Abendmahlskelch (prot.)

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englisch: Communion cup, eucharistic chalice (Protestant); französisch: Coupe de communion, calice eucharistique (protestant); italienisch: Calice della eucaristia (protestante).


Georg Stuhlfauth (1933)

RDK I, 56–64


RDK I, 57, Abb. 1. Stendal, 1539/40.
RDK I, 57, Abb. 2. Stettin, 1558.
RDK I, 59, Abb. 3. Bützow, 1555.
RDK I, 59, Abb. 4. Seligenfeld, um 1600.
RDK I, 59, Abb. 5. Leipzig, 1649.
RDK I, 61, Abb. 6. Halle, 1654.
RDK I, 61, Abb. 7. Kammin, 1682.
RDK I, 61, Abb. 8. Roggow, um 1685.
RDK I, 63, Abb. 9. Thorn, 1720.
RDK I, 63, Abb. 10. Hohenzieritz, 1806.
RDK I, 63, Abb. 11. Blumenow, 1661.
RDK I, 65, Abb. 12. Braunschweig, 18. Jh.
RDK I, 65, Abb. 13. Hörstgen, 1681.
RDK I, 65, Abb. 14. Vorwohle, 1675.
RDK I, 67, Abb. 1. Halle, 1654.

I. Allgemeines

Der A., das ehrwürdigste der vasa sacra, ist dasjenige unter den Abendmahlsgeräten, mit dem bei der Feier des hl. Abendmahles von dem Geistlichen nach der Darreichung des Brotes bzw. der Hostie (Oblate) der Wein an die Abendmahlsgäste ausgeteilt wird. Er ist als solches zugleich das geschichtliche Symbol für den Satz und für die Tatsache vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen innerhalb der evangelischen Kirchen und Gemeinschaften und das sichtbare Erinnerungszeichen der schweren religiösen Kämpfe, in denen sich die evangelisch Gesinnten am Ausgang des Mittelalters mit Berufung auf das Wort Jesu „Trinket alle daraus“ (Matth. 26, 27; vgl. Mark. 14, 23) unter Vorgang der Hussiten (1433) das Recht der Wiederzulassung zu dem seit dem 13. Jh. von der katholischen Kirche allein dem Priester vorbehaltenen Kelche erstritten [1–2]. Die Einführung des Laienkelches schließt in sich eine erhebliche Vergrößerung der Kelchschale (cuppa) und damit des ganzen Kelches gegenüber dem katholischen, nur dem einzelnen Priester dienenden Meßkelch. Dieser Größenunterschied ist ein allgemeiner, wenn auch solche, auf den Zustrom der Massen zum Abendmahl berechnete, Riesenkelche wie die beiden als künstlerische Leistungen ersten Ranges zu wertenden im Kirchenschatz der evangelischen Gemeinde in Mediasch (Siebenbürgen, s. Roth, 98 u. Taf. XII, 1: 16. Jh.; Taf. XI. 2: 2. H. 17. Jh.), das übliche Maß beträchtlich überschreiten. Doch erfolgt die Beschaffung der großen A. nicht überall sofort mit der Einführung der Reformation und des Laienkelches; wenigstens haben in Ostpreußen die Kelchkuppen bis 1580 noch das vorreformatorische kleine Maß des Einzelkelches für den Priester, um allerdings dann bis 1700 sich oft zu einem Riesenmaß auszuwachsen und hernach in unser Normalmaß sich zurückzubilden. – Anders als beim Taufgerät, bei dem Schüssel und Kanne in der Regel eine einheitliche Entstehung haben, ist der A. im allgemeinen unabhängig von der Abendmahlskanne und umgekehrt entstanden; häufiger ist es der Fall, daß mit dem A. die Patene (Abendmahlsteller) zusammen hergestellt ist.

Die Blütezeit des A. setzt ein mit ca. 1540 und läuft wie für alles kirchliche Gerät bis A. 19. Jh. In unzähligen Fällen ohne Schmuck, einfach, schlicht, glatt, lediglich auch nur durch die Form wirkend, sind die A. (Silber, meist vergoldet, selten anderes Material: Zinn, im 18. und 19. Jh. gelegentlich auch Messing und mehrfach Glas, vereinzelt Gold) sehr oft mit Bildwerk aller Art in Gravierung oder Treibarbeit oder auch beidem zugleich ausgestattet und von Meisterhand als reiche und reichste Kunstwerke hergestellt worden.

II. Einzelne Kelche des 16., 17. und 18. Jh.

Aus dem 16. Jh. sind trotz ungeheuerer Verluste durch Krieg, Not, Vernichtung, Einschmelzung noch eine gegen seinen Ausgang sich mehrende Anzahl schöner, teilweise hervorragender Stücke erhalten geblieben. An Beispielen sind zu verzeichnen: der A. der Marienkirche in Stendal (Abb. 1; ungewöhnlich groß, 27 cm hoch, mit büstengeschmücktem Sechspaßfuß und sechspassig ausgebuchteter, 1½ Liter fassender Trinkschale, im Zusammenhang mit der 1539 in Stendal eingeführten Reformation, spätestens bis 1570 entstanden, 1648 vergoldet); der gleichfalls sehr große A. der Marienkirche in Lübeck, vor 1546, von Jakob Hermann daselbst (Warncke, Abb. 28 zu Nr. 260a, 2); der A. der Kirche in Salder, 1547 (Inv. Braunschweig III, 2, Taf. XVII, 3 zu S. 370); der A. in Zeilitzheim, um 1550 (Inv. Bayern III, 8, Fig. 183 zu S. 297); die A. in Deutschkreuz, Mediasch u. a. (Siebenbürgen), um 1550 (Roth, Taf. X, 2; XII, 3 zu S. 99ff.); der A. der Stadtkirche in Bützow (Meckl.), 1555 (Abb. 3; Prachtstück mit Steinen und Email verziert, in Treibarbeit an der Cuppa 5 Passionsdarstellungen, am 6passigen Fuß 6 Apostel); der A. der Schloßkirche in Stettin, 1558 („Barnimskelch“, Abb. 2); der A. im Dom zu Lübeck von Hans Wessel daselbst, 1564 (Warncke, Abb. 29 zu Nr. 297, 1); der A. der St.-Marien-Kirche in Wismar, 1568 (am Knauf in blaues Email eingelassen VDMIAE 1568: Verbum dei manet in aeternum; am Sechspaßfuß in Relief die Kreuzigungsszene und in Gravierung 5 weitere Bilder: Grablegung bis Weltgericht; Abb. Friedr. Crull, Das Amt der Goldschmiede in Wismar, Wismar 1887, Taf. I, 4 zu S. 39, Nr. 5); der A. in Petznick, 1590 (Inv. Pommern, Kr. Pyritz, Fig. 47 zu S. 422f.); die beiden A. in Buszd und Zied, Ausg. 16. bzw. Wende 16./17. Jh. (Renaissanceformen; Kirchl. Kunstdenkmäler aus Siebenbürgen, Serie I, Taf. 18/19; vgl. Roth, 127f.); der A. der evangelischen Kirche in Seligenfeld (Ostpreußen, Abb. 4; Renaissanceform); desgl., von Merten Groß in Königsberg i. Pr.; der A. der Altstädtischen Kirche in Königsberg i. Pr. von Elias Rasser aus Wittenberg, 1591 (Czihak I, Taf. 2 zu S. 40 u. 69, 1); der A. der Ägidienkirche in Lübeck von Hans Hintze II, 1597 (Warncke, Abb. 42 zu Nr. 320, 2); der A. der evangelischen Kirche in Hall (Wttbg.), um 1600 (Pazaurek, Taf. 39, 1).

Das 17. und 18. Jh. hält für den Durchschnitt der A. an den einfachen Typen des 16. Jh. fest, vgl. etwa die vorzügliche Zusammenstellung bei Graul, Taf. XVII. Über ihn ragen jene künstlerischen Sonderleistungen mit reichstem figürlichem und ornamentalem Schmuck empor, die auch ihrerseits den Reigen des 16. Jh. weiterführen, wie, um für die beiden Jahrhunderte nur ein paar zu nennen, der Crimmitschauer A. des Städt. Kunstgewerbemus. in Leipzig von 1649 (Abb. 5); der goldene A. von Christian Knittel in der Ulrichskirche zu Halle a.d.S. (1654, Abb. 6), ausgezeichnet durch reichen Emailschmuck (Leidenswerkzeuge u. ä.; vgl. die zugehörige Patene Sp. 67, Abb. 1); der A. der Kirche in Tambach von 1684 (ungemein reich gearbeitet, an Cuppa und Fuß Passionsdarstellungen; Abb. Inv. Thüringen: Sachsen-Coburg-Gotha 2, S. 121); der A. der Pfarrkirche in Roggow von Ernst Kadau II in Danzig, um 1685 (mit 6 in flachem Relief getriebenen Darstellungen der Passion; Abb. 8; Details s. Inv. Reg.-Bez. Stettin 10, Fig. 54–60); der A. der Neustädtischen evangelischen Kirche in Thorn von Jakob Weintraub, um 1700 (mit Passionsszenen in Treibarbeit, Czihak II, Taf. 24 zu S. 134; vgl. von demselben Meister den A. der Altstädtischen evangelischen Kirche, Abb. 9); der goldene, mit anderem Abendmahlsgerät von Herzog Johann Wilhelm († 1729) gestiftete A. der Georgenkirche in Eisenach (an der Cuppa in Emailmalerei Kruzifixus zwischen den knieenden Maria und Johannes; Höhe 22 cm; Inv. Thüringen: Sachsen-Weimar-Eisenach III, 1, Taf. an S. 256 unten zu S. 254); der große Prunk-A. der Kirchengemeinde in Hermannstadt, um 1755 (Roth, 129f.); der A. des Münsters in Gandersheim von 1756 (Inv. Braunschweig V, Taf. VIII, 1, zu S. 140). Einen schönen A. von 1806, zu dem die Sp. 56 abgebildete Abendmahlskanne gehört, besitzt die Kirche in Hohenzieritz (Mecklenburg-Strelitz, Abb. 10).

Zinnkelche sind in großer Zahl erhalten, wenn auch vielfach nicht mehr in Gebrauch; vgl. das Sp. 55/56 genannte Werk von Hintze. Ein Beispiel von 1661 in Blumenow (Mecklenburg-Strelitz) gibt Abb. 11.

Glaskelche begegnen öfter seit dem 18. Jh. in protestantischen Kirchen des Landes Braunschweig (Abb. 12), so in Schorborn, 1769 (an der Cuppa Kruzifixus, gegenüber Doppelvers, am Knauf weintraubenartige Verzierungen; zugehörig eine gleichfalls gläserne Patene; Abb. Inv. Braunschweig IV, S. 198); Lüerdissen, 1782 (ebd. S. 317); Grave, 1. H. 19. Jh. (ebd. S. 341). Einen hübschen A. aus Glas mit Weinlaubverzierungen von ca. 1850 hat die Kirche in Sandhagen i. Meckl. (Abb. Inv. Meckl.-Strelitz I, 2, S. 395 zu S. 397).

III. Abendmahlsbecher

An Stelle des Kelches verwenden reformierter Sitte gemäß manche evangelische Gemeinden des Rheinlandes Abendmahlsbecher. Diese sind, soweit bekannt, Arbeiten des 17. und vereinzelt des 18. Jh. Das Bildarchiv des Rhein. Mus. Köln verzeichnet in seinem Katalog der photographischen Aufnahmen B: Goldschmiedearbeiten (s. Literatur) solche Abendmahlsbecher für die evangelischen Gemeinden in Kapellen (Nr. 458; Silber, mit Inschrift, 1655), Siegen (Nr. 478, Silber vergoldet, Krankenabendmahlsbecher mit abschraubbarem Hostienbehälter, mit Wappen, 1623), Randerath (Nr. 471, Silber mit Inschrift, Wappen, 1649), Hörstgen (Abb. 13; Nr. 456, Silber, mit Inschrift, 1681), Lövenich (Nr. 464 und 465; beide Silber und 17. Jh., ersterer mit Inschrift), Wassenberg (Nr. 486; Silber, 17. Jh.), Wevelinghoven (Nr. 491, Kupfer vergoldet, mit gravierter Darstellung des guten Hirten, 17. Jh.) und Eschweiler (Nr. 548, Silber, Anf. 18. Jh.). Auch der silbervergoldete Becher der evangelischen Kirche in Retgendorf (Meckl.), dessen niedriger Fuß (Nürnberger Arbeit) mit getriebenen Ornamenten und dessen Cuppa mit eingravierten Muttern des Spätrenaissance- und Barockstiles verziert ist, ist anscheinend ein Abendmahlsbecher (17. Jh.?, Abb. Inv. Meckl.-Schwerin II, S. 652).

IV. Krankenkelche

Zum Zweck der Krankenkommunion besitzen die Kirchengemeinden Krankenkelche (auch Krankenbecher, s. oben unter III), die, kleineren Formates, nur gelegentlich, wie der schöne Krankenkelch der Kirche in Vorwohle, 1675 (Abb. 14; Silber, außen und innen vergoldet, an allen Flächen mit getriebenem Ornament überzogen, Augsburger Arbeit) als besonderes Zierstück gearbeitet, im allgemeinen glatt und schlicht gehalten sind: vgl. etwa den Krankenkelch der Stadtkirche in Kranichfeld, um 1700 (Abb. Inv. Thüringen: Sachsen-Meiningen IV, S. 149), und den des Domes in Königsberg i. Pr. von 1716 (Czihak I, 71 Nr. 26).

V. Der Einzelkelch und der Patenenkelch

Ganz klein sind die sog. Einzelkelche, d. h. die jeweils nur für eine Person bestimmten A., zu deren Schaffung die um die Wende des 19./20. Jh. von den Straßburger Professoren Friedrich Spitta [3] und Julius Smend begründete Einzelkelch-Bewegung Anlaß gegeben hat und um deren formale Gestaltung sich verschiedene Künstler bemüht haben. Ähnliches gilt auch von den in gleichem kultgeschichtlichem Zusammenhang konstruierten sog. Patenenkelchen, d. h. Kelchen, mit denen der Hostienteller zum Zwecke der Eintauchung der Hostie (Oblate) in den Wein zu einer Einheit verbunden ist.

Zu den Abbildungen

1. Stendal, Marienkirche, 1539/40, Silber, Höhe 27 cm. Phot. Prov.-Konservator der Prov. Sachsen.

2. Stettin, Schloßkirche, Barnimskelch, 1558, vergoldetes Silber, Höhe 24 cm. Phot. Prov.Mus. Stettin.

3. Bützow (Meckl.), Stadtkirche, 1555, Silber vergoldet, H. 30,5 cm. Nach Inv. Meckl.-Schwerin IV.

4. Seligenfeld (Ostpr.), evang. Kirche, A. v. Merten Groß, um 1600, Silber. Nach E. v. Czihak, Edelschmiedekunst in Preußen I, Taf. 6.

5. Leipzig, K.gewerbe-Mus., A. aus Schloß Schweinsburg bei Crimmitschau, 1649, Silber. Nach Rich. Graul, Alte Leipziger Goldschmiedearbeiten, Leipzig 1910, Taf. 60.

6. Halle a. d. S., St. Ulrichs-Kirche, A. von Christian Knittel, 1654, Gold mit Emailschmuck. Phot. Prov.-Konservator der Prov. Sachsen.

7. Kammin (Pommern), Dom, Croy-Kelch, 1682, Silber. Phot. Staatl. Bildstelle, Berlin.

8. Roggow (Pommern, Kr. Regenwalde), um 1685, vergoldetes Silber, Höhe 27,5 cm. Phot. Prov.-Konservator für Pommern.

9. Thorn, Altstädt. evang. Kirche, A. von Jakob Weintraub, 1720, vergoldetes Silber. Nach E. v. Czihak II, Taf. 25.

10. Hohenzieritz (Meckl.-Strelitz), Kirche, A. von Caspar Xaver Stippeldey, 1806, Silber, vergoldet, Höhe 29 cm. Nach Inv. Meckl.-Strelitz I, 1.

11. Blumenow (Meckl.-Strelitz), Kirche, Zinnkelch von 1661. Phot. Hauptarchiv Neustrelitz.

12. Braunschweig, Herzog Anton-Ulrich-Mus., Glaskelch aus Bodenstein (Kr. Gandersheim), 18. Jh., Höhe 25 cm. Phot. Mus.

13. Hörstgen (Rheinprov.), evang. Gemeinde, Abendmahlsbecher von 1681, Silber. Phot. Bildarchiv des Rhein. Mus, Köln.

14. Vorwohle (Braunschweig), Kirche, Krankenkelch von 1675, Silber, vergoldet. Nach Inv. Braunschweig IV.

Literatur

Zu Abschn. I: 1. Jul. Smend, Kelchversagung u. Kelchspendung in der abendländischen Kirche, Göttingen 1898. 2. G. Constant, Concession à l’Allemagne de la communion sous les deux espèces. Étude sur les débuts de la réforme catholique en Allemagne (1548–1621), 2 Bde., Paris 1923.

Zu Abschn. II–IV: s. Abendmahlsgerät.

Zu Abschn. V: 3. Friedr. Spitta, Die Kelchbewegung in Deutschland u. die Reform der Abendmahlsfeier, Göttingen 1904. 4. Monatschrift f. Gottesdienst u. kirchl. K. 1904, 1905, 1910, 1913, 1927, 1928.