Ädikula

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englisch: Aedicula; französisch: Edicule; italienisch: Edicola.


Wolfgang Herrmann (1933)

RDK I, 167–171


RDK I, 169, Abb. 1. P. Vischer d. J., um 1514.
RDK I, 169, Abb. 2. Breslau, Dom, Sakristeiportal, 1517.
RDK I, 171, Abb. 3. Rothenburg o. d. T., Rathaus, um 1580.
RDK I, 171, Abb. 4. Trier, St. Paulin, 1734.

Ädikula (lat.: Tempelchen) nannten die Römer die eine Statue umschließenden kleinen Aufbauten innerhalb des Tempels. In abgeleiteter Bedeutung wird der Name im frühen Mittelalter für nicht zum öffentlichen Gottesdienste bestimmte Privatkapellen verwendet. Die altchristliche Kunst zeigt die Ä. auch als Grabgebäude, so besonders häufig auf Darstellungen der Auferweckung des Lazarus. Im weiteren Sinn nennt man Ä. heute jeden aus Säulen, Halbsäulen oder Pilastern mit Gebälk- oder Bogenverbindung gebildeten, meist von einem Dreieck-, Rund- oder Segmentgiebel bekrönten Aufbau, der nicht allseitig frei steht, sondern an eine Wand gelehnt ist und (im Gegensatz zum Portikus) nur geringe Tiefe und keinen Nutzraum besitzt. Derartige Aufbauten kommen schon bei griechischen Grabmälern vor und werden in der römischen Baukunst gern verwendet, um Zier- und Figurennischen dekorativ einzurahmen. Durch römische Grabsteine u. ä. ist das Motiv auch im Norden früh und weit verbreitet worden.

Das Mittelalter kennt in Deutschland (im Gegensatz zu Italien und Südfrankreich) die Ä. in ihrer reinen und ursprünglichen Form nicht, verwendet aber gelegentlich zur Umrahmung von Portalen, Fenstern und Nischen ähnliche und wohl von der antiken Ä. abgeleitete Motive. So ist ein Querschiffenster der Abteikirche Maria-Laach (1. H. 12. Jh.) mit einer ädikulaähnlichen Säulenstellung versehen. Häufiger finden sich entsprechende Formen bei Portalen, insbesondere bei der hochromanischen, von Oberitalien abhängigen Baugruppe (Mainz, Lund usw.); doch nähern sich diese Portale der antiken Ä. nie so Mark wie manche südfranzösische. Beispiele (Avignon, Westportal der Kathedrale), wo die klassische Formensprache im Gesamtaufbau und in Einzelheiten treu wiederholt wird. Selbst die wenigen Fälle, in denen in Deutschland der vor die Wand vorspringende Portalkörper giebelförmig abgedeckt wird (Neuweiler i. Els.; Straßburg, sog. Altarciborium im Nordquerschiff des Münsters; Breisach, Nordportale; Freiburg i. Br., südliches Querschiffportal; Gelnhausen) können nicht als Ä. bezeichnet werden, da ihnen eine prinzipiell andere architektonische Idee zugrunde liegt (vgl. Kirchenportal und Portikus). Noch stärker unterscheiden sich die romanischen *Figurennischen (Basel, Galluspforte), die mit Reliefs gefüllten *Blendarkaden sowie die zahlreichen gotischen *Figurentabernakel von der Ä. Auch die Nischenciborien des 12. und 13. Jh. (Speyer, Lund u. a.; vgl. *Altarciborium) haben mit der Ä. nur eine allgemeine Ähnlichkeit, wenn auch möglicherweise ein Zusammenhang besteht. Völlig verschieden sind hingegen die Formen, die die Gotik zur Umrahmung von Portalen, Fenstern und Nischen verwendet.

Die italienische Renaissancebaukunst nimmt die Ä. schon bald auf und benützt sie zur Umrahmung nicht nur von Nischen, sondern jeder Art von Wandöffnungen (Fenster, Türen), aber auch zur Gliederung von Grabdenkmälern, Altären, Wandtabernakeln, Brunnen u. ä. Seit Beginn des 16. Jh. breitet sie sich auch im Norden aus. Die Ä. ist eines der ältesten Motive der italienischen Renaissance, die in Deutschland verwendet werden. Ihr dekorativer Charakter macht sie für eine äußerlich-modernistische Einfügung in sonst noch gotisch empfundene Bauten besonders geeignet. – Wohl das älteste Beispiel einer Ä.-Darstellung auf deutschem Boden bietet die „Jubiläumspforte“ in Burgkmairs Augsburger Petersbasilika von 1501, die sicher unmittelbar auf ein ltalienisches Vorbild zurückgeht. Auch in der Folgezeit begegnet die Ä. zunächst in den darstellenden Künsten (Dürer – vgl. Rahmen zum Allerheiligenbild –, beide Holbein, Daucher, Kleinmeister), dann erst in der Architektur. Am Grabmal des Kurfürsten Uriel von Gemmingen († 1514) von Hans Backofen im Mainzer Dom flößt das gotische Figurentabernakel bzw. der Baldachin mit dem Ä.-Gedanken zusammen. Reiner, aber wenig eindringlich. tritt sie bei Riemenschneiders Bibra-Denkmal in Würzburg und am Epitaph Hirde von 1518 im Frankfurter Dom in Erscheinung. Ganz reine Ä.-Formen im Sinn der italienischen Renaissance kommen besonders früh in der Werkstatt P. Vischers vor (Abb. 1). In der Architektur ist eines der ersten Beispiele das Portal der Breslauer Domsakristei von 1517 (Abb. 2); etwas jünger das Portal der Georgskapelle im Dom zu Meißen um 1520, von Ad. Daucher (Inv. Sachsen 40, S. 210); um 1540 das Portal der Salvatorkirche in Wien. Ganz nach den Regeln der klassischen Architektur ist das Rathausportal in Rothenburg errichtet (um 1580; Abb. 3). In anderen Fällen führte die ornamentale Schmuckfreudigkeit der Deutschen oft zu den mannigfaltigsten Abwandlungen der reinen Ä.-Form, bis zu den krausen Ornamentstichen eines Wendel Dietterlin († 1599; vgl.Architekturtheorie), dessen Portalentwürfen letzten Endes auch noch die Ä. zugrunde liegt. Im ganzen wird die Ä. in Deutschland vornehmlich nur bei besonders zu betonenden Portalen oder einzelnen Zierfenstern verwendet, während in Italien (vgl. Pal. Pandolfini in Florenz) ganze Fensterreihen mit Ä. geschmückt wurden. Doch zeigen der Ottheinrichsbau (1556 bis 1563) und der Friedrichsbau (1601 bis 1607) des Heidelberger Schlosses, wie der Fürstenhof zu Wismar, daß auch die deutsche Renaissancebaukunst die Reihung von Ä.-Fenstern kennt.

Innerhalb der Baukunst des 17. und 18. Jh. nimmt die Ä. als Portalumrahmung eine bedeutende Stellung ein, büßt aber gleichzeitig viel von ihrer klassischen Form ein. Der Aufbau wird bewegter gestaltet durch paarweise Anordnung von Halb- und Vollsäulen, die oft noch in Verbindung mit über Eck gestellten Pilastern treten (Abb. 4). Der Giebel zeigt fast stets die gesprengte Form. Vor allem aber wird die Ä. über ihre bisherige Aufgabe, Umrahmung von Portal, Fenster oder Nische zu sein, hinaus erweitert zu einem wesentlichen Gliederungselement der Fassade. An Kirchenbauten wie Banz, Vierzehnheiligen, Wahlstatt usw. nimmt sie riesige, oft fast die ganze Fassade ausfüllende Dimensionen ein. Als Fensterumrahmung kommt sie hingegen nur selten vor (Ausnahmen: Pal. Portia in München, 1704, Dalberger Hof in Mainz, 1715). In der klassizistischen Baukunst wird das Motiv nur noch selten angewandt und erst wieder von der Renaissancebewegung um M. 19. Jh. aufgegriffen.

Als rein dekoratives Gebilde konnte die Ä. natürlich besonders leicht auch innerhalb der angewandten Kunst Fuß fassen. Eine große Rolle spielt sie in der Altarbaukunst. Die Retabel in Form einer Ä. aufzubauen, kam in Deutschland unter dem Einfluß Italiens in der 2. H. 16. Jh. vereinzelt auf, um dann vom 17. Jh. ab außerordentlich verbreitet zu werden (vgl. *Altarretabel). Auch in der Schreinerkunst wurde die Ä. ein beliebtes Motiv; von der 2. H. 16. Jh. ab bis E. 17. Jh. wird sie immer häufiger zur Gliederung von Schränken, Türflügeln und Wandverkleidungen benutzt. Auch bei der Kanzel und dem Grabmal spielt sie im Zeitalter der Renaissance eine große Rolle.

Zu den Abbildungen

1. Nürnberg, St. Lorenz, Epitaph des Propstes Anton Kress († 1513) von P. Vischer d. J. Phot. Christof Müller Nachf., Nürnberg.

2. Breslau, Domsakristei, Portal von 1517. Phot. Staatl. Bildstelle Berlin.

3. Rothenburg o. d. T., Südliches Rathausportal, um 1580. Nach Fritsch, Denkmäler deutscher Renaissance, Berlin 1891.

4. Trier, St. Paulin, Westportal, 1734. Phot. Prof. Deuser, Trier.

Verweise