Fides I: Dea Fides

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englisch: Dea Fides; französisch: Dea Fides; italienisch: Dea Fides.


Der Bearbeitung des Artikels lagen Materialsammlungen von Karl-Heinz Meißner (II) und Irena Dubois-Reymond (III), beide München, zugrunde (1984)

RDK VIII, 767–773


RDK VIII, 767, Abb. 1. Bolognino Zaltieri, Venedig 1571.
RDK VIII, 769, Abb. 2. Antwerpen 1602.
RDK VIII, 771, Abb. 3. Paris 1644.
RDK VIII, 771, Abb. 4. Karlsruhe 1825.

I. Römische Göttin

Die „Treue des römischen Volkes und Staates, nämlich in der Einhaltung von Verträgen und Zusicherungen gegenüber einzelnen wie ganzen Völkern“ [1, Sp. 2283], im privatrechtlichen und militärischen Bereich (dazu [2] Sp. 801ff.) fand in der Gestalt der Göttin F. kultische Verehrung. Dea F. galt als sehr alte Gottheit; die Gründung ihres Tempels wurde auf Numa Pompilius, gar auf Rhome, die Enkelin des Aeneas, zurückgeführt. Historisch belegt ist die Errichtung eines Tempels auf dem Kapitol im 1. Punischen Krieg (zu Heiligtum und Kult s. [1] Sp. 2281-2284; [2] Sp. 815-818).

II. Literarische und antiquarische Zeugnisse der Antike

Den Autoren und Künstlern der Neuzeit bot die umfängliche antike Literatur Anhaltspunkte, um sich eine Vorstellung von der Göttin F. machen zu können. Virgil nannte sie entsprechend dem Alter ihres Kults „cana“ (Aeneis I, 292; s. auch Servius, Aeneis-Kommentar), in anderen Texten heißt sie „virgo“, „sancta“ oder „alma“ ([1] Sp. 2285f.; [2] Sp. 818; zur besonderen Verherrlichung bei Silius Italicus, Punica [ed. princ. Rom 1471], vgl. Mich. von Albrecht, S. I., Amst. 1964, S. 55ff.). Ihre Rechte war mit einem weißen Schleier verhüllt (der diesbezüglichen, vielzitierten Stelle bei Horaz, Carmina I, 35.21f. konnte auch abgelesen werden, man habe sich die Göttin ganz mit einem Schleier verhüllt zu denken). Ihr war die rechte Hand, durch die ihr Bund geschlossen wurde, heilig [1, Sp. 2282]. Bei Kulthandlungen verhüllte der Priester der F. die rechte Hand mit weißen Binden [2, Sp. 817]. Die Opfergaben an die Göttin waren unblutige: Früchte, Ähren usw.

Bildliche Anschauung boten vereinzelt republikanische Münzen, die F. mit Lorbeerkranz zeigen ([1] Sp. 2284; [9] Abb. 3031; [8] S. 352), vor allem aber kaiserzeitliche Gemmen und Münzbilder, die seit dem 16., besonders im 17. und 18. Jh., in zahlreichen numismatischen Werken beschrieben und z. T. abgebildet wurden (moderne Auflistung der Münzen bei Harald Mattingly und Edward A. Sydenham, The Roman Imperial Coinage, Bd. 1ff., Ld. 1923ff.). Die Wiedergaben begleiten Umschriften, welche die des Schutzes der Dea F. im besonderen bedürftigen Gemeinschaften und Institutionen bezeichnen: „F. publica“ und „F. augusta“ sowie „F. militum“, „F. exercitus“, „F. legionum“, „F. cohortium“ usw.

In der Regel ist eine stehende Frau abgebildet; „F. publica“ oder „augusta“ hält meist Ähren und Fruchtkorb (z. B. [4] S. 342; [7] S. 435, Taf. 85,6; [8] Taf. 210 Abb. 14; ebd. Abb. 15 ist eine Gemme abgebildet mit F., die Ähren und Fruchtkorb trägt, vor einem Opferaltar) oder Füllhorn und Schale [7, Taf. 85,7]. In neuzeitlichen Numismatik-Werken überwiegen Beschreibungen von Münzen - meist aus der späteren Kaiserzeit – mit Wiedergaben der F. im Heerwesen, der gewöhnlich Feldzeichen in wechselnder Zahl, auch Legionsadler, beigegeben sind (z. B. [4] S. 394 u. ö.; [5] Abb. 54). Diese Geräte kommen auch für sich allein vor, z. B. wiedergegeben ebd. Abb. 38. Bisweilen hält „F. militum“ Speer, Wurfspieß oder Zepter (z. B. [4] S. 399, 440), ein kleines Bild der Victoria (ebd. S. 288) oder zusätzlich den einen oder anderen der Gegenstände, die gemeinhin als Attribute der „F. publica“ wiedergegeben wurden, wie Füllhorn, Schale oder Ähren (z. B. ebd. S. 417). Sitzend, mit Vexilla und einem Vögelchen auf der Rechten, wurde „F. exercitus“ auf Münzen des 3. Jh. dargestellt (z. B. des Kaisers Heliogabal: [6] Taf. 38); den kleinen Vogel sah man als Turteltaube an (ebd. S. 113f.; [8] S. 352, Taf. 210 Abb. 16).

Das meistgebrauchte Sinnbild der Dea F. sind zwei ineinandergelegte rechte Hände, die „dextrarum junctio“ (z. B. [5] Abb. 34; [6] S. 123, Taf. 40), dargestellt auch zusammen mit Vexilla oder Ähren und Caduceus (z. B. [4] S. 342; [7] S. 435, Taf. 85,8).

Bereits bei Sebastiano Erizzo ist ein anderes Münzbild für F. wiedergegeben: die Allocutio meist des Kaisers an Soldaten [3, S. 529f., 585-587].

III. Fortleben in der Neuzeit

A. Mythographien

Mythographen des 16.-18. Jh. beschrieben Dea F., ihren Kult und ihr Sinnbild, die ineinandergelegten Hände, zusammengezogen aus antiken Texten. Neu hinzugefügt ist ein weißer Hund, weil Wunderbares über die Treue des Hundes zu berichten sei.

Diese Zusammenstellung findet sich in Giraldis 1548 erschienener Göttergeschichte (S. 39f.). Cartari beschrieb F. als diejenige, die „per la concordia moltiplica l’abondanza delle cose, le genti et l’agricultura“ (zur antiken Zusammenstellung von F. und Concordia s. [1] Sp. 2285). Er bildete deshalb F. auf einem Bild neben Concordia (diese mit Füllhorn und Ähren, Storch, Krähe, Granatapfel, Zepter mit Früchten, ineinandergelegten Händen) ab; in der Ausg. Ven. 1571 stellte er sie als verhüllte Frau (?) sowie durch die ineinandergelegten Hände und zwei „figurette“ dar: einen Mann und eine Frau, die sich die Hände reichen und neben denen ein Hund steht (S. 317-321; Abb. 1). Seit der Ausg. Padua 1615 ist das Bild vereinfacht: neben Concordia steht für F. ein Priester mit der Kopfbedeckung eines Flamen; die ineinandergelegten Hände gehören sowohl zu Concordia wie zu F. (Padua 1615, S. 287-290, Abb. S. 289; ebenso Ven. 1647, S. 169-171, Abb. S. 169). Franç. Pomey S.J., Pantheum mythicum ..., Utrecht 51697, S. 285f., nennt ebenfalls zusätzlich den weißen Hund als Sinnbild der F. Auch Autoren des 18. Jh. beriefen sich auf Zeugnisse der antiken Literatur, wenn sie ein Bild vom Aussehen der Göttin vermitteln wollten, so z. B. Heinr. Schaevius, Mythologia Deorum ac Heroum ..., Stettin 1700, S. 287, auch S. 23, und Benjamin Hederich, Gründliches Lex. mythologicum ..., Lpz. 1724, Sp. 905f.

Giraldis Beschreibung der Göttin F. schloß sich Giorgio Vasari für den Entwurf der „Fede“ an, die 1565 (st.fior.) bei der „Mascherata“ hinter dem Wagen der Minerva ging, zusammen mit Virtus, Honor, Victoria, Fama u. a. (Zchg. in Florenz, Uffizien, Gab. disegni e stampe, Inv.nr. 2807 F.: Ausst.kat. „Mostra di disegni vasariani ...“, Florenz 1966, S. 44 Nr. 31; nicht als Göttin bezeichnet in [Baccio Baldini,] Discorso sopra la mascherata..., Flor. 1565 [st.fl.], S. 68-70).

Als Göttin gedacht ist F. in der Zusammenstellung der Bilder antiker Götter nach Münzbildern, die Frans Sweerts 1602 veröffentlichte (Abb. 2); die Darstellung folgt einer republikanischen Münze (s. Sp. 769).

Im 19. Jh. bestimmte die Kenntnis römischer kaiserzeitlicher Münzen das Bild der Dea F.

Auf Münzbilder beruft sich C. Bielhuber, Unterhaltung aus der Mythologie..., Augsb. 1816, S. 304, und beschrieb F. als Frau mit Ähren und Fruchtkorb, als ihre Sinnbilder die ineinandergelegten Hände und die Turteltaube. Ähren, Fruchtkorb und Caduceus nennt Joh. Heinr. Dierbach, Flora mythologica ..., o. O. 1833 (Ndr. Wiesb. 1970), S. 81. Als neben einem Opferaltar stehende Frau mit den Gegenständen der „F. publica“ bildete sie Karl Kärcher ab (Abb. 4); im Text verweist er ergänzend auf die ineinandergelegten Hände (Kurzgefaßtes Hdb. des Wissenswürdigsten aus der Mythologie und Arch. des klass. Alt., Karlsruhe 1825, Textbd. S. 52).

B.

1. Ikonologien

In Ikonologien sind die antiken Beschreibungen der Göttin F. in das Bild der Freundschaftstreue eingegangen, im 18. Jh. auch in das der *Treue.

Cesare Ripa beschrieb in seiner „Iconologia“ die „fede nell’amicitia“ als alte grauhaarige Frau mit weißem Schleier und ausgestrecktem, mit weißem Schleier bedecktem Arm. Für letzteres Motiv beruft er sich auf den von Numa Pompilius eingerichteten Kult der Dea F. (Ausg. 1593, S. 82; Rom 1603, S. 152; Padua 1611, S. 164; Padua 1618, S. 180ff.; Padua 1630, S. 244; Ripa-Orlandi Bd. 3 S. 46f.; der in der Ausg. von 1603 irrtümlich „fede nell’amicitia“ betitelte Holzschnitt meint die „fedeltà“, wie denn auch die Überschrift in den folgenden Ausg. lautet). Eine Abbildung der „foy d’amitié“ bringt erst die 1644 erschienene franz. Ripa-Bearbeitung von Jean Baudoin: eine Frau mit Schleier, deren Rechte verhüllt ist, steht neben einem Opferaltar (Iconologie ..., Paris 1644, T. 2 S. 125; Abb. 3; ohne Altar in der Ausg. Amst. 1698, Bd. 2 S. 445, Abb. 56 rechts unten). Opferaltar, Schleier und Tuch in (!) der Hand finden sich auch in der deutschen Ripa-Bearbeitung von 1704 beim Bild der „Freundschaftstreue“ (Kunst Göttin Minerva, S. 56, Abb. Cl. 7,5).

Bei Gravelot-Cochin, erschienen 1791, ist unter „fidelité“ (Bd. 2 S. 43) zunächst auf die Dea F. Bezug genommen, dann jedoch geht es um die - auch abgebildete -Personifikation der Treue. Gleiches gilt für Chrn. Sambach und Jos. Stöber, Iconologie ..., Wien 1798, Nr. 89.

Auch in ikonologischen Lexika stehen Elemente aus der Dea F.-Tradition - oft unter Bezugnahme auf antike Münzbilder - und Attribute der Personifikation der Treue nebeneinander.

Vgl. z. B. Jean Raymond de Petity, Le manuel des artistes, Paris 1770, Bd. 2 S. 39, und Honoré Lacombe de Prezel, Dict. iconologique ..., Paris 1779, S. 239f., sowie Breysig, der 1830 unter den Stichworten „Fides“ (S. 248) und „Treue“ (S. 852f.) Züge der Dea F. nennt neben Bildvorschlägen, die auf „Dius Fidius“ (s. Sp. 823ff.) bzw. auf die Personifikation der Treue zurückgehen.

2. Hieroglyphik

In der Hieroglyphik wird zwar die Dea F. alludiert, abgebildet werden jedoch anscheinend nur die ineinandergelegten Hände (vgl. Valeriano, Ffm. 1678, S. 428f.). S. *Hand, allegorisch.

Zu den Abbildungen

1. Bolognino Zaltieri (Stecher), F. und Concordia. Radierung (Braundruck, 13,4 × 9,9 cm) aus Cartari, Ven. 1571, Abb. S. 320. Nach dem Original.

2. Kopf der F. Kupferstich aus Frans Sweerts, Deorum dearumque capita ex antiquis numismatibus Abrahami Ortelii ... collecta et historia narratione illustrata, Antw. (Joh. Bapt. Vrint) 1602. Foto RDK.

3. Jacques de Bie (Stecher), Personifikation der „foy d’amitié“. Kupferstichill. (7,2 × 6 cm) aus J. Baudoin a. a. O. (Sp. 771), T. 2 Abb. S. 124. Dat. 1644. Nach dem Original.

4. Dea F. Kupferstichill. (7,2 × 4,8 cm) aus K. Kärcher a. a. O. (Sp. 771) Taf.bd. 1. H. Taf. 12 Abb. 17. Dat. 1825. Nach dem Original.

Literatur

Zu I.: 1. RE Bd. 6 (1909), Art. „Fides“ Sp. 2281-2286 (Walter F. Otto). - 2. RAC Bd. 7 (1969), Art. „Fides“ Sp. 801-824 (Carl Becker).

Zu II.: 3. Sebastiano Erizzo, Discorso sopra le medaglie de gli antichi ..., Ven. 1568. - 4. Adolph Occo, Imperatorum Romanorum numismata a Pompeio Magno ad Heraclium, Augsb. 21601 (1. Ausg. Antw. 1579). - 5. Levinus Hulsius, Imperatorum Romanorum numismatum series a C. Iulio Caesare ad Rudolphum II., Ffm. 1603. - 6. Jac. de Bie, Imperatorum Romanorum a Julio Caesare ad Heraclium usque numismata aurea continua serie collecta et ex archetypis expressa, Antw. 1615. - 7. Jac. Oiselius, Thes. selectorum numismatum antiquorum ..., Amst. 1677. - 8. Bernard de Montfaucon OSB, L’antiquité expliquée et representée en figures, Bd. 1,2, Paris 1719. – 9. Charles-Victor Daremherg und Edm. Saglio, Dict. des antiquités greques et romaines ..., Bd. 2,2, Paris 1918, S. 1115-1117.

Verweise