Diamantierung

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englisch: Diamond-fret; französisch: Bandeau diamanté, pointes de diamant; italienisch: Astragalo a punte di diamante.


Thomas von Bogyay (1954)

RDK III, 1420–1424


RDK III, 1421, Abb. 1. Maulbronn, Herrenrefektorium, 1225-30.
RDK III, 1423, Abb. 2. Ják (Westungarn), 1230-40.

I. Begriff, Bezeichnung

D. (Diamantband, -reihe, -schnitt, -schnur, -stab, -Verzierung) nennt man die fast ausschließlich in hoch- und spätromanischer Zeit vorkommende Besetzung von Architekturgliedern und plastischem Dekor mit aneinandergereihten Pyramiden.

Die Bezeichnung D. ist vor M. 19. Jh. nicht nachzuweisen. Bei Viollet-le-Duc, Architecture III, S. 472, ist von Nägeln „dont la tête est forgée en pointe de diamant“ die Rede. Seitdem finden sich in der Fachliteratur die Bezeichnungen Nagelköpfe (têtes de clous, nailhead) und Diamantfries (französ. pointes de diamant, englisch diamond-fret); letztere wird nach Müller-Mothes 1, S. 328, vom deutschsprachigen Schrifttum fast ausschließlich benutzt. Obwohl Diamanten heute nicht mehr in vierflächiger Pyramidenform geschliffen werden, verdient die Bezeichnung Diamantfries – heute meist D. genannt – den Vorzug, weil sie den grundsätzlichen Unterschied der D. zu der Aneinanderreihung von Ziernägeln in der Goldschmiedekunst (und Volkskunst) zum Ausdruck bringt.

Die Anwendung der D. setzt die Kenntnis einer kerbschnittähnlichen Technik zur Bearbeitung von bildsamen Werkstoffen wie feinkörnigem Kalkstein, Sandstein oder Holz voraus. Mit der großen Verbreitung des *Kerbschnitts um M. 12. Jh. nimmt auch das Vorkommen von D. erheblich zu; bezeichnenderweise schmückt D. häufiger, in den Rheinlanden nahezu ausschließlich, die ornamentale Bauzier als die oft aus härterem Stein gearbeiteten konstruktiven Glieder der Architektur.

II. Verwendung

An Baugliedern der Außen- und Innenarchitektur wurden vornehmlich Teile von untergeordneter tektonischer Bedeutung diamantiert: z. B. die die Rundstäbe trennenden Platten von Gewölbegurten (Maulbronn, Abb. 1); die abgefasten Kanten an Lisenen und Bogenfriesen; Gesimse und Kämpfer (Maria Laach, s. u.).

Während die D. auf konstruktiven Baugliedern eine dekorative Auflockerung anstrebt, darin ein charakteristisches Stilmittel spätromanischer Zeit, dient sie umgekehrt auf der von der Architektur weitgehend unabhängigen Plastik der Kapitelle und Friese zur Verdeutlichung des von Ornament überwucherten Kapitellaufbaus bzw. der Hervorhebung von Eigenheiten des (pflanzlichen) Dekors. Weitaus am häufigsten tritt die D. anstelle von Rippen des Akanthusblattes, oft in der Spielart eines sich verjüngenden Diamantbandes.

Beispiele: St. Michael, Hildesheim, nach 1171; ein diamantiertes Band markiert den Kelchrand des Kapitells. – Maulbronn (Abb. 1) zeigt die übliche Form der diamantierten Blattrippen.

Seltener findet sich die D. als dekorative Rahmung von Nimben und als Bestandteil von Gewänder säumenden Bordüren (Bamberg, Ostchorschranken des Domes; Maria Laach, Fragment einer Simsonfigur). In diesen Fällen ist der optische Eindruck der D. kaum von dem des *Perlbandes zu trennen, da – im Gegensatz zur D. als Verzierung von Baugliedern – die D. hier aus winzigen, dicht nebeneinandergesetzten Pyramiden besteht, die in die Tiefe des Blockes hineingekerbt sind.

Die Verwendung der D. in der Holzschnitzerei erfolgt in gleicher Weise wie bei der Kapitellornamentik. Sie begegnet bei der Ornamentik norwegischer Stabkirchen (Herb. Reiher, Norwegische Stabkirchen, Oslo o. J., S. 153).

III. Herkunft, Verbreitung

Die Frage nach der Herkunft der D. muß für die verschiedenen Verwendungsarten gesondert gestellt werden; die summarischen Angaben der Architekturlexika überschätzen die Bedeutung der normannischen Beispiele.

Als Schmuck von Architekturgliedern findet sich die D. in Frankreich und England etwa ein Jahrzehnt früher als in Deutschland: Noyon, Kathedrale, Rippenprofil in der Chorkapelle (Chorweihe 1153); weitere Beispiele gegen und um M. 12. Jh. bei Art. Mäkelt, M.a. Landkirchen aus dem Entstehungsgebiet der Gotik (= Beitr. z. Bauwiss. 7), Berlin 1906, S. 42, 106. Für England vgl. Francis Bond, An Introduction to English Church Architecture, London 1913, S. 709; bereits aus dem 2. V. 12. Jh. die D. auf der Taufe von Belton. In Deutschland beschränkt sich die Verbreitung der D. fast ausschließlich auf den Süden und Südwesten, freilich mit einer besonders frühen Ausnahme (Maria Laach, Kapitelle des Ostchores, kurz nach 1156; Ad. Schippers, Das Laacher Münster, Taf. 9).

In allen Fällen tritt die D. als Abart des älteren und auch weiterhin häufigeren *Sternchenfrieses auf. Da bei dessen Bearbeitung die D. eine Stufe des Arbeitsprozesses bildet, wird sich wohl kaum entscheiden lassen, ob der Übergang vom Sternchenfries zur D. in Lohenfeld (Jan Fastenau, Roman. Bauornamentik in Süddeutschland, Stud. z. dt. Kg. 188, Straßburg 1916, S. 65, Taf. 36, 2) durch künstlerische Absicht oder unfertige Versetzung bedingt ist.

Völlig isoliert steht die D. der Portaleinfassung vom Pal. del Governo Vecchio in Rom, 2. H. 15. Jh. (Leo Bruhns, Die Kunst der Stadt Rom II, Wien 1951, Abb. 223).

Die gelegentlich anzutreffende Behauptung, die D. von Blattrippen des Akanthuslaubes komme sporadisch schon im 6. Jh. vor, geht auf die fehlerhafte Umzeichnung bei O. Mothes, Die Bauk. d. MA in Italien, Jena o. J., S. 213, Abb. 67 e, zurück. Das Auftreten der D. um M. 12. Jh. hat als eine durch die Übung der Kerbschnittmanier bedingte gelegentliche Verdrängung des älteren Perlbandes zu gelten. Damit erklärt sich wohl das annähernd gleichzeitige Aufkommen der D. in dieser Verwendungsart an weit voneinander entfernten Orten. Dem entspricht auch, daß die Entfernung von den westlichen Zentren keineswegs der zeitlichen Abfolge der Denkmäler gleich ist: Heltau in Siebenbürgen entstand früher als das Westportal von Jak in Westungarn (Abb. 2) und dieses wiederum ist älter als das Riesentor in Wien.

In der neuen, naturalistischen Pflanzenornamentik der reifen Gotik hatte die D. keinen Platz mehr. Über ihr Wiederauftreten als eine besondere Form der Rustika in der Renaissance s. Diamantquader.

Zu den Abbildungen

1. Kloster Maulbronn, Württ., Kapitell und Gewölbezone des Herrenrefektoriums. Um 1225–30. Phot. Helga Schmidt-Glaßner, Stuttgart.

2. Ják, Westungarn, Westportal der ehem. Abteikirche, südl. Gewände. Um 1230–40. Zustand vor der Restaurierung von 1904/05, nach d. Gipsabguß im Mus. d. bild. Künste, Budapest. Phot. Marburg 88 975.