Becher

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englisch: Mug, goblet, beaker, cup; französisch: Coupe; italienisch: Coppa, bicchiere.


Hans Wentzel (1938)

RDK II, 135–147


RDK I, 1225, Abb. 2. Caspar Widman, Nürnberg, 2. H. 16. Jh. Leipzig.
RDK II, 137, Abb. 1. Rheinisch, 9. Jh.
RDK II, 137, Abb. 2. Rheinisch, 9. Jh.
RDK II, 137, Abb. 3. Syrisch, 14. Jh.
RDK II, 139, Abb. 4. Aleppo, um 1250.
RDK II, 139, Abb. 5. Burgund, 1. H. 15. Jh.
RDK II, 139, Abb. 6. Ingolstadt, um 1490.
RDK II, 139, Abb. 7. Süddeutsch, um 1500.
RDK II, 141, Abb. 8. Hamburg, um 1390.
RDK II, 141, Abb. 9. Lübeck, 1494.
RDK II, 143, Abb. 10. Böhmisch, 16. Jh.
RDK II, 143, Abb. 11. Breslau, 1509 und 1579.
RDK II, 143, Abb. 12. Potsdam-Zechlin, um 1750.
RDK II, 145, Abb. 13. Augsburg, um 1590.
RDK II, 145, Abb. 14. Chr. Jamnitzer, um 1600.
RDK II, 145, Abb. 15. Holland, um 1700.

I. Begriff

Der B. war zu allen Zeiten die übliche Form des einfachen alltäglichen Trinkgefäßes. Bei wechselndem Material und Stil hält sich gerade bei ihm fast unverändert die gleiche Gebrauchsform. – Vom Napf und der jüngeren Tasse unterscheidet sich der B. durch seine schlankere Gestalt – seine Höhe ist immer größer als sein Durchmesser –, vom Pokal durch das Fehlen eines gesonderten Schaftes oder Untersatzes – er ist durchgängig auf das Umgreifen der Wandung durch die eine Hand bestimmt; nur in seltenen Fällen kommt er mit Henkeln als Henkelbecher vor. Er ist die kleinere Form des Humpens, der von beiden Händen umgriffen oder an einem weiten Henkel oder Griff gefaßt werden soll. Der B. ist bis gegen 20 cm hoch und mißt bis gegen 10 cm im unteren Durchmesser. Meistens ist er fußlos. Er kann jedoch in einzelnen Beispielen einen abgesetzten (oder auslaufenden) niedrigen Fuß haben; in diesem Fall ist der B. dann unter Umständen schwer von den kleineren Pokalen zu scheiden und wird häufig mit diesen verwechselt (so ist der Agleybecher, RDK I, Sp. 206f. kein B. im eigentlichen Sinn, sondern eine Form des Pokals; auch der im 16./17. Jh. besonders in England beliebte Liebesbecher [poculum charitatis] ist eher dem Pokal als dem B. zuzurechnen). Gelegentlich kommt der B. wie der Pokal mit (losem) Deckel als Deckelbecher vor und pflegt dann als ausgeprägte Schau- und Prunkform auf gesondertem Fuß zu stehen. Von der beschriebenen Normalform des B. weicht nur der Sturzbecher ab; er läuft spitz zu und kann nur in geleertem Zustand, auf die Öffnung gestülpt, aufgestellt werden. – Als häufigstes Trinkgerät kann der B. aus jedem für dieses mögliche Material bestehen: aus Holz, Ton, Glas, Zinn, Messing, Edelmetall, aus Steingut, selten aus Porzellan. B. aus den anspruchslosesten Werkstoffen Holz und Ton hat es zu allen Zeiten gegeben; die anderen Materialien werden je nach ihrer allgemeinen Beliebtheit in den verschiedenen Epochen für den B. angewandt.

II. Mittelalterliche B.

Die ältesten deutschen B. des Mittelalters sind vornehmlich aus Glas. Sie gehören der auf spätrömischer Tradition fußenden Glasindustrie im Rheinland an und wurden von dort bis in die Ostseegebiete exportiert. Wie die Technik knüpft auch die Form zunächst an spätrömische Vorbilder an: kurze, niedrige, runde, kuppenförmige, also konische B. (d. h. in der Form eines umgekehrten Kegelstumpfes) ohne Dekor. Als Sonderform wird der fränkische Rüsselbecher herausgebildet [3], der seinen Namen nach den rüsselartig aufgesetzten Glasflüssen trägt (eine Dekorationsform, die an deutschen B. bis ins 16. Jh. beliebt bleibt). Um 800 wird er durch den Trichterbecher, also einen Sturz-B. abgelöst (Abb. 1). Dieser ist der typische karolingische B. und geradezu eine Leitform karolingischen Kunstgewerbes, häufig auf Miniaturen dargestellt unter geringer Abwandlung anscheinend auch als Tintenfaß benutzt (vgl. Evangelistendarstellungen). Neben den typischen Trichter-B. kommen im 9. und 10. Jh. Kugelbecher vor, ebenfalls Sturz-B., die stärker an überlieferten Formen der spätrömischen und Völkerwanderungszeit festhalten (Abb. 2, „Traubenbecher“); sie sind selten glatt, meistens entsprechend den älteren Rüssel-B. mit senkrechten oder gewundenen Fadenauflagen versehen. Weniger häufig kommen in dieser Zeit rein konische B. aus gefärbtem Glas vor. Der Glas-B. muß für das letzte Drittel des 1. Jahrtausends als der beliebteste B. angesehen werden; da er besonders häufig in Grabfunden auftritt, war er anscheinend üblicher Taschenbecher, also ständig mitgeführtes Trinkgefäß (H. Arbman, Schweden und das karolingische Reich, Stockholm 1936). Metallbecher fehlen in Grabfunden fast ganz; der schöne karolingische Silberbecher aus Pettstadt im G.N.M. in Nürnberg entspricht in Form und Ausmaß dem Glasbecher der Abb. 2. Die sicher für den Hausgebrauch verwendeten Becher aus Holz sind wegen der Vergänglichkeit des Materials nicht erhalten. An B. aus Ton gibt es einige wenige kugelförmige (s. F. Rademacher, Karoling. Keramik am Niederrhein, Altes Kunsthandwerk I, Wien 1928, S. 173); daneben gibt es vereinzelte Beispiele karolingischer Steingutbecher: sie sind aus grober Masse, fleckig und unregelmäßig glasiert und von gedrungener Form. Neben diesen ausgeprägten B. war das handliche deutsche Trinkgefäß aus Ton entsprechend vorzeitlicher Überlieferung häufig töpfchenförmig oder urnenartig mit verengter Mündung gebildet und ist daher so nicht direkt als B. zu bezeichnen.

Nach einer Zeit des Stillstandes um die Jahrtausendwende, aus der kaum Beispiele bekannt sind, finden sich neue Formen erst in ausgebildeter romanischer Zeit (für alle Einzelfragen vgl. Franz Rademacher [1]). Vorherrschend ist auch hier zunächst wiederum der Glas-B., zumeist konisch, aber steiler, höher und schlanker als im frühen Mittelalter. Das Glas ist gefärbt (z. T. in tiefen leuchtenden Farben) und gelegentlich facettiert. Diese B. kommen in annähernd gleicher Art vom 12. bis 15. Jh. vor und sind genauer nicht datierbar. Eigene deutsche Typen von Glas-B. sind die Faustbecher. Die kleinsten von ihnen sind die länglichen Maigelein, aus dickem Glas, fast unzerbrechlich und vornehmlich als Taschenbecher in Gebrauch. Etwas größer die runden Kopflein. Als Tischbecher dient mehr der Nuppenglas-B., der am bekanntesten unter dem Namen Strunk ist. Er ist aus dunklem, auch trübem oder blasigem Glas, dicht mit knopfartigen Glasstücken oder Glastropfen besetzt (z. T. zur besseren Handhabe nur auf der unteren Grifffläche). Diese Warzenbecher, die in größerer (über 15 cm hoher) Ausgestaltung (strunkförmige Stangengläser) zu den Pokalen zu rechnen sind und von denen sich auch der Römer ableitet, waren anscheinend sehr beliebt und kommen am häufigsten auf mittelalterlichen Malereien vor. Ihre Verbreitung nimmt mit dem Aufschwung der böhmischen und hessischen Glashütten zu; wird doch schon um 1406 durch Zunftordnung die Tageshöchstleistung einer einzigen Bläserei auf 300 Glas-B. beschränkt (s. Rob. Schmidt [2], S. 134).

Im allgemeinen sind die Formen dieser B. einfach (vgl. Abb. 9), unter Umständen sogar primitiv. Es handelt sich um alltägliches Gebrauchsgerät. Der Prunkbecher war anders gebildet. Auch er ist zunächst aus Glas, aber aus orientalischem. Diese B. werden von den Kreuzfahrern mitgebracht und sind vielfach als Reliquiengefäße überkommen. Die berühmtesten der älteren Gruppe orientalischer Glas-B. sind die sog. Hedwigsbecher. Anknüpfend an byzantinischen Glas- und Steinschnitt werden diese kurzen niedrigen B. aus dickem Glas grünlicher Färbung im hohen Reliefschnitt mit Rankenwerk und Löwen besonders im 11. 12. Jh. im fatimidisch-kufischen Kunstkreis (Ägypten) ausgeführt (schönstes Beispiel von 15 cm Höhe im Reichsmuseum Amsterdam (s. Heribert Seitz, Glaset förr och nu, Stockholm 1933). Von nachhaltigerem Einfluß auf die europäischen B.-Formen waren die dünnen kostbaren emaillierten oder nicht emaillierten (Abb. 3) Glas-B. aus Syrien (Aleppo), die seit dem 12. Jh. in Europa eingeführt werden. Ihre Schönheit und technische Vollendung schaffen ihnen weitreichende Berühmtheit (ein solcher B. ist das „Glück von Edenhall“ in London). Seit dem 13. Jh. werden sie auf abendländische Bestellung mit lateinischen Inschriften und gotischen Figuren ausgeführt. Unter diesen emaillierten Glas-B. in abendländischer Metallfassung finden sich einige der schönsten mittelalterlichen B. in Deutschland, z. B. im Grünen Gewölbe in Dresden (Abb. 4).

Die einfache Gebrauchsform des B., der unverzierte konische Typus, war nach Darstellungen auf Gemälden häufiger aus unedlem Metall (vornehmlich Zinn) und aus Holz und Ton. Als reine Gebrauchsware sind solche kaum erhalten. Ganz einfache konische oder zylindrische B. aus grobem grauem oder schwarzem unglasiertem Ton haben sich gelegentlich als Behälter von Bauopfern (s. Sp. 105) gefunden. Mehr Beachtung verdienen die auf vorgeschichtlicher Tradition beruhenden tönernen Koppelbecher, also aneinandergefügte kommunizierende B. gleicher Form. Angeblich verdanken sie ihre Entstehung besonderen altertümlichen Riten, aber wahrscheinlicher handelt es sich um eine beliebte Vexierform. Zwillings-B. sind seit der Zeit um 1000 nachweisbar, seit dem 14. Jh. sind Drillings-B. beliebter; im Siegburger Steinzeug kommen sie auch als Sturz-B. vor (s. u.; ausführliche Behandlung der Koppel- und Ringgefäße bei E. Grohne [4]). Kaum erhalten haben sich die einfachen Holzbecher. Ihr häufiges Vorkommen beweisen die Zünfte der Bechermacher (Bekemaker, Becherer, Kleinbinder); diese B. wurden in Böttcherarbeit ausgeführt, sind also kleine Bütten; die verlorenen Beispiele kann eine sehr genaue Darstellung von Faß-B. auf dem Bertram-Altar in Hannover um 1390 (Abb. 8) ersetzen (vgl. auch E. Volckmann, Alte Gewerbe und Gewerbegassen, Würzburg 1921, S. 169; J. Warncke, Handwerk und Zünfte in Lübeck, Lübeck 19372, S. 97, 116, 134, 177, 178). Auch die konischen Zinnbecher bleiben sich sehr ähnlich; erst gegen E. 15. Jh. lassen sich vereinzelt aufwendigere Formen mit Schriftbändern und umlaufenden Ringen feststellen (norddeutsche Zunft-B.).

Reicheren Formenschatz zeigen nur die B. in Edelmetall und in Steinzeug. Von den in älteren Schatzinventaren häufiger erwähnten Goldbecher, wie sie anscheinend als Taschenbecher bei vornehmen Persönlichkeiten die Regel waren, ist nichts erhalten. Doch scheinen gerade in kostbarem Material und für fürstliche Auftraggeber Formen erfunden worden zu sein, die erst später Allgemeingut wurden. So werden schon im 14. Jh. Satz- oder Häufebecher aus kostbarem Material erwähnt (H. Havard, Dict. de l’ameublement II, Paris o. J.2, Sp. 1122ff.). Man versteht darunter Sätze von handlichen, zumeist fußlosen B., von denen einer kleiner als der andere ist, so daß sie ineinandergesetzt werden können (älteste erhaltene Beispiele erst aus dem 16. Jh.).

Von größerer Bedeutung für den allgemeinen Formenschatz ist der im 14. Jh. aufkommende und anscheinend besonders in Burgund entwickelte Schau- und Prunkbecher. Als solcher kann der B. entgegen seiner alltäglichen Gebrauchsform mit Fuß und Deckel versehen sein. Im Typus lehnen sich diese neuen B. nicht an die überkommene konische Gebrauchsform an, sondern an die kostbaren importierten syrischen gläsernen Prunk-B. (s. o.). Die B.-Wandung ist nicht wie in der ganzen älteren Geschichte des nichtkugeligen europäischen B. konisch gerade, sondern gekehlt oder geschweift; sie weitet sich kurvig am Lippenrand gegenüber dem stärker zylindrischen Unterteil und schließt sich damit eindeutig an die Umrißlinie der orientalischen Gefäße an. Dieser Anschluß bedeutet den wichtigsten Formenwandel des B. überhaupt; er hält sich über 2 Jahrhunderte, dringt in die Pokalform ein und wird erst im 18. Jh. aufgegeben. Die frühesten und auch schönsten dieser unter orientalischem Einfluß entstandenen geschweiften B. sind der Mérode-B. aus der 1. H. 15. Jh. in London (Victoria-and-Albert-Mus.) und die etwas jüngeren prachtvollen Hof-B. Friedrichs III. in Wien (Abb. 5). Es sind flandrische Deckel-B. auf niedrigen Füßen, die mit Durchbrucharbeit, figürlichen Deckelknöpfen und reicher Emailarbeit ausgestattet sind (das bekannte Werk dieser Gattung ist der „Affenbecher“ der ehem. Slg. Thewalt, vgl. H. Kohlhaußen, Niederländisch Schmelzwerk, Jb. d. Preuß. Kslg. 52, 1931, S. 153). Deutsche B. dieser Art in London (Victoria-and-Albert-Mus. 733-1891), Frankfurt a. M. (Abb. 6) usw.; besonders schöne Beispiele mit reichem Astwerk sind aus Lübeck bekannt (B. der schwedischen Familie Bonde [5, Abb. 13]); in Norwegen wird dieser B. mit ebenfalls geschweiftem Deckel und charakteristischen Einzelmotiven wie hängenden Ringen und Löwenfüßen zu einem nationalen Trinkgefäßtypus. – Es ist verständlich, daß gerade diese Schau- und Prunkform auf den damals aufkommenden Pokal wirkt: der Deckel-B. des beschriebenen Typus wird auf einen hohen, schlanken, später meist balusterförmigen Fuß gesetzt und damit zum Pokal.

Neben diesen Prunk-B. kommen auch einfachere Metall-B. vor: zylindrisch gerade (Zunft-B. von 1498 in Neustadt in Holstein [5, Abb. 12]), schalenförmig runde auf breitem Fuß (Studley-B., 14. Jh., London, Vict.-a.-Alb.-Mus.), kurze und vierpaßförmige, doch sind diese für die weitere Entwicklung nicht von gleicher Bedeutung gewesen. – Für sich stehen wegen ihrer Seltenheit und Kostbarkeit einige Bergkristallbecher des 14. und 15. Jh.; sie sind meistens konisch gerade, mit in die Wandung eingemugelten Näpfchen (Lyon, Wien), kommen aber auch als Henkel-B. (Wien, Mailand usw.) und gerne facettiert vor (vgl. die häufige Angabe „gobelet de cristail carré“, Havard a. a. O. Sp. 1123, 1125). Ein schlesischer B. aus Serpentin vom E. 15. Jh. befindet sich in Schloß Rosenborg, Kopenhagen.

Die gotischen Tonbecher, soweit sie nicht zu den oben beschriebenen aus schwarzer oder erdfarbiger unglasierter Masse gehören, bilden ihre Formen zumeist aus den besonderen Möglichkeiten ihres Materials: krügleinförmige B. mit gekniffenem, kleeblattförmigem Lippenrand (hessisches Steinzeug, Dreihausen); den Gläsern entsprechende Strunk-B. mit aufgerauhter oder nuppenbesetzter Wandung (böhmische Ton-B., Loschitz), diese zum Teil mit in Edelmetall gefaßten Lippen- und Fußrändern. Häufiger sind jedoch Sturz-B., die in der Gotik anscheinend nur in diesem Material vorkommen: Trichter-B., manchmal mit eingekneteten Gesichtern (Siegburger Steinzeug, s. Bartmannskrug). In diesem Material finden sich Übergangsformen zum Humpen, eine Abart ist die flaschenartig ausgebauchte Krause (vgl. die Abb. Sp. 35/36).

Für Holzbecher sind die Scheuern zu nennen, die älteste deutsche Pokalform: der obere Teil der Doppelscheuer ist häufig ein rund gedrechselter Sturzbecher (später gelegentlich in Glas oder Metall nachgeahmt), wie die gleiche Form in Glas Kopflein genannt.

III. Renaissancebecher

Die Renaissancebecher unterscheiden sich von den spätgotischen zunächst weniger durch ihren Gesamtumriß (vgl. mit dem gotischen B. Abb. 6 den Renaissance-B. RDK I, Sp. 1225 Abb. 2) als durch größere Mannigfaltigkeit der Typen (Max Sauerlandt, Werkformen deutscher Kunst, Königstein o. J.; Karl Simon, Figürliches Kunstgerät aus deutscher Vergangenheit, Königstein o. J.; E. W. Braun, Die Silberkammer eines Reichsfürsten, Leipzig 1923). Eine Verschiebung tritt allerdings in der Wahl der Werkstoffe ein: für B. tritt das Glas gegenüber dem Metall weit zurück. Die häufigen Silberbecher werden zumeist vergoldet und mit getriebenen und gepunzten, zum Teil auch geätzten Ornamenten versehen, in die gravierte Szenen eingebettet werden können. Das 17./18. Jh. übernimmt die B.-Form der Renaissance – verändert wird grundsätzlich nur das Ornament. Jedoch tritt seit ca. 1600 entsprechend der größeren Trinklust des Barock der B. immer mehr gegenüber dem Pokal und dem Humpen zurück, wie überhaupt seit M. 16. Jh. diese Gefäße und nicht mehr der B. als Schau- und Prunkgeräte dienen. Diese Entwicklung läßt sich besonders im Glas beobachten, wo die einfachen konischen oder zylindrischen B. mit Ätzung, Gravierung oder Emailmalerei durchaus außerhalb der Hauptentwicklungslinie liegen (Beispiele von B. in diesen Techniken bei R. Schmidt [2] Abb. 60, 61, 85, 116, 118, 127, 150, 173, 180, 186, 224); von besonderer Schönheit kantige Rubingläser des 18. Jh.

Der übliche Metallbecher des 16./17. Jh. gleicht sich sehr in seiner konischen, sehr schlanken Form (im Baltikum „Tümmler“ genannt); leichte Abwandlungen ergeben sich durch kantige Führung der Wandung [5, Abb. 70], durch stärkere Ausbeulung des Fußes [5, Abb. 56], durch Absetzen des Lippenrandes. Von anderer Form sind die in dieser Zeit besonders beliebten Haufebecher; sie sind meistens klein, gedrungen, häufig kugelig; ihr Ornament beschränkt sich gewöhnlich auf Gravierung der Wandung. Mit dem E. 16. Jh. macht sich eine immer stärkere Neigung zu gesteigerten absonderlichen oder gar kuriosen und scherzhaften Formen bemerkbar. So wird der B. zum Doppelbecher gesteigert; seine einleuchtendste Form verkörpert der Faß-B., der aus zwei ineinandergreifenden B. besteht. Auch kann bei Deckelpokalen der Deckel ein B. sein. Eine Neubildung sind die Münzbecher, zylindrische oder geschweifte B. mit in Wandung und Boden eingelassenen Münzen; einer der schönsten und größten ist der B. des Nürnberger Meisters TS mit Nachbildung antiker Münzen (um 1570) im G.N.M. Eine Abart ist der Rubel- bzw. Talerbecher: er wird aus einem russischen Rubel (bzw. Taler) getrieben, erreicht nur geringe Höhe (3-3,5 cm) und wurde etwa als Andenken an die Schlacht bei Zorndorf hergestellt. Gotische Formen werden umgestaltet, so die passigen B. (ein Vierpaß-B. auf Fuß von Chr. Jamnitzer im Berliner Schloßmuseum, Abb. 14, ein passiger in Römerform in Hamburg). Der Patenbecher entspricht im allgemeinen den üblichen B., unterscheidet sich nur durch betonte Anbringung des Namensheiligen entsprechend dem Apostellöffel. Beliebt ist auch der Stollenbecher, zumeist auf Kugelfüßen, gerundet ansetzend und gerade zum Lippenrand ansteigend [5, Abb. 80, 103].

Zu diesen aus der Gebrauchsform entwickelten Typen kommen dann die B., die ihre Entstehung reiner Schmuck- und Spielfreudigkeit verdanken. Dazu gehören die Fruchtbecher (Apfel-B. usw.) und, anknüpfend an die süddeutsche Tierplastik in Bronze um 1550, Tierbecher (s. Verst.Kat.Slg. Budge, Paul Graupe Berlin 1937, dort auch zahlreiche andere interessante B.-Formen), die aber ihre schönsten Beispiele als Pokale entwickelt haben. Besonders beliebt sind die metallenen Sturz-B. (Stortenbeker). Aus der Form des Trichter-B. wird um 1600 der Jungfernbecher gestaltet (Abart: Nonnen-B.): eine Dame in weitem Rock, als Griff dienen Kopf und Oberkörper. Durch eine in die erhobene Hände der B.-Figur eingehängte Schale konnte der Jungfern-B. zum Vexierbecher verändert werden: unter besonderer Vorsicht konnte nach der Leerung des B. durch langsames Umkehren auch die gefüllte Schale geleert werden (Abb. 13). Ein Gegenstück zum Jungfern-B. ist der Mönchsbecher, der nicht wie jener glockenförmig, sondern kugelig mit angesetztem Lippenrand gebildet ist. Andere Vexiergefäße sind etwa die beim Trinken klappernden Windmühlenbecher (Molenbeker) mit kleinen Figürchen von Bauern und Müllern und Blasrohren zum Betrieb der Flügel (der B. mußte vor dem Stillstand der Flügel geleert sein, Abb. 15). Entsprechend diesen B. höfischen Geschmacks kommen auch solche aus kostbarem oder seltenem Material vor: aus Narwalzahn (Wien), Steinbockshorn, Kokosnuß (meistens als Deckel von Kokosnußpokalen), Bergkristall (Abb. 10); auch Nautilus-B. (nicht zu verwechseln mit den häufigen Nautiluspokalen) sind bekannt: wegen ihrer weder zum Stellen noch zum Stürzen geeigneten Form wurden sie meist als Pokale gefaßt, als B. sind sie als eine Art Hänge-B. zum Hängen eingerichtet (Mailand, Museo d’Arte industriale). – Besonders eigenartig sind B. aus Leder in Silbermontierung in Form eines Schnabelschuhs (16. Jh.?).

Die Zinnbecher für alltäglichen Gebrauch und als Zunftgerät (Walter Dexel, Unbekanntes Handwerksgut, Berlin 1936) verändern ihre einfache Form kaum, Dekor fehlt bei ihnen fast ganz, nur im Umriß pflegen sie im 16. Jh. schlanker zu sein und bis zum 18. Jh. immer gedrungener zu werden.

Neben den Metall-B. sind im 16.-18. Jh. hauptsächlich die Tonbecher gepflegt worden. Bei ihnen herrschen die Sturzbecher vor. Diese können nun beträchtliche Größe annehmen; so ist einer ihrer schönsten, der bunt glasierte Sturz-B. der Kölner Kachelbäcker (Berlin, Schloßmuseum) aus der M. 16. Jh., 70 cm hoch.

IV. B. des 18. Jh.

Das 18. Jh. bringt weder neue Typen noch neue Entwicklungsmöglichkeiten. Der Metall-B. wird sparsamer im Ornament [5, Abb. 91] und karger im Formenumriß. Das gleiche gilt für den Glas-B.: es sind zwar noch einige hübsche bemalte B. des Klassizismus und Biedermeier bekannt [2, Abb. 119, 120, 222], jedoch bildet sich schon zu E. 18. Jh. der einfache schlichte Glas-B. heraus, der ohne den Namen B. seither und bis heute als Alltagsgerät unter dem Namen „Wasserglas“ geläufig ist. Der auffällige Formenrückgang des B. im 18. Jh. (und das gleiche gilt für die meisten anderen Trinkgefäße) erklärt sich durch das Aufkommen eines neuen Materials, des Porzellans, das alle anderen Werkstoffe verdrängt. In der 1.H. 18. Jh. gibt es zwar auch in diesem Material reizende B. (Schokoladenbecher), meistens mit Untertasse, gelegentlich auch wie die Metall-B. kantig – jedoch führt der Weg bald über die Bechertasse zur Tasse, die den B. dann fast ganz verdrängt hat (kennzeichnende Beispiele Verst.-Kat.Slg. M. Oppenheim, Julius Böhler München 1936, Nr. 772-75, 779, 786, 803, 817, 860, 927, 931).

Zu den Abbildungen

1. Stockholm, Hist. Mus., Trichterbecher aus Ås-Husby, aus hellgrünem Glas, 15 cm hoch, 9. Jh. Phot. Kgl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien, Stockholm.

2. ebendort, Kugelbecher („Traubenbecher“) aus dunkelgrünem, in die Form geblasenem Glas, 13,5 cm hoch, aus Birka, 9. Jh. Phot. Kgl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien, Stockholm.

3. Breslau, Schles. Mus. f. Kgew. u. Altertümer, syrischer Glasbecher des 14. Jh. aus Kloster Heinrichau, 1568 gefaßt von Eucharius Riher in Breslau. Phot. Mus.

4. Dresden, Grünes Gewölbe, emaillierter Glasbecher mit Landschaften, zwei Reiherketten und Jägern mit Lockvogel, 18,5 cm hoch, Aleppo, um 1250. In silbervergoldeter deutscher Fassung des 15. Jh. Phot. Mus.

5. Wien, Kunsthist. Mus., emaillierter Deckelbecher („Hofbecher“), M. 1 5. Jh. (Deckelknauf E. 16. Jh.). Phot. Mus.

6. Frankfurt a. M., Priv.Bes., silbervergoldeter Deckelbecher, Ingolstadt um 1490. Marburger Photo.

7. Wien, Kunsthist. Mus., silberner Deckelbecher, 30 cm hoch, E. 15. Jh. Phot. Karl Bosnjak, Wien.

8. Hannover, Landesmus., Passionsaltar von Meister Bertram, Abendmahl, Hamburg E. 14. Jh., Ausschnitt. Phot. Mus.

9. Lübeck, Marienkirche, Marientod von Hermann Rode, 1494, Ausschnitt. Phot. St. Annen-Mus., Lübeck.

10. Prag, Slg. Graf Nostiz-Rienek, Bergkristallbecher, 16. Jh. Phot. C. Bellmann, Prag.

11. Breslau, Schles. Mus. f. Kgew. u. Altert., silberner 13 cm hoher Becher auf Kugelfüßen der Breslauer Zwingerschützen 1509, graviert 1579 von Joachim Hiller. Mit altem Lederetui. Phot. Mus.

12. Berlin, Schloßmus., gläserner Sturzbecher, Potsdam-Zechlin 1730-50. Phot. Mus.

13. Elias Zorn, silbervergoldeter Jungfernbecher, Augsburg um 1590. Berlin, Schloßmus. Phot. Mus.

14. Christoph Jamnitzer (1563-1618), vierpaßförmiger silbervergoldeter Becher mit Hochzeitswappen Gößwein-Löffelholz, 10,5 cm hoch. Berlin, Schloßmus. Phot. Mus.

15. Stockholm, Priv.Bes., silberner Windmühlenbecher, Holland um 1700. Phot. Nationalmus. Stockholm.

Literatur

1. Franz Rademacher, Die deutschen Gläser des MA., Berlin 1933. 2. Robert Schmidt, Das Glas, Berlin 19222. 3. F. Fremersdorf, Zur Geschichte des fränkischen Rüsselbechers, Wallraf-Richartz-Jb. N.F. 2/3, 1933/34, S. 7ff. 4. Ernst Grohne, Die Koppel-, Ring- und Tüllengefäße, Bremen 1932. – Zahlreiche besonders gute Beispiele bei 5. J. Warncke, Die Edelschmiedekunst in Lübeck und ihre Meister, Lübeck 1927.

Hans Wentzel. (1938)

Verweise