Accipies-Holzschnitt

Aus RDK Labor
Version vom 5. Februar 2015, 12:04 Uhr von Jw (Diskussion | Beiträge) (fixup: author dot)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Woodcut (Accipies woodcut), Accipies woodcut; französisch: Accipies; italienisch: Xilografia con la scritta accipies tanti doctoris ....


Franz Schubert (1933)

RDK I, 110–114


RDK I, 111, Abb. 1. Basel, 1489.
RDK I, 111, Abb. 2. Köln, 1490.

Accipies-Holzschnitt (nach dem Text eines Schriftbandes: accipies tanti doctoris dogmata sancti).

I. Begriff, Einordnung, Bedeutung

Mit dem Ausdruck A. bezeichnet man eine ikonographisch zusammengehörige Reihe von Holzschnitten des ausgehenden 15. Jh., die ihrerseits eine Gruppe innerhalb der sog. Magister-cum-discipulis-Holzschnitte bildet. In beiden Fällen handelt es sich um die Wiedergabe einer Schul- bzw. Lehrszene, bei der ein Lehrer mit einem oder mehreren Schülern dargestellt wird, und die als Titelholzschnitt für spätmittelalterliche Lehrbücher verwendet wurde. Da diese Holzschnitte in einige wenige Kompositionstypen eingeteilt und an jeden Originalschnitt eine Reihe von Kopien und freieren Nachahmungen angeschlossen werden können, sind sie ein nicht unwichtiges Hilfsmittel zur Bestimmung von Inkunabeln.

II. Magister-cum-discipulis-Holzschnitte

Die früheste Holzschnittdarstellung einer Schulszene enthält eine 1473 bei Martin Flach in Basel erschienene Cato-Ausgabe (H. 4751, Schreiber-Heitz [1], Taf. 1). Ihr folgt 1479 der Titelholzschnitt einer Lucidarius-Ausgabe von Anton Sorg in Augsburg (H. 8804), dessen Holzstock zunächst von Sorg und anderen Druckern für verschiedene Ausgaben dieses Buches verwendet, dann auch bis Anf. 16. Jh. verschiedentlich kopiert oder als Kompositionsvorlage benutzt wurde (Schreiber-Heitz [1], Taf. 6–14). Diese Holzschnitte waren nur für das Werk eines bestimmten Autors gedacht, wobei der Lehrer oder die Szene in der Darstellung entsprechend charakterisiert wurden (bei der Lucidarius-Gruppe z. B. durch Sterne im Himmel des Hintergrundes).

Der Gedanke, einen solchen Holzschnitt mit einer Schulszene für Werke verschiedener Autoren, also gleichsam als Büchermarke für Lehrbücher zu verwenden, scheint im Ausland aufgekommen zu sein. Schon in einem 1481 bei William Caxton in Westminster erschienenen Mirror of the world und in einer 1485 in Venedig bei Simon Bevilaqua erschienenen Terenz-Ausgabe sind Holzschnitte vorhanden, die späterhin auch für andere Druckwerke verwendet wurden. Die Holzschnitte mit Darstellung typischer Schulszenen, die von vornherein für Werke verschiedener Autoren bestimmt waren, entstanden jedoch in den Niederlanden. Hier enthält ein 1486 bei Gheraert Leeu in Antwerpen erschienener Cato (Campbell, Annales 407) einen Holzschnitt, dessen Stock von Leeu 1486 und 1487 noch für 5 weitere Werke benutzt wurde (CA. 65, 408, 1394, 1637, 1644) und den 1486 Gotfrid van Os in Gouda mit nur 3 Schülern (CA. 1331 und H. 413) sowie 1489 Richard Paffroet in Deventer (CA. 718 usw.) für ihre Drucke kopieren ließen. Von diesen Holzschnitten übernahmen die deutschen Drucker den Brauch, Stöcke mit Schulszenen für Werke verschiedener Autoren anzufertigen und zu verwenden. Vor allem diente die Kopie des Gotfrid van Os in Gouda dem Johannes Amerbach in Basel spätestens 1489 als Vorlage für einen Holzschnitt (Abb. 1), der wiederum bis 1498 von nicht weniger als 10 deutschen Druckern als Vorlage benutzt wurde (Schreiber-Heitz [1], Taf. 36–42). Außerdem treten bis 1495 noch eine Reihe von Holzschnitten auf, die jeder wieder verschiedentlich von anderen Druckern benutzt oder kopiert werden: um 1490 bei Anton Sorg in Augsburg (Schreiber-Heitz [1], Taf. 2–5), 1491 bei Johannes Otmar in Reutlingen (Schreiber-Heitz [1], Taf. 61, 62, 34), 1491 bei Friedrich Kreusner in Nürnberg (Schreiber-Heitz [1], Taf. 55, 56), und 1494 bei Johannes Schönsperger in Augsburg (Schreiber-Heitz [1], Taf. 29, 30).

III. A.-Holzschnitte

Der Erfolg all dieser Holzschnitte wird jedoch durch die der eigentlichen Accipies-Holzschnitte in den Schatten gestellt, deren Urbild der Holzschnitt in den am 7. April 1490 von Heinrich Quentell in Köln gedruckten Copulata omnium tractatuum Petri Hispani, ... secundum doctrinam divi Thome Aquinatis (H. *8703) ist (Abb. 2). Hier wird der links hinter einem Pult vor 2 Schülern sitzende Lehrer durch die Taube auf der Schulter und den Nimbus als Heiliger gekennzeichnet. Auf einem Schriftband über den Figuren stehen die Worte: accipies tanti doctoris dogmata sancti. Schon dem Titel und dem Attribut nach ist dieser Lehrer der hl. Thomas von Aquino, eine Deutung, die durch die Bezeichnung „S. Thomas“ im Titelholzschnitt und das Vorkommen des Schriftbandtextes im Zusatz einer späteren Ausgabe der Copulata ... von Quentell in Köln am 16. Mai 1496 (H. *8706) noch bekräftigt wird, da es hier heißt: Ac iuxta frequens exercitium magistrorum Coloniensis gymnasii in bursa Montis regentium qui tanti doctoris sancti sectatores existunt ... Den Holzstock von 1490 verwendete Quentell in 78 seiner Druckwerke, zunächst bis 1495, zu welcher Zeit der Stock schon ganz ausgedruckt und zu einer Art Geschäftsmarke für die auf dem Buchmarkt sehr erfolgreichen Quentellschen Bücher geworden war. Diese Tatsache mag wohl der Grund sein, weshalb seit 1495, also dem Zeitpunkt, von dem ab Quentell zunächst seinen Stock nicht mehr verwendete, in Hagenau, Straßburg, Freising, Ulm, Basel, Augsburg, Danzig, Leipzig und Nürnberg 15 Buchdrucker 8 Kopien des Quentellschen Holzschnittes für ihre zahlreichen Drucke von Werken verschiedenster Autoren verwenden (Schreiber-Heitz [1], Taf. 18–26). Quentell jedoch ließ sich 1495 für seine Lehrbücher eine Kopie nach einer Schulszene in einem Druck von Friedrich Kreusner in Nürnberg von 1491 (H. *682) schneiden, holte aber später noch einmal seinen A. hervor.

Ein Holzschnitt vom gleichen Holzschneider wie der Quentellsche von 1490 erscheint im gleichen Jahr in der bei Joh. Koelhoff in Köln gedruckten Legenda litteralis Alberti Magni (H. *11 915). Hier ist der hl. Thomas in Dominikanertracht mit Nimbus als Schüler dargestellt und durch die xylographische Schrift S. Thos aquas kenntlich gemacht, während der lehrende Bischof mit der Mitra als sein Lehrer Albertus magnus anzusprechen ist. Im 2. Zustand des Stockes, der für weitere Kölner Drucke verwendet wurde, ist dann alle Schrift weggeschnitten, so daß in das Schriftband ein beliebiger typographischer Text eingesetzt werden konnte.

Auch dieser Stock wurde Anf. 16. Jh. noch zweimal für Kölner Drucke kopiert. Um diese Zeit beginnt die Bedeutung der Magister-cum-discipulis- und A.-Holzschnitte aber bereits zu verblassen.

Zu den Abbildungen

1. Titelholzschnitt zu: Dialogus magistri Pauli Niavis. Basel, s. n. typ. (Johannes Amerbach), 1489, H. *11 707, Weisbach 27. 117 : 82 mm. München, Staatsbibl.

2. Titelholzschnitt zu: Copulata omnium tractatuum Petri Hispani. Cöln, Heinrich Quentell, 7. April 1490, H. *8703, Vouilléme 930. 102 : 89 mm. München, Staatsbibl.

Literatur

1. W. L. Schreiber u. Paul Heitz, Die deutschen „A.-“ u. Magister-cum-discipulis-Holzschnitte als Hilfsmittel zur Inkunabel-Bestimmung (Stud. z. deutsch. K.-Gesch. 100), Straßburg 1908. 2. Moser, Der Holzschnitt mit der Inschrift: Accipies tanti doctoris dogmata sancti, Serapeum IV, Leipzig 1843, S. 252ff. 3. H. J. Jaeck, Über den Holzschnitt mit der Inschrift: Accipies cet., Serapeum V, Leipzig 1844, S. 60/61. 4. Robert Proctor, The Accipies Woodcut (Bibliographia Vol. I), London 1895, S. 52ff. 5. Ernst Vouilléme, Der Buchdruck Kölns bis zum Ende d. 15. Jh. (Publ. der Ges. f. rhein. Gesch.-Kunde XXIV, Bonn 1903, S. XLVIIIff. 6. Ernst Weil, Der Ulmer Holzschnitt im 15. Jh., Berlin 1923, S. 85–87 u. S. 133–135. 7. W. L. Schreiber, Manuel V 1, S. LXXIIIff.

Verweise