Durchbrucharbeit (textil)

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englisch: Open-work (drawn and cut work); französisch: Point coupé, point tiré; italienisch: Punto tagliato, punto tirato.


Marie Schuette (1955)

RDK IV, 604–612


RDK IV, 605, Abb. 1. Braunschweig, italienisch 16. Jh.
RDK IV, 605, Abb. 2. Leipzig, italienisch 16. Jh.
RDK IV, 607, Abb. 3. Kloster Lüne (Hannover), 13. Jh.
RDK IV, 609, Abb. 4. François Clouet, um 1559, München.
RDK IV, 611, Abb. 5. Stuttgart, italienisch 16. Jh.

I. Begriff und Technik

Die D. ist eine Vorstufe der Nadelspitze. Sie durchbricht, wie der Name sagt, das Gewebe – in der Regel Leinen – und schafft eine Musterung, die auf dem Gegensatz der geschlossenen und der offenen Stofffläche, auf dem Kontrast von Hell und Dunkel beruht.

Die D. wird mit Nadel und Faden ausgeführt. Sie ist Näharbeit und Stickerei und führt zur Spitze. Es lassen sich nach der Technik fünf verschiedene Arten der D. unterscheiden:

1. Ein lockeres Gewebe gestattet leicht das Zählen, Verschieben und Zusammenziehen der Fäden und damit ohne weitere langwierige Vorbereitungen das Öffnen der Stofffläche für die eigentliche Arbeit.

2. Ein dichtes Gewebe kann durch Ausziehen von Kett- und Schußfäden in seiner ganzen Länge und Breite aufgelockert werden.

3. Kett- und Schußfäden können in einer bestimmten Länge und Breite ausgezogen, das Muster im Gewebe ausgespart werden.

4. Die Grundfäden – d. h. Kett- oder Schußfäden – können in nur einer Richtung nach dem Erfordernis des Musters ausgezogen werden (punto tirato, point tiré, cut work).

5. Kett- und Schußfäden können nach dem Erfordernis des Musters ausgezogen werden. Das ergibt an den Kreuzungsstellen der Fäden offene Stellen im Gewebe, so daß es einfacher ist, an diesen Stellen den Stoff auszuschneiden. Daher: punto tagliato, point coupé, drawn work.

Die ersten drei Arten arbeiten mit auszählbarem kleinem Muster, in der Art der Kreuzstichstickerei und sind der Stickerei eng verbunden. Das Muster steht hell auf dem in kleinen quadratischen Maschen durchbrochenen Grund, falls es nicht, wie häufig in persischen Arbeiten, flächig ausgestickt ist. Zughöhl ist die treffende schweizerische Bezeichnung für diese Art der D., die nicht Selbstzweck und musterbildend ist wie 4) und 5).

Bei 1) werden die zusammengeschobenen Fäden mit Nadel und Leinen- oder bunten Seidenfäden (in der Regel) zusammengezogen und gebündelt und bilden den dunklen Grund für das im Leinen ausgesparte Muster [2, Abb. 17].

Bei 2) wird in das ganz aufgelockerte Leinengewebe das Muster eingestopft (Abb. 1) oder eingestickt. Die Grundfäden bleiben lose oder können auch umwickelt werden. Charakteristisch für diese Art der D.-Stickerei ist die crêpeartige Oberfläche des Musters im Gegensatz zu 1) und 3), wo sie – wenn nicht bestickt – gleichmäßig glatt ist. Diese D. wird wegen der Verwandtschaft ihrer Technik mit der Netzstickerei gewöhnlich als lacis bezeichnet.

Die 3. Art ist in der Erscheinung 1) sehr ähnlich. Die für den Hintergrund stehengelassenen aufgelockerten Schuß- und Kettfäden werden mit weißen oder farbigen Seiden- (oder anderen) Fäden umwickelt und zu kleinen quadratischen Maschen geformt. Die Zeichnung des im Leinen ausgesparten Musters – wenn es einer solchen bedarf – wird weiß oder farbig und zu der Farbe des Grundes passend in verschiedenen Sticharten (Kettenstich, Zopf, Holbein, Platt) eingestickt (Abb. 2 und 3).

Die 4. Art, die sog. einfache D. (punto tirato), die die Fäden nur in einer Richtung auszieht, hat es mit den stehengebliebenen offenen parallelen Fäden, den Schuß- oder Kettfäden, zu tun. Das Wesentliche der Technik ist das Einarbeiten, das Einflechten, Gruppieren der losen Fäden zu Mustern. Das kann mit weißen und farbigen Fäden aus jedem Material geschehen; in alten Zeiten war es Leinen, Seide und Wolle. Es ist das Arbeitsprinzip des Gobelins.

Die einfache D. [2, Abb. 19] ist im Abendland die Technik des Ziersaumes. Sie tritt zurück hinter dem Doppeldurchbruch, dem die vollständig geöffnete Fläche eine ganz andere Entwicklungsmöglichkeit bietet.

5), die Doppel-D., der punto tagliato, arbeitet im Sinne der rechtwinklig sich kreuzenden Fäden des Leinengewebes (Abb. 4). Sie vereinigt die stehengebliebenen Fäden zu einem rechtwinkligen Gerippe von beliebiger Größe, in das die Muster hineingearbeitet und auf dem im Lauf der Entwicklung zur freihändigen Spitze die Muster im Spitzenstich genäht wurden und frei auflagen. Dies ist der punto tagliato a fogliami, der Doppeldurchbruch mit Blattwerk (Abb. 5), die letzte Stufe vor der freien Nähspitze, dem punto in aiere (s. Nadelspitze).

Öffnete man die Leinwand durch Ausschneiden und beherrschte man die Technik der Nähspitze, so lag es nahe, nicht nur quadratische Flächen, sondern innerhalb einer größeren Weißstickerei beliebige Formen auszuschneiden und diese mit Mustern in Nadelspitze zu schmücken. Sehr schöne und kunstvolle italienische Renaissancestickereien dieser Art sind erhalten [3, Taf. 17, 23].

Die moderne „Lochstickerei“ ist ebenfalls eine Art D. Hier werden „Löcher“ von verschiedener Form, meist runde, in den Grundstoff gebohrt oder geschnitten, die Ränder umstickt und zu Mustern zusammengeordnet.

II. Geschichte

Die D. stammt aus dem Orient und hat eine lange Vergangenheit, wenn wir auch nicht die Anfänge kennen. Als die frühesten Beispiele der Technik der einfachen D. – bei denen es allerdings nicht auf den Gegensatz von offen und geschlossen abgesehen war wie beim Durchbruch selbst – darf man wohl die in die offenen Kettfäden mit bunten Wollfäden eingeflochtenen Besatzstreifen in leinenen Gewandresten aus taurisch-griechischen Gräbern des 4. oder 3. Jh. v. Chr. betrachten; die ägyptischen Grabfunde, die koptischen Stoffe und Gewänder legen eine ununterbrochene Entwicklung dieser Ziertechnik von der Spätantike bis in die islamische Zeit dar. Ägyptische Grabfunde aus islamischer Zeit, 10. bis 11. Jh., bieten die frühesten Beispiele von einfacher und Doppel-D. in Verbindung mit bunter Seidenstickerei (Holbeinstickerei; [5] Taf. 22). – Beide Arten der D. sind mit großer Kunstfertigkeit als Stickerei in weißer und bunter Seide im Orient, in Persien und der Türkei bis in unsere Zeit gepflegt worden [2, Abb. 19].

Die D. mit auszählbarem Muster war im Mittelalter auf deutschsprachigem Gebiet wohlbekannt. Die bedeutendsten und größten Arbeiten dieser Art, aus dem 13. Jh., sind auf niedersächsischem Boden erhalten geblieben (Kloster Lüne [Abb. 3], Marienberg, Hannover), aber auch in der Schweiz (Sarnen und Disentis).

Die Doppel-D. tritt in Europa, in Italien, und zwar in Venedig, der Brücke zum Orient, nachweislich zum erstenmal 1542 auf: in dem vom Verleger Matio Pagano herausgegebenen „Giardinetto nuovo di punti tagliati“ [6, Nr. 80]. Sie wurde in der 2. H. 16. Jh. die Mode- und Lieblingsarbeit der Frauen. Aus ihr erwuchs die Musterung auf quadratischer Grundlage, die Reticella und die freihändige Spitze. Aus der Tatsache, daß ein Verleger der neuen Handarbeit ein ganzes Modelbuch widmete, geht hervor, daß die venezianischen Frauen den punto tagliato bereits kannten und pflegten, und daß die Nachfrage nach Mustern groß genug war, um einen buchhändlerischen Erfolg zu sichern. Als Zeit für die Aufnahme des punto tagliato in Venedig darf das 2. V. 16. Jh. gelten, und um M. 16. Jh. erschien dann der punto tagliato a fogliami und 1554 die fertige Nadelspitze.

Matio Pagano, Lhonesto essempio del uertuoso desiderio che hanno le donne di nobil ingegno, circa lo imparare i punti tagliati a fogliami, Venedig 1550; [6, Nr. 85 a]. – M. Pagano, La gloria e l’honore de ponti tagliati et ponti in aere, Venedig 1554; [6, Nr. 87 a].

Von Italien wanderte die D. in die Nachbarländer. Sie war als Schmuck der sichtbar getragenen Wäsche die große Mode der französischen Hofgesellschaft im 3. V. 16. Jh. Herzogin Claudia von Lothringen, Tochter Heinrichs II., trägt auf ihrem von François Clouet um 1559 gemalten Bildnis (Abb. 4) einen Kragen mit point coupé. Für die allgemeine Verbreitung und die Bedeutung der Doppel-D. im Frankreich des 16. Jh. spricht die Übertragung ihres Namens auf die freihändige Nadelspitze mit Reticellamusterung. „Point coupé“ war im späten 16. und im frühen 17. Jh. in Frankreich der geläufige Name für die Nadelspitze.

Die welsch weiß arbeit, womit der italienische punto tagliato gemeint ist, tauchte um M. 16. Jh. in Deutschland auf, zunächst nur auf den Titelblättern von Modelbüchern.

Hermann Gülfferich, Ein new kunstlich Modelbuch, darin viel Schöner Mödel sein ... die welsch weiß arbeit usw., Frankfurt a. M. zw. 1545 u. 1553; [6, Nr. 19 a]. – Christian Egenolff, Modelbuch aller Art Nehwens vnd Stickens. Mit etlichten newen künstlichen vormals verhaltenen Stucken ... als: Die Welsch Weiß Arbeyt usw., Frankfurt a. M. 1564; [6, Nr. 20 b].

Sie hat sich nur langsam durchgesetzt; die Buntstickerei mit abzählbaren Mustern und die figürlichen Friese der frühen Modelbücher bewahrten nach wie vor ihre Beliebtheit. Erst 1593 und 1596 erschien im deutschen Modelbuch der Ausdruck newe außgeschnitne Arbeit für D. in Verbindung mit Nachschnitten nach dem beliebtesten italienischen Musterbuch von Cesare Vecellio [6, Nr. 116].

Georg Straub, New Model Buch, Darinnen allerley Gattung schöner Mödeln der Newen außgeschnitnen Arbeit usw., St. Gallen 1593; [6, Nr. 29 a]. – Ludwig König, New Modelbuch, Darinnen allerlay gattung schöner Mödeln der Newen außgeschnitnen Arbeit usw., Basel o. J. (1596); [6, Nr. 30].

Eigene Muster brachten erst 1596 eine anonyme „wohlberühmbte Schulhalterin“ in Wien (Wolff Lux, Mödel Büchel Von ordenclicher Niderländischer Natterey usw., Wien 1596; [6] Nr. 31) und 1597 bzw. 1601 der – vor allem durch sein Wappenbuch berühmte – Radierer Johann Sibmacher (Schön Neues Modelbuch von allerley lustigen Mödeln usw., Nürnberg 1597; [6] Nr. 32 a + b. – Newes Modelbuch in Kupffer gemacht, Darinnen allerhand Arth Newer Mödel von Dün Mittel, vnd Dick außgeschnidener Arbeit usw., Nürnberg 1601; [6] Nr. 38 a). Ohne Zweifel hatte die deutsche Frau mehr Freude an der Stickerei und an der Farbe als an der weißen D. – Sibmacher hat sie darin wohl verstanden und ihr und allen stickfreudigen Frauen für die folgenden Jahrhunderte und bis in unsere Tage in seinen Modelbüchern die lustigsten und beliebtesten Stickvorlagen geschenkt.

Im Gegensatz zu Deutschland hat wohl kaum ein Land im frühen 17. Jh. mehr Freude an D. und Reticella gehabt als England. Die Bildnisse der vornehmen Damen in ihren langen, mit D.-Streifen reich verzierten Staatsschürzen scheinen ebensosehr den Schürzen wie der auf sie stolzen Trägerin zuliebe gemalt. Die Musterung lehnte sich an Beispiele aus Italien, Frankreich und Deutschland an.

Man weiß nur von vier englischen Modelbüchern; bis auf den selbständigen Richard Shorleyker (A Schole-House, for the Needle ... Here follovveth certaine Patternes of Cutworkes etc., London 1624; [6] Nr. 155 a) sind sie Kopien von Musterbüchern der genannten Länder.

„Double Flanders cut work“ erscheint ab 1587 in Privatrechnungen der Königin Elisabeth [8], woraus hervorgeht, daß Flandern den Vorrang in dieser Art von Arbeiten vor England hatte, und daß England für die feinen Leinenarbeiten auf den Import aus den wegen ihrer Leinenkultur berühmten Niederlanden angewiesen war. Die D. wurde, auch nachdem sie im 17. Jh. – in vorgeschrittenen Ländern früher – ihre Rolle in der Mode ausgespielt hatte, im Handarbeitsunterricht der Frauen und Mädchen weiter gelehrt und gepflegt, wie aus den Mustertüchern des 17. und 18. Jh. hervorgeht. Im bürgerlichen Haushalt wurde sie für die Ausschmückung der Wäsche beliebt [3; 9; 10; 11]. Barock und Rokoko pflegten in Verbindung mit der Weißstickerei eine andere, feinere Art der D. mit auszählbarem Muster für die Belebung von kleineren Formen innerhalb des großen Musters [3, Taf. 87]. Die schweren, großmustrigen Piquetdecken des Barock verfeinerten und verkleinerten sich im 18. Jh. zu den delikaten Mullstickereien, vornehmlich für modische Zutaten, für Manschetten, Jabots und Halstücher. Ihr Ziel war die Nachahmung der teueren niederländischen Klöppelspitzen, und es ist erstaunlich, welch künstlerische Arbeiten die Stickerei in diesem Sinne geschaffen hat. Sie wurden in allen Ländern gearbeitet. Der sog. Point de Dresde (auch Point de Saxe genannt) war wegen seiner Feinheit am meisten geschätzt [3, Taf. 101].

Diese elegante D. hat noch einmal eine Glanzzeit erlebt im 2. Dr. 19. Jh., als das zarte gestickte Taschentuch aus Leinenbatist die große Mode war.

In der Volkskunst aller Länder war die D. – weiß, farbig und in jedem Material – eine beliebte und von den Frauen mit großem Geschick geübte Technik.

Zu den Abbildungen

1. Braunschweig, Hzg.-Anton-Ulrich-Mus., Durchbrucharbeit. Aufgelockertes Leinengewebe mit eingestopftem Muster. Italien, 16. Jh. Fot. Mus.

2. Leipzig, Städt. Mus. für Kunsthandwerk, Inv. Nr. V 518. Durchbrucharbeit mit auszählbarem Muster. Italien, 16. Jh. Fot. Mus.

3. Kloster Lüne (Hannover), Hungertuch, Ausschnitt mit Darstellung des Pilatus und seiner Krieger. Niedersächsisch, 13. Jh. Nach M. Schuette [4] Bd. 1, Taf. 32.

4. François Clouet, Bildnis der Hzgn. Claudia von Lothringen, Tochter Heinrichs II. von Frankreich. München, A. Pin. Nr. 1489. Um 1559. Fot. Mus.

5. Stuttgart, Landesgewerbemus., Streifen in Doppeldurchbruch mit Rankenwerk, die Zacken in Nähspitze. Italien, 16. Jh. Fot. Mus.

Literatur

1. Th. de Dillmont, Encyklopädie der weiblichen Handarbeiten, Dornach 1893. – 2. Marie Schuette, Alte Spitzen. Hdb. f. Sammler u. Liebhaber, Bln. 19263. – 3. Dieselbe, Spitzen von der Renaissance bis zum Empire (Slg. Helene Vieweg-Brockhaus), Lpz. 1929. – 4. Dieselbe, Gestickte Bildteppiche u. Decken d. MA Bd. 1, Lpz. 1927. – 5. Ernst Kühnel, Islamische Stoffe aus ägyptischen Gräbern in der islam. K.-Abt. u. in der Stoff-Slg. des Schloß-Mus., Bln. 1927. – 6. Arthur Lotz, Bibliographie der Modelbücher. Beschr. Verz. der Stick- u. Spitzenmusterbücher d. 16. u. 17. Jh., Lpz. 1933. – 7. Moriz Dreger, Entwicklungsgesch. der Spitze, Wien 19102. – 8. L. Paulis, Les points à l’aiguille belges, Brüssel 1947, S. 6ff. – 9. Marcus B. Huish, Samplers and tapestry embroideries, London 1900. – 10. Leigh Ashton, Samplers selected and described with an introduction, London 1926. – 11. Victoria and Albert Museum, Cat. of Samplers, London 1922.

Verweise