Drillingsbogen

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englisch: Triple arcade; französisch: Arc triplet; italienisch: Arco triforo, trifora, arcata trifora.


Hans Erich Kubach (1955)

RDK IV, 561–566


RDK IV, 561, Abb. 1. Halberstadt, M. 13. Jh.
RDK IV, 563, Abb. 2. Erscheinungsformen des Drillingsbogens.
RDK IV, 565, Abb. 3. Erscheinungsformen des Drillingsbogens.

I. Begriff und Erscheinungsformen

Der D. entsteht durch Gruppierung von drei Bögen, die offen, in eine Wand eingetieft oder ihr vorgeblendet sein können, und zwar meist dadurch, daß diese drei Bögen auf einer begrenzten Fläche (z. B. im Giebel) isoliert oder innerhalb einer Bogenreihe durch rahmende größere Bögen gruppiert sind („Übergreifung“). Sind drei Bögen einer Bogenreihe nur durch Wechsel der Stützenform („Umgreifung“) gruppiert, so stellt das einen Grenzfall dar, der sachlich in diesen Zusammenhang gehört, aber im allgemeinen nicht als D. bezeichnet wird.

Der D. kann aus gleichmäßig gereihten oder aus gestaffelten Bögen bestehen; er kann auch Bögen verschiedener Größe oder Form vereinigen (z. B. scheitrechte Bögen, Giebelbögen, Vorhangbögen). Die Bögen können dabei isoliert nebeneinander stehen oder auf gemeinsamen Stützen aufruhen.

Werden D. in Giebel, Gewölbeschildbögen oder ähnlich geformte Felder eingepaßt, oder werden zwei kleinere Öffnungen zu seiten einer großen, wie beim Triumphbogen, angeordnet, so werden die Bögen häufig gestaffelt. Der gestaffelte D. (auch als „Dreibogenstaffel“ bezeichnet) kommt aber auch als „freie“, dekorative Form häufig vor, zumal im 12. und 13. Jh.

Die komplizierteste Form, Übergreifung von zwei übereinander angeordneten D., findet sich naturgemäß nur selten (Damaskus, Große Moschee; Ravenna, S. Vitale (Abb. 3 r); Aachen, Pfalzkapelle und ihre Nachfolger).

II. Vorkommen und Bedeutung

Als Ort für den D. kommt jede Stelle am Äußeren oder im Inneren von Bauwerken in Frage, wo drei Bögen nebeneinander auftreten: bei Blendbögen und Nischen vorwiegend in Giebeln und an Fassaden sowie als Innengliederung (z. B. Blendtriforium). Bei Öffnungen finden sich D. als Fenstergruppen (insbesondere bei den Schallfenstern der Glockentürme, ferner in der Abschlußwand gerader Chorschlüsse, aber auch im romanischen und gotischen Profanbau), dann als rhythmische Gliederung von Bogenreihen (bei Emporen, Triforien, inneren und äußeren Laufgängen, Galerien, Kreuzgängen und Vorhallen; schließlich – der oben erwähnte Grenzfall – bei den Scheidarkaden).

Die Dreizahl der Bögen erklärt sich in vielen Fällen aus dem zur Verfügung stehenden Platz, wie denn auch häufig der D. mit Zwillings- und Vierlingsbögen wechselt.

Das Motiv des D. ist eines der grundlegenden Gestaltungsmittel fast jeder Architektur, die überhaupt den Bogen verwendet. So ist es der römischen Baukunst als Triumphbogen, der byzantinischen und der islamischen als Gruppierung von Öffnungen bekannt (Apsiden der Hagia Sophia in Konstantinopel, Mausoleum Akbars). Weitaus am häufigsten, unendlich abgewandelt, kommt es jedoch in der ma. Baukunst des Abendlandes vor, und hier wiederum am meisten in den Landschaften, in denen eine spätromanische und frühgotische Architektur entstand.

Für die Entwicklungsgeschichte der Baukunst wird das Motiv in erster Linie da bedeutend, wo es nicht nur in dekorativer Verwendung auftritt, sondern die Struktur bestimmt. Uneigentlich ist dies beim „niedersächsischen Stützenwechsel“ der Fall, wo der Wechsel Pfeiler-Säule-Säule-Pfeiler in frühromanischer Zeit die hochromanische Jochbildung in gewisser Weise vorwegnimmt. Karolingische Beispiele sind nicht mit Sicherheit im Innenraum bekannt – Werden, St. Salvator –, doch hat das Aachener Atrium die Anordnung als solche (Abb. 2 b). Der gestaffelte D. ist sodann für die spätromanische und frühgotische Baukunst von großer Bedeutung, da er ein Mittel anhand gibt, die Wand aufzugliedern (Abb. 2 g–i, m und n). Mit der Gestalt des Joches steht hier der D. fast immer in ursächlichem Zusammenhang. Als letzte Konsequenz, die die gotische Baukunst aus dem D. zieht, ist das Maßwerk zu nennen, das entsteht, sobald die Zwickelfelder eines Zwillings- oder Drillingsbogens durchbrochen werden (Abb. 3 k und l).

Die Renaissance- und die Barockbaukunst verwenden zuweilen das Triumphbogenmotiv, auch als bloße Gliederungsform, und häufig – als Grenzfall des D. – das sog. Palladiomotiv bei Fenstern (Abb. 3 q). Freie Abwandlungen kommen gelegentlich bis zum Spätbarock vor (z. B. bei den Bauten Dom. Zimmermanns).

Zu den Abbildungen

1. Halberstadt, Domkreuzgang, Arkade. M. 13. Jh. Fot. Staatl. Bildstelle.

2. und 3. Erscheinungsformen des Drillingsbogens. Zeichnungen des Verfassers.

a) Ravenna, Mausoleum der Galla Placidia, Wandgliederung. 2. H. 5. Jh.

b) Aachen, Atrium der Pfalzkapelle, Arkaden. Um 800.

c) Münster i. Gr., St. Johann Bapt., Blendgliederung des Ostgiebels. Um 800.

d) Köln, St. Maria im Kapitol, Kreuzgangarkade. 4. V. 12. Jh.

e) Modena, Dom, Zwerggalerie. 1. H. 12. Jh.

f) Regensburg, Goliathhaus, Fenster. M. 13. Jh.

g) Köln, Groß St. Martin, Obergadengliederung. Um 1230–40.

h) Sinzig a. Rh., Pfarrkirche, Emporenbögen. 2. V. 13. Jh.

i) Limburg a. d. L., Stiftskirche, Emporenbögen. Vor 1235.

k) Köln, St. Gereon, Emporenbögen. 1219–27.

l) Trier, Dom, Kreuzgangarkade. 3. V. 13. Jh.

m) Neuß, St. Quirin, Vierungsturm, Blendbögen. 1. H. 13. Jh.

n) Doberan (Meckl.), Zisterzienserkirche, Maßwerkfenster. E. 13. Jh. bis 1368.

o) Granada, Alhambra, Arkade. 13./14. Jh.

p) Meißen, Albrechtsburg, Fenster. 1471–85.

q) Ansbach, Schloß, Hofarkade. 1710ff. von Gabr. Gabrieli.

r) Ravenna, S. Vitale, Arkade und Emporenbögen. 526–47.

Verweise