Abakus

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englisch: Abacus; französisch: Abaque; italienisch: Abaco.


Wolfgang Herrmann (1933)

RDK I, 12–16


RDK I, 13, Abb. 1. Rom.
RDK I, 13, Abb. 2. Speyer, um 1100.
RDK I, 15, Abb. 3. Ravenna, 6. Jh.
RDK I, 15, Abb. 4. Höchst, 9. Jh.
RDK I, 15, Abb. 5. Quedlinburg, um 1100.
RDK I, 15, Abb. 6. Worms, um 1200.
RDK I, 15, Abb. 7. Naumburg, um 1230.
RDK I, 17, Abb. 8. Straßburg, um 1240.
RDK I, 17, Abb. 9. Straßburg, um 1280.

Abakus, vom griech. ἄβαξ, ganz allgemein jede rechteckige Tafel oder Tischplatte, in der Architektur meist die rechteckige oder quadratische Platte, die den oberen Abschluß eines Kapitells bildet. In der besonderen Verwendung als Kapitelldeckplatte kam der A. schon in der ägyptischen Baukunst auf, um durch Vermittlung der kretisch-mykenischen Kunst in die griechischen Säulenordnungen aufgenommen zu werden. Während der dorische A. eine geradwandige und ungegliederte Platte ist, wird er im ionischen und korinthischen Stil durch Hohlkehle und Leisten profiliert und vielfach auch mit Blattwerk und anderem Ornament ausgestattet; beim korinthischen und Kompositkapitell werden die Seiten einwärts geschwungen und in der Mitte eine Rosette angebracht (Abb. 1). A. und Kapitell bestehen in der klassischen griechischen und römischen Kunst immer aus einem Stück.

In der mittelalterlichen Baukunst erhält sich der A., solange und sooft die Grundform des korinthischen Kapitells wiederholt wird (Abb. 2), vielfach allerdings in verkümmerter Form (vgl. Abb. 4 mit Abb. 2). Er verliert jedoch an Bedeutung wesentlich mit dem Aufkommen der Bogenarchitektur. Während in der Antike die Funktion, vom runden Säulenschaft zum quadratischen Balken überzuleiten, voll vom A. erfüllt wurde, genügt in der mittelalterlichen Kunst der nur wenig ausladende A. nicht mehr, da es jetzt darauf ankommt, über dem Kapitell den im Durchmesser viel größeren, meist langrechteckigen Bogenansatz aufzunehmen. Seit dem 4. Jh. entwickelte sich aus dem antiken Gebälk ein neues Vermittlungsglied, der Kämpfer (Abb. 3–5): In der Frühzeit ein umgekehrter Pyramidenstumpf, der sich schroff gegen das Kapitell absetzt (S. Apollinare Nuovo in Ravenna, 6. Jh.; St. Justin in Höchst, 9. Jh.), wird er später meist niedriger und dem Kapitell enger angepaßt; trotzdem wird er in der Regel aus einem besonderen Block gebildet und mindestens durch abweichende Dekoration oder Profilierung als verhältnismäßig selbständiges Bauglied betont, in jedem Fall vom A. durch stärkere Höhe und Ausladung unterschieden. Bei einigen byzantinischen Kämpferkapitellen und von ihnen abgeleiteten frühen Kapitellformen des Nordens verschwindet der A. gelegentlich ganz, so z. B. an den Mittelschiffkapitellen der Gernroder Stiftskirche, wo ein niedriger Kämpfer einfachster Form, aber aus einem besonderen Block, an seine Stelle tritt. Auch bei den ersten Würfelkapitellen (St. Michael in Hildesheim, Limburg a. H., Hersfeld, St. Maria im Kapitol in Köln) ist der A. durch einen Kämpfer ersetzt, in Hildesheim unter Einschaltung eines schmäleren 4eckigen Zwischenstücks. Später taucht jedoch in der Absäumung einer oberen Kapitellzone durch Einritzen oder plastische Hervorhebung eine gewisse Erinnerung an den A. wieder auf (vgl. Würfelkapitell), ja in hochromanischer Zeit nimmt er in formaler Beziehung an Bedeutung sogar öfter wieder zu. Überhaupt geriet der A. nie ganz in Vergessenheit; an den – in Deutschland nicht allzu häufigen, aber sowohl in der karolingisch-ottonischen wie in der ganzen romanischen Epoche immer wieder vorkommenden – mehr oder weniger exakten Nachbildungen des korinthischen Kapitells – Lorsch, Höchst (Abb. 4), Mainz, Speyer (Abb. 2), Quedlinburg (Abb. 5), Helmstedt, Bartholomäuskapelle in Paderborn usw. – wird er stets angewendet. In der Regel tritt er aber hier und bei anderen Kapitellformen in Verbindung mit dem Kämpfer auf (Abb. 4 u. 5), wobei jedoch der A. gegenüber dem Kämpfer durchaus in den Hintergrund tritt.

In spätromanischen Zeit wird der Übergang zwischen A. und Kämpfer vielfach so fließend, daß eine klare Scheidung kaum mehr möglich ist; häufig übernimmt der über den Blattwerkdekor hinausragende obere Rand des Kapitellkerns die Rolle des A., um ohne Einschaltung eines besonderen tektonischen Zwischenglieds zum Kämpfer überzuleiten (Abb. 7). Daneben erhält sich aber auch eine sehr entschiedene Betonung des A., der entweder als glatte, bandartig wirkende Platte gebildet (Abb. 6) oder durch besondere Dekoration gegen Kapitell und Kämpfer abgesetzt wird.

Auch im Zeitalter der Gotik bleibt die Rolle des A. unbedeutend. Zunächst wird er noch mit dem Kämpfer kombiniert, doch so, daß der A. kaum in Erscheinung tritt. Beim Knospenkapitell ruht der Kämpfer scheinbar unmittelbar auf dem von hochschießenden Blattstengeln umgebenen runden Kapitellkelch, dessen oberer Rand oft plinthenförmig profiliert ist. In Wirklichkeit fehlt auch hier zwischen Kelch und Kämpfer nie ein niedriges und glattes Zwischenstück, das sich schon durch den Fugenschnitt als zum Kapitell, nicht zum Kämpfer gehörig ausweist (Abb. 8). Den Namen A. verdient es nicht, da es nur eine praktische Bedeutung – als Schutzschicht des Kapitelldekors und Auflager des Kämpfers – besitzt, künstlerisch aber kaum in Erscheinung tritt. – Der Kämpfer büßt gleichzeitig an Umfang ein, um in rascher Entwicklung zu einer dünnen, profilierten Deckplatte zusammenzuschwinden, die infolge starker Unterschneidung mehr über dem Kapitell zu schweben als auf ihm zu ruhen scheint (Abb. 9); in ihrer umgekehrten Tellerform ist sie ein Gegenstück zur hochgotischen Tellerbasis. Ihrer Herkunft und Funktion nach zweifellos vom Kämpfer abzuleiten, entspricht sie in Form und Ausdehnung mehr dem Begriff des A.; bezeichnenderweise besteht diese Deckplatte auch wieder aus einem Stück mit dem Kapitell. In der Folgezeit fehlt häufig auch die Deckplatte ganz; ihre Funktion übernimmt dann der obere Rand des Kapitellkelchs.

Mit der Wiederaufnahme der antiken Säulenordnungen im Zeitalter der Renaissance wird auch der A. wieder nach der klassischen Regel durchgebildet, doch kommt bei den im 16. Jh. noch häufigen Säulenbogenstellungen (Bückeburg, Stadtkirche) auch der Kämpfer wieder vor. Im Barock und Rokoko, die prinzipiell an der Funktion des A. nichts ändern, greift gelegentlich das Kapitellornament über den A. hinüber (vgl. Kapitell u. Akanthus). Wesentliche formale Änderungen sind jedoch, auch in der Folgezeit, nicht festzustellen.

Zu den Abbildungen

1. Rom, Mus. Nazionale, römisch-korinthisches Kapitell.

2. Speyer, Dom, Kapitell in der Afrakapelle, um 1100. Phot. Walter Hege, Weimar.

3. Ravenna, S. Apollinare Nuovo, Kapitell mit Kämpfer, 6. Jh. Phot. Alinari, Florenz.

4. Höchst, St. Justin, Kapitell mit Kämpfer, 9. Jh. Phot. Prof. Dr. Ernst Neeb, Mainz.

5. Quedlinburg, Stiftskirche St. Servatius, Kapitell in der Krypta, um 1100. Phot. Dr. F. Stoedtner, Berlin.

6. Worms, St. Andreas, Kapitell im Kreuzgang um 1200. Phot. Kunstgesch. Seminar, Marburg.

7. Naumburg, Dom, Kapitell am Ostlettner, um 1230. Phot. Ernst Wasmuth, Architekturverlag Berlin.

8. Straßburg, St. Thomas, Knospenkapitelle, um 1240. Phot. Kunstgesch. Seminar Marburg.

9. Straßburg, Münster, Kapitell am Erdgeschoß der Westfassade, um 1280. Phot. Frauenhaus Straßburg.

Literatur

s. Kapitell.

Verweise