigas Aminadab. O Sulamith, revertere ...“ In seiner Exegese des Hohenliedes erklärte Honorius von Autun (Migne P. L. 172, 512) die Quadriga A. als das Evangelium, das gleich einem Wagen „durch die Klimaten der Welt“ rollen soll. Den Ansatzpunkt zu dieser Auslegung bildet der Vorgang, welcher sich (1. Sam. 7, 1) mit der von den Philistern geraubten Bundeslade abspielt: sie wird von A., dem Manne zu Gaaba, auf einem Wagen in sein Haus gebracht. Die Feinde hatten, von Krankheiten geplagt, das unheilvolle Heiligtum wieder über die Grenze geschafft, um es los zu werden. Es war ein ehrenvolles, aber höchst gefährliches Unternehmen, die Lade bei sich zu beherbergen; ihr bloßes Berühren konnte den Tod bringen, wie denn selbst der gutwillige A. seinen Opfermut mit dem Tod eines seiner Söhne teuer bezahlen muß (2. Sam. 6, 3, 4). Wieder auf einem Wagen wird das Heiligtum nach 20 Jahren weitergeschafft. Wohl um die Antithese A.T. : N.T. noch schärfer herauszuarbeiten, wird auch Abinadab (2. Mos. 6, 23) mit herangezogen, weil er mit Aaron, dem Hohenpriester des alten Bundes, verschwägert ist, und weil nach der Auffassung der mittelalterlichen Theologie der Aaronstab gleich der Bundeslade symbolisch auf das Evangelium hinweist.

Über den betreffenden Abschnitt seiner Exegese setzt der Kommentator die bezeichnende Überschrift „sequuntur verba poenitentis ecclesiae, quandoque de Judaeis convertendae“. Es kam ihm also darauf an, zu zeigen, daß die alte Lehre oder Synagoge, die mit der Sulamith des Hohenliedes identifiziert wird, sich von den Juden fort begibt zu den anderen Völkern, wie sie, von A. geleitet, sich dereinst von den Philistern entfernt hatte. Deutlicher wird der Sinn der ganzen Kompilierung durch die Erklärung des Rupert von Deutz (um 1120; [1]): „Der neue Wagen, auf dem die Arche des Bundes des Herrn gefahren wird, ist das neue Evangelium Christi, wodurch die Auferstehung, wie vorausgesagt ist, in der ganzen Welt bekannt wird. Die 4 Räder sind die Evangelisten“ (Migne P. L. 167, 1162).

Auf diesen Grundlagen baute Abt Suger von St. Denis auf, als er das entsprechende Glasgemälde für seine Abteikirche bestellte (ca. 1140; Abb. 1). Es zeigt die Bundeslade als Wagen, in dem die Gesetzestafeln und der Aaronstab, die Requisiten des alten Bundes, liegen. Zu ihnen in die gleiche Lade hinein stellt nun Gottvater seinen am Kreuze hängenden Sohn, den Inbegriff des N.T. Die Gruppe ist umgeben von den Evangelistensymbolen und der Inschrift: „Foederis ex arca Christi cruce sistitur ara / Foedere maiori vult ibi vita mori“ [2]. Das Motiv findet wenig später in der Salzburger Buchmalerei Eingang. In der Wiener Hs. cod. lat. 942 (um 1150; Abb. 2) sitzt als Vertreterin der wahren Lehre Sunamitis (Sulamith) im Wagen der Evangelien, die flatternde Kreuzesfahne des Erlösers in der Rechten. Hier leitet „sacerdos Aminadab“ den Wagen, während auf einer anderen Miniatur der gleichen Schule (München, clm. 5118) die Apostel dieses Amt übernehmen. Dadurch wird der Sinn der Fahrt in alle Welt, zu allen Völkern treffend gekennzeichnet. Auf beiden Blättern sowie im Münchner clm. 4550 stehen links die Juden in spitzen Hüten und schauen dem Wagen nach. Am Bildrande steht in allen angeführten Handschriften: „Que fuit inmitis mansueta redit Sunamitis / Hec prius abiecta regnat captive revecta“ [s. a. 3]. Eine aus St. Blasien stammende Handschrift in St. Paul im Lavantthal (deutsch um 1300; Abb. Ill. Hss. 3, S. 95) zeigt Sulamith mit 3 Kreuzesfahnen im Wagen, auf dessen Rädern die Evangelistensymbole stehen; vor dem Wagen wird Sulamith von Salomo begrüßt. Im späteren Mittelalter scheint der Wagen des A. kaum mehr dargestellt worden zu sein. Doch verzeichnet Schreiber, Hdb. 4, Nr. 1856 einen Holzschnitt des 15. Jh., auf dem der Fuß des Kreuzes in dem von Evangelisten gezogenen Wagen steht. Möglicherweise gehen auf den gelehrten Ausleger des canticum canticorum auch noch einige bildmäßige Grundgedanken Rubensscher Gemälde zurück. In der Folge der Triumphe des Abendmahles (1625–1628, Madrid, Prado) kehrt der Triumphwagen der Kirche mehrfach wieder und klingt bei dem „Triumph über die Unwissenheit und Verblendung“ wohl deutlicher an das alte Motiv von der Quadriga A. an. Vgl. Kirche.

Mit den Beziehungen des A.-Motivs in der Buchmalerei zu den Skulpturen des Regensburger Schottenportals setzt sich Jos. Ant. Endres [4] kritisch auseinander. Ein Zusammenhang scheint inhaltlich durch Honorius’ Exegese des Hohenliedes gegeben, doch ist er ikonographisch nicht zu erfassen.

Zu den Abbildungen

1. St. Denis, Abteikirche, Glasgemälde um 1140: „Quadriga Aminadab“. Nach Cahier et Martin, Vitraux peints de St. Etienne de Bourges, 1843.

2. Wien, Staatsbibl., cod. lat. 942, Wagen des Aminadab, Salzburg um 1150. Phot. Bildarchiv d. Rhein. Mus. Köln.

Literatur

1. Egid Beitz, Rupertus von Deutz, Köln 1930. 2. Mâle I3, S. 182f. und II6, S. 175f. 3. Künstle I, S. 61. 4. Jos. Ant. Endres, Das St. Jakobsportal in Regensburg und Honorius Augustodunensis, Kempten 1903. 5. Molsdorf, S. 160, Nr. 981.