Flocktapete

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englisch: Flock hanging, flockpaper; französisch: Tontisse, toile velouté, papier velouté; italienisch: Parato floccato, carta floccata.


Ludwig Baron Döry (1997)

RDK IX, 1274–1288


RDK IX, 1275, Abb. 1. Düsseldorf, M. 15. Jh.
RDK IX, 1275, Abb. 2. München, 16. Jh.
RDK IX, 1277, Abb. 3. Reichmannsdorf, Stadt Schlüsselfeld, um 1714/1718 (?).
RDK IX, 1277, Abb. 4. Düsseldorf, um 1715.
RDK IX, 1279, Abb. 5. Rhäzünz, Kt. Graubünden, um 1700/1720.
RDK IX, 1281, Abb. 6. Hamburg, um 1715.
RDK IX, 1281, Abb. 7. Leiden, 1. H. 18. Jh.
RDK IX, 1283, Abb. 8. Molsdorf Kr. Gotha, um 1730/1740.
RDK IX, 1283, Abb. 9. Lohr a. M., um 1730.
RDK IX, 1285, Abb. 10. Göteborg, um 1730.
RDK IX, 1287, Abb. 11. Frankfurt a. M., um 1820.
RDK IX, 1287, Abb. 12. Düsseldorf, um 1850.

F. = Flocktapete; V. = Velourtapete

I.

A. Definition, Benennungen

Unter F. (Flockentapete) wird diejenige Art von Wandbekleidung verstanden, bei der Wollstaub auf den Träger aufgebracht ist. Gelegentlich ist der Gebrauch der Bezeichnung F. auf Wandbekleidung aus beflockter Leinwand oder beflocktem Leder beschränkt, Wandbekleidung aus beflocktem Papier wird als V. bezeichnet.

Ausnahmsweise wurde anstelle von Wollstaub solcher aus Seide verwendet ([27] S. 74; s. auch Sp. 1278 und 1282).

Quellenschriften, die oftmals nur eine bestimmte Art der Herstellung nennen, verwenden auch andere Begriffe: Castorarbeit ([1] S. 384; [4] S. 342; [12] S. 384, Staup-Malerei [1, S. 834], gestäubte Tapete [11, S. 241], Staubtapete [9, S. 914], Streuarbeit [12, S. 384], gestreute Tapete [13, S. 13], Sammettapete (Damen Conversations Lex., Bd. 4, Adorf 1835, S. 27), Wolltapete [15, S. 476f.]. Modern gebraucht ist, offensichtlich an das franz. „fausses hautes-lisses ou tapisseries“ bei [18] S. 23 anknüpfend, Flock-Tapisserie [23, S. 97 Anm. 9].

Es ist unklar, ob das Wort Flocke vom lat. „floccus“, die Flocke, Faser der Wolle (Georges Bd. 1 Sp. 2792), abzuleiten oder eigenständiges germ. Wort ist (s. Grimm Bd. 3 Sp. 1809f.; Kluge-Mitzka, neu bearb. von Elmar Seebold u. a., Bln. und New York 221989, S. 222). Im späten 18. Jh. ist das Wort Flocke in eingeengter Bedeutung belegt zur Bezeichnung der Scherwolle [12, S. 272] und der „wollenen Haare, welche bei dem Rauhen der Tücher in den Karten (Weberdisteln) hängen bleiben“ (Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wb. der Hochdt. Mundart..., 2. T., Lpz. 1796, Sp. 214); die Zusammensetzung Flockwolle ist um diese Zeit bezeugt für den „Abgang der Wolle beym Tuchscheren ..., welchen man unter andern zu gestäubten oder F. gebraucht“ [11, Sp. 241].

B. Abgrenzung

Das Verfahren des Aufstreuens von Wollstaub auf einen Träger ist älter als die ältesten bekannten F. es sind und wurde für den Zeugdruck und zur Herstellung des mit F. eng verwandten Velourpapiers verwendet.

S. die Rezepte „Item wil du von scherboll guete varb machen“ in Hs. 3227 a des Germ. Nat.mus., Nürnberg, um 1390, und „Wie man mit wollen auftrückt“ im Nürnberger Kunstbuch aus dem St. Katharinenkloster in Nürnberg, 3. Dr. 15. Jh. (Nürnberg, Stadtbibl., Ms. cent. VI,89; Emil Ernst Ploß, Ein Buch von alten Farben, Mchn. 41977, S. 110; [21] S. 33f.). Zeugdruck, dessen Muster vom Wollstaub gebildet ist, ist aus dem 15. Jh. bekannt (Abb. 1; Leonie von Wilckens, Die tex-tilen Künste, Mchn. 1991, S. 163 und 165 sowie S. 369 Anm. 50; Anz. des Germ. Nat.mus. 1995, S. 222 Abb. 11). Zu Velourpapier s. L. von Wilckens a. a. O. S. 163, Abb. 181 (2. V. 15. Jh.; der Druck als Velourpapier wohl oberdt.; ein ital. Beisp. um 1835: [21] Abb. 18). - Zu mit Wollstaub bestreutem Teigdruck s. Georg Leidinger, Ein Samtteigdruck des 15. Jh., Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik 64, 1927, S. 213-222; s. auch [21] S. 34 und Schreiber, Nachdruck, Bd. 6 Mr. 2789x, 2833, 2833x und 2844.

Das Beflocken von minderwertigem Wollstoff, um bessere Qualität vorzutäuschen, war in England 1483 Gegenstand kgl. Verbotes, ebenso 1541 [17, S. 31].

Rücklaken aus beflockter Leinwand sind aus der 2. H. 16. Jh. bekannt: aus der ev. Dorfkirche von Mariendorf (heute Teil von Berlin-Tempelhof) ehem. im Märkischen Mus. Berlin und im Schloßmus. ebendort (später als Antependium gebraucht: Rudolf Bergau, Bau- und K.denkmäler der Prov. Brandenburg, Bln. 1885, S. 520, Abb. 196; [23] S. 101, Abb. 69); aus der Innungsstube der Breslauer Gerber, ehem. im Schles. Mus. für Kgwb. und Altertümer, Breslau (Karl Masner, Die Innungsstube der Breslauer Gerber, Breslau 1922, S. 15, Taf. 5).

Eine „Leinene mit farbiger Woll gestreute Spanische Wand“ sowie eine „spanische Wand von Leinwand mit gestreueter Wolle und Goldglanz“ gab es laut Inv. von 1778 in Schloß Werneck, Ufr. (Helmut-Eberhard Paulus, Die Schönbornschlösser in Göllersdorf und W. ..., Nbg. 1982 Erlanger Beitr. zur Sprach- und K.wiss., Bd. 69], S. 180 und 190).

Leinene beflockte Antependien sind aus dem 17. und fr. 18. Jh. bekannt: zwei mit roten und goldenen Wollfasern beflockte Antependien um 1603 in der ehem. Zisterzienserinnenkirche Schlüsselau Kr. Bamberg (Ausst.kat. „Fürstbisch. Johann Philipp von Gebsattel und die Kirche in Schlüsselau“, Bamberg 1997, S. 126 Nr. 48); s. auch Abb. 5.

Zu aus Leder gefertigten, partiell mit Wollstaub bestreuten ital. Kaseln des 18. Jh. s. Günter Gall, Leder im europ. Khw., Braunschweig 1965 (Bibl. für K.- und Antiquitätenfreunde, Bd. 44), Abb. 244; Jenny Schneider, Textilien. Kat. der Slg. des Schweiz. L.mus. Zürich, Zh. 1975, Nr. und Abb. 121. Eine vorschlagsweise in die Niederlande lokalisierte Lederkasel der M. 17. Jh.: [24] Abb. 29.

II. Herstellungsverfahren

Je nach dem angewandten Verfahren darf man F. einerseits zur Malerei, andererseits zum Zeugdruck zählen. Beschreibungen des zuletzt genannten Verfahrens in den Schriftquellen überwiegen bei weitem, und auch unter den erhaltenen F. ist der Anteil der auf diese Weise hergestellten derart erdrückend groß, daß man so weit gehen darf, bei der Erwähnung von F. in Inventaren zu postulieren, es handle sich um im Zeugdruck-Verfahren hergestellte Arbeiten; Versuche, aus Inventareinträgen andere Herstellungsverfahren herauszulesen, dürften in jedem Falle gewagt sein.

A. Art des Auftragens des Wollstaubs

Bei der Beschreibung der Verfahren ist in erster Linie von der Art des Auftragens des Wollstaubs auszugehen, nicht vom Trägermaterial (zu diesem s. Sp. 1280).

1. „Flockmalerei“

Nur die in einem Arbeitsgang zu bewältigende Fläche wurde mit Klebstoff versehen, und der „tapissier-lainier“ (so [6] Sp. 1819f.] „malte“ mit verschiedenenfarbenem Wollstaub Stück für Stück. Beschreibungen gibt es aus dem 18. Jh.

Auf die ungebleichte, mit Leimwasser gewaschene Leinwand wurde die Zeichnung mit Hilfe einer Schablone oder freihändig aufgetragen. Dann wurde mit einem Pinsel der sog. Grund (eine Mischung aus Firnis, Terpentin, Mastix, Bleiweiß) aufgebracht, und zwar „nur so viel, als man zu einerley Farb vonnöthen hat: worauf man so dann die klein geschnitten oder gehacket / durch ein Haar-Sieb gelinderte Wollen gleichstreuet / was Farb man zu vorhabender Abbildung haben will / klopfft anbey mit dem Fingern unten aus (!) aufgespannte Tuch / biß sich so viel von der Wollen an dem grund hengt / als gedunckt Rahr (!) zu seyn: Nach solchen tunckt man den Pensel wiederum in Grund / und bestreicht abermahl so viell / nemlich zu einer andern farb nöthig ist / und fahret so fort mit allen Farben / biß fertig ist ...“ ([1] S. 90, im Abschnitt „von der Mahlerey“; wiederholt bei [2] S. 835). Ein ähnliches Verfahren beschrieb Savary des Bruslons [6] Sp. 1819; Abdruck bei Havard Bd. 4 Sp. 1367f. und bei [18] S. 23-26; dt. Übers. bei [23] S. 97f. Anm. 10). Paul Marperger, der die Herstellung von F. als „der Mahlerey-Kunst gemäß“ ansah, schrieb, „die vornehmsten Nothwendigkeiten und das Werckzeug“ bestünden „1) in einer zarten Leinwand, 2) in allerley Farben-Garn nach seinen Schattierungen und Absätzen, 3) In einem Grund von Oel-Farb gemacht. Je zärter das leinene Tuch ist, ie besser lasset sich darauf arbeiten, zuvor aber muß man die Leinwand auf ein Brett aufspannen, und mit einem im Wasser aufgeweichten Gummi sfeiffen, daß sie schön glatt werde, als-dann setzet man selbige zum Trocknen beyseits“ ([4] S. 342; Wilhelm Franz Exner schrieb 1869 von „Wachstuchtapeten“: [14] S. 17 Anm. 3). Im Journ. des Luxus und der Moden [13, S. 14] ist „eine Art Kleister, worunter Oel gemischt“, als Klebstoff für die „Tuchschur-Atome“ genannt; es gebe „Tapeten dieser Art, die in einer solchen Vollkommenheit gearbeitet sind, daß sie den Hautélissen nichts nachgeben“.

2. Einfarbig gedecktes Buntpapier

Bei diesem Verfahren wurde die ganze Fläche mit Klebstoff versehen und dann der Wollstaub aufgestäubt ([21] S. 31: einfarbig gedecktes Velourpapier). Eine Variante des Verfahrens besteht darin, daß der Träger mit weißem Seidenstaub bestäubt wurde und die kräftig aufgetragene Vorzeichnung durch die Flockschicht hindurchschimmert (beschrieben 1718: [5] S. 183).

Für Wandbekleidung dürfte einfarbig gedecktes Buntpapier kaum verwendet worden sein; Beispiele sind jedenfalls in der Lit. nicht bekannt.

3. Zeugdruck-Verfahren

Wie beim Zeugdruck wurden Muster mit Hilfe von Druckplatten oder von Schablonen im Handdruck auf den Träger aufgebracht. Die Druckfarbe war aber durch Klebstoff ersetzt; der aufgestäubtge Wollstaub haftet nur auf den bedruckten Teilen. Es können mehrere Farben verwendet sein; auch gibt es F., deren Muster aus Wollstaub kombiniert ist mit Vergoldung/Versilberung und Farbe des Trägers.

Genaue Beschreibung des Vorgehens gibt es seit dem 18. Jh.

Vgl. als Beisp. „Peter Nathan Sprengels Künste und Handwerke in Tabellen“: „Wenn die Umrisse der Figuren mit den großen Stempelformen vorgedruckt sind, so druckt man hiernächst ... mit kleinen Stempeln; druckt aber vermittels dieser nicht die Farben .., sondern ... mit ... klebrigten Druckerfirniss ...“. Dieser mußte etwas getrocknet sein, „damit die Wolle nicht in derselben ersäuft“. Jetzt erst wurde mit Scherwolle „bepudert oder bestäubt“. Nach dem Trocknen wurde „die Flockwolle, die sich nicht mit dem Firnis vereinigt hat, behutsam mit einem Borstwisch angewischt“. Bei der nächsten Farbe wurde in gleicher Weise vorgegangen [8, S. 17f.].

Nicht viel anders verfuhr man im 19. Jh. „Die Tapete wird gleich vom Drucktisch weg über einen Kasten gezogen, der dicht am Tische auf ⅔-¾ Meter hohen Füßen steht. Der Boden des Kastens besteht aus straff gespanntem Kalbleber oder Pergament. Ist genug frischer Druck über den Kasten gelangt, so wird die Tapete bis zum Lederboden niedergelassen, Tuchstaub darübergestreut, der Kastendeckel zugeklappt und der Lederboden mit ein paar Stöcken von unten trommelartig bearbeitet, oder es ist eine Daumenwelle vorhanden, durch deren Drehung einige Klopfer gegen den Boden getrieben werden. Der solchergestalt im Kasten aufgerührte Staub verteilt sich überall auf der Tapete und deckt das klebrige Muster vollständig. Ist ein so erzeugtes Muster völlig trocken, so kann zum Aufsetzen eines folgenden in einer anderen Farbe geschritten werden“ [15, S. 476f.].

Die allmähliche Ablösung des Handdrucks durch den Maschinendruck mit Hilfe von Walzen geschah im Verlauf des 18. Jh.; doch setzte sich das Verfahren erst im 19. Jh. wirklich durch.

Andreas Glorez vermeldete zwar bereits 1702 triumphierend die Einführung des Walzendrucks [1, S. 11], doch erfolgte die Verwendung von Walzen für den Kattundruck erst nach M. 18. Jh. (Robert Forrer, Die K. des Zeugdrucks, Strbg. 1898, S. 55). Brauchbare Zeugdruckmaschinen und in ihrer Nachfolge Tapetendruckmaschinen mit rotierenden Druckwalzen wurden erst im letzten V. 18. Jh. entwickelt, vor allem in England; William Palmer erhielt 1828 eine Druckmaschine mit hölzernen Formen patentiert ([14] S. 266; [22] S. 59-66).

B. Trägermaterial

Bis gegen M. 18. Jh. verwendete man normalerweise Leinwand, die auch von minderer Qualität sein konnte, weil sorgfältige Grundierung entscheidend wichtig war (Abb. 1-10). Leder als Material für F. ist in den Quellen selten genannt (Patent für Jerome Lanyer 1634, erteilt von Kg. Karl I. von England: [19] S. 30; [24] S. 63), und Beispiele sind selten erhalten (ebd. S. 63, auch Taf. 47; [19] Abb. 19; [23] Abb. 80). Papier wurde überwiegend für F. nach dem Zeugdruck-Verfahren gebraucht; die Hauptzeit der Verwendung dieser V. ist das 18./19. Jh., vor allem infolge der Herstellung sog. endloser Papierrollen und durch die Einführung des Maschinendrucks (Abb. 11f.).

III. Geschichte

A. Prioritätenstreit

In der franz. Lit. des 1. Dr. 18. Jh. wurde die Meinung vertreten, F. seien eine französische Erfindung; Germain Brice [3, S. 72] und Joachim Christoph Nemei(t)z [7, S. 379f.] nannten Claude III Audran (1658-1734) in Paris als Erfinder, Savary des Bruslons 1726 hingegen Rouen als den Ort der Erfindung ([6] Sp. 1818; wiederholt z. B. von [13] S. 13). Widerspruch kam, unter Hinweis auf das Patent von 1634 (s. oben) aus England (Thomas Rymer [Hg.], Foedera, Conventiones, Litterae, Et Cuiuscumque Generis Acta Publica..., Bd. 1, Ld. 21732, S. 554) und führte zu länger anhaltender Diskussion, die durch den Export englischer V. nach Frankreich um M. 18. Jh. noch verschärft wurde; vgl. französischerseits die Behauptung eines gewissen Tierce in Rouen, 1756, auf ihn seien „des planches appartenant inventeur“ Le François in Rouen überkommen, die 1620 und 1630 datiert seien ([18] S. 30 nach Journ. Oeconomique 1756, Fevrier, S. 92; [26] S. 16). In der dt. Lit. der 2. H. 18. Jh. und des 19. Jh. sind die Angaben aus der franz. und engl. Lit. meist nur referiert (vgl. [10] S. 583; [13] S. 13; Krünitz Bd. 180 S. 111). Eine kritische Stellungnahme stammt erst von W. F. Exner.

Obwohl er den Quellen eher mißtraute, kam er doch zu folgendem Schluß: „Es ist als höchst wahrscheinlich anzunehmen, daß dieser Industriezweig beinahe in der gleichen Zeit in Frankreich und England eingeführt worden ist, und mögen sich diese zwei Länder wie immer um die Priorität dieser Erfindung streiten, eines steht fest: Die Konkurrenz, welche sich alsbald zwischen den Fabriken der beiden Staaten entwickelte, trug nicht wenig bei, diesen Fabrikationszweig auf eine so hohe Stufe der Vollkommenheit zu bringen“ [14, S. 22f.].

Seit F. aus dem 16. Jh. bekannt gemacht wurden (z. B. von Julius Lessing 1883: [16] S. 20f.; Abb. 2), ist der Streit gegenstandslos.

B. Flocktapete

Flocktapeten aus Leinwand und Leder.

1. Zeugdruck-Verfahren

Über die Anfänge herrscht Unsicherheit; so ist unbekannt, ob im 15. Jh. Zeugdruck in der Art von Abb. 1 als F. verwendet wurde. Wandbekleidung mit einer Gliederung durch Sockel, Abschlußfries und Säulen oder Lisenen gibt es aus dem 16. und 17. Jh. im dt. Bereich.

Genannt seien zwei F., die eine im Bayer. Nat.mus. München (Abb. 2), die andere im Mus. für K. und Gewerbe in Hamburg (Inv.nr. 1885,586), mit Wiedergabe des habsburgischen Doppeladlers im Wappenschild unter einer Arkade als Bildfeld. Bei einer F. des 17. Jh. wechseln Felder mit gewendelten Weinlaubsäulen mit solchen, die symmetrisch angeordnetes Rankenwerk zeigen (Tann Kr. Fulda, Gelbes Schloß: [23] Abb. 70).

Das Fragment einer F. aus dem 17. Jh. mit Füllhornmuster verwahrt das Dt. Tapetenmus. in Kassel (ebd. Abb. 71). - Im Inv. von Schloß Oranienburg bei Berlin, 1699, ist u.a. „violet Wiener Leder, gestreute Arbeit, der Grund Silber“ aufgeführt ([20] S. 21; die Tapete im Neuen Saal: Wilhelm Boeck, Oranienburg, Bln. 1938 (Forschgn. zur dt. Kg., 30), S. 55).

In England, wo die „Painter & Stainer’s Company“ in London 1626 erklärt hatte, Flockarbeit gehöre zu ihren Monopolen [26, S. 16], ist im Patent für Jerome Lanyer 1634 (s. Sp. 1280) „Lyn-nen, Cloath, Silke, Cotten, Leather“ als Trägermaterial „for Hangings“ aufgezählt [11, S. 11f.]; A. V. Sugden und J. L. Edmondson vermuteten noch keine kommerziell genutzte Praktik [17, S. 33]. Erhaltene F. stammen aus dem 17. Jh. [26, Kat.nr. 33] und um 1700 [11, Abb. 14].

Eine wohl flandrische F. vom E. 17. Jh. zeigt auf bronzierte Leinwand aufgebrachten grünen Wollstaub (Kassel, Dt. Tapetenmus.: [23] Abb. 78).

Eine spanische lederne F. der Zeit um 1700 stammt aus dem Haus „Zum Sonnenhof“ in Zürich (Ernst Wolfgang Mick, Dt. Tapetenmus. Kassel, Kassel-Wilhelmshöhe 1983, S. 52 links und S. 53).

Nach der Mehrzahl der in Schlössern und Museen erhaltenen F. auf Leinwand zu urteilen, dürfte die Produktion im 1. Dr. 18. Jh. ihren Höhepunkt erreicht haben (Abb. 4, 6, 8-10). In Paris gab es A. 18. Jh. Manufakturen für F. im Faubourg St-Antoine [6, Sp. 1819] und im Palais du Luxembourg ([3] S. 72; [7] S. 372f.). Auffallend viele und schöne F. sind in den Niederlanden anzutreffen ([23] S. 109, Abb. 82f.; J. H. P. Heesters, Vier eeuwen behang, Delft 1988, S. 11-80; Abb. 7).

Um 1730/1740 kamen F. aus Leinwand außer Mode, da „nicht zu reparierender Mottenschaden“ zu besorgen sei (Feststellung von Carl Ludwig Wilke, Besitzer einer Berliner Stofftapeten-Manufaktur, die u. a. „Streuarbeit“ herstellte, 1733: [20] S. 22). F. auf Leinwand aus der Zeit nach 1750 sind nicht bekannt (vgl. aber [23] S. 233; noch 1759 war von einer „fabrique de toiles veloutées“ zu lesen: [29] S. 74).

2. "Flockmalerei"

Der äußerst geringen Zahl erhaltener Arbeiten sind über die Geschichte der „Flockmalerei“ keine genauen Angaben abzugewinnen. Aus der Zeit um 1700 stammt die Nachricht, zwei Schwäbinnen hätten „etliche Länder durchreiset“ und mit ihrer Flockmalerei gut verdient [1, S. 90]. In das späte 17. Jh. wird die bisher für das einzige erhaltene Beispiel erachtete Flocktapisserie (Castorarbeit) in Schloß Reichmannsdorf (Stadt Schlüsselfeld Kr. Bamberg) datiert; da die Verträge für die Ausmalung des 1714-1719 erbauten Schlosses 1712 abgeschlossen wurden, könnten die Flockmalereien auch erst um diese Zeit entstanden sein (Abb. 3; [23] S. 98f., Abb. 66f.). Als weiteres in Ofr. geschaffenes Werk kann eine Darstellung der Hl. Familie mit dem Johannesknaben in der 1718 geweihten Kapelle in Schloß Weißenstein ob Pommersfelden genannt werden. Ob in der 1713 genannten Pariser Manufaktur im Faubourg St-Antoine Flockmalerei hergestellt wurde, läßt sich der Angabe bei Savary de Bruslons über „des personnages, des fleurs, des grotesques“, die dargestellt worden wären, nicht eindeutig entnehmen [6, Sp. 1819].

Welche Relation zwischen den Beschreibungen der Technik von Flockmalerei in Handbüchern des 18. Jh. und der zeitgleichen Produktion besteht, ist nicht auszumachen; die Zahl der Beschreibungen sank im Verhältnis zu der von nach dem Zeugdruck-Verfahren hergestellten F. und V. Das könnte der geringen Zahl der erhaltenen Arbeiten entsprechen und auf nachlassendes Interesse an Flockmalerei im Lauf des 18. Jh. deuten.

3. Velourtapeten

In England sind V. seit der 2. H. 17. Jh. erhalten. Ihr Ornament ist in der Regel ein vegetabiles (Beisp. bei [26] Kat.nr. 25, 36, 38, 40 u. ö.), manchmal bereichert durch Architekturmotive (ebd. Kat.nr. 18) oder als Chinoiserie ausgeführt (ebd. Kat.nr. 48 und 54). Im 19. Jh. sind Bordüren häufig (ebd. Kat.nr. 153, 182, 184 u. ö.; Maschinendruck: ebd. Kat.nr. 237), und dabei gibt es gelegentlich Figurales (ebd. Kat.nr. 170: Hippokampen reitende Putten).

Die Vorrangstellung englischer V. ist am deutlichsten am Export in andere europ. Länder abzulesen, insbesondere nach Frankreich, wohin der franz. Gesandte in England, der Duc de Mirepoix, 1753 blaue V. geschickt hatte [23, S. 231f.] und wo die Marquise de Pompadour 1754 ihre Garderobe im Schloß von Versailles mit engl. V. auskleiden ließ [18, S. 63]; 1758 wurden im Baderaum des Schlosses Champs-sur-Marne engl. V. angebracht [17, S. 57]. - Zu engl. V. in Hamburg s. unten Sp. 1285.

In Frankreich kam es offensichtlich erst um die M. 18. Jh. zur Fabrikation von V. (um 1680 ist überhaupt erst „papier de tapisserie“ erwähnt: [23] S. 215; einem gewissen Simon wurde 1735 ein Patent auf „tapisseries de papier“ verweigert: GBA 54 Bd. 1, 1912 [4ème pér., 7], S. 136): Als Folge der engl.-franz. Auseinandersetzungen um den Besitz von Kanada 1755-1763 erfuhr die Herstellung von V. einen ungeahnten Aufschwung, unterstützt von der Regierung 1766 verhängte Importzölle [23, S. 233]. Repräsentant dieser Blüte war Jean-Baptiste Réveillon (1725-1811; [18] S. 44, 48, 51, 54, 63, 68; ebd. Abb. 173).

Anfänglich wurden die V. auf gebrauchte oder helle dünne Leinwand über Makulaturpapier geklebt; die Leinwand selbst war auf einen Rahmen oder auf die Wand gespannt (ebd. S. 232 mit Anm. 6, nach Journ. Oeconomique 1755).

Die modische Beliebtheit der V. währte zunächst nur wenige Jzz.; spätestens um 1780 war sie in Paris abgeklungen [23, S. 234]. Doch kam es im 19. Jh. neuerlich zu einer reichen Produktion sowohl von ganzen V. als auch von Borten und Einfassungen (zahlreiche Beisp. bei [26]).

In Deutschland begann der Siegeszug der V. nicht viel später als in Paris. Verwendung der V. ist in Hamburg 1760 bezeugt, in Frankfurt a. M. 1764, 1765 in Berlin und 1767 in Hannover; in Hamburg wurde von englischer, in Hannover von französischer Provenienz gesprochen [20, S. 20f.]. Inwieweit in Deutschland V. produziert wurden, scheint unklar zu sein; ihre modische Beliebtheit klang, wie auch in Paris, um 1780 ab.

Im 19. Jh. waren V., nicht anders als in Frankreich und England, neuerlich Mode (Abb. 11f.). Dabei scheint, wie in den anderen Ländern auch, die Verwendung von V.streifen gebräuchlicher gewesen zu sein als das Aufschlagen ganzer Wände (vgl. Friedrich Fischbach, Beiträge zur Gesch. der Tapeten-Industrie, Darmstadt 1889, S. 21, s. auch [27] S. 75).

Franz. Import sind die V. in nicht weniger als fünf Räumen des ehem. Deutschordensschlosses Ellingen aus der Zeit von Carl Philipp Fürst von Wrede, der seit 1815 Eigentümer des Schlosses war. Einfarbig olivgrüne V. mit dreifarbiger Bordüre mit vegetabilem Ornament gibt es im Psychezimmer als Fond der Grisailletapeten der Pariser Firma Joseph Dufour & Co. von 1818; einfarbig olivgrün ist auch die V. in der Bibliothek des Feldmarschalls. Eine franz. gedruckte Papiertapete mit roten und grünen Velourauflagen schmückt die Wände des Englischen Zimmers (um 1830), eine blaue mit grünen Velourstreifen das Chinesische Kabinett (Kdm. Bayern, Mfr. 5 S. 204, Abb. 152 und 159; Erich Bachmann, Residenz E., Mchn. 31982, S. 44, 47f., 55 und 59). Rahmende V.streifen sind im Don Quichote- und im Schlafzimmer anzutreffen. – Die Firma Johann (Jean) Zuber & Co. im oberelsässischen Rixheim lieferte um 1810/1815 V. nach Kassel [23, S. 317, Abb. 223] und druckte die Draperietapete mit Quasten in rotbraunem Velourdruck in einem der Räume von Schloß Corvey bei Höxter; die Lieferung erfolgte durch die Kasseler Firma von Johann Christian Arnold 1821 (ebd. S. 324f., Abb. 233; Friedrich Machmar, Arnold’sche Tapeten, Hessenland 1943, H. 1 S. 5, Abb. 5 und 7).

Unter den deutschen Fabriken beherrschte um 1820 die Kasseler Firma Arnold die Herstellung von V. [24, S. 326]. In Wien wurden in der Tapetenfabrik Spörlin & Rahn 1820 auch V. hergestellt (Das k.k. Nat.-Fabrikations-Kabinett, Mchn. und New York 1995, S. 166).

Unbekannt ist die Herkunft der V. im Schloß Fasanerie in Eichenzell Kr. Fulda (Dänisches Schlafzimmer, Arbeits- und Schlafzimmer: Hans Retzlaff und Cläre Goldschmidt, Fasanerie, Fulda 1959, Abb. S. 63) und im Goethehaus in Frankfurt a. M., wo vier Zimmer im zweiten Obergeschoß mit V.bordüren dreimal tapeziert worden waren: Die Tapeten der ältesten Schicht, um 1820, zeigen Blätter und Schnüre mit Velourapplikationen; der Muster bildende Weinrankengrund wurde einfarbig aufgetragen und anschließend mit drei Farben bedruckt (Frankfurt a. M., Hist. Mus.; Abb. 11).

Zu den Abbildungen

1. Düsseldorf, K.mus., Inv.nr. 16841, Zeugdruck mit rotem Wollstaub auf Lwd., 11 × 20 cm. Dtld., M. 15. Jh. Nach L. von Wilckens a. a. O. (Sp. 1276) S. 164 Abb. 182.

2. München, Bayer. Nat.mus., Inv.nr. T 6617, F. auf Lwd., 99 × 105 cm. Dtld., 16. Jh. Foto Mus.

3. Reichmannsdorf (Stadt Schlüsselfeld) Kr. Bamberg, Schloß, Flockmalerei auf Lwd. Um 1714/1719 (?). Foto Verf.

4. Düsseldorf, K.mus., Inv.nr. 19497, F. auf Lwd. (Ausschnitt), Gesamtmaße 227 × 78 cm, Rapport 91 cm. Um 1715. Foto L.bildstelle Rheinl., Ddf.

5. Rhäzüns, Kt. Graubünden, Apolloniakap., F., als Antependium verwendet. Um 1710/1720. Foto Verf.

6. Hamburg, Mus. für K. und Gewerbe, Inv.nr. 1889.33, F. auf Lwd., weißes Muster auf dunkelgrünem Flockgrund, 310 × 78 cm. Dtld., um 1715. Foto Mus.

7. Leiden, Stedelijk Mus. „De Lakenhal“, Inv.nr. 4559, F. (Ausschnitt), Gesamtmaße 230 × 72 cm. Niederlande (?), 1. H. 18. Jh. Foto A. Dingjan, Den Haag.

8. Molsdorf Kr. Gotha, Schloß, Schlafzimmer, F. auf Lwd., in Grün und Gold, Borte in Rot und Gold. Um 1730/1740. Foto Thüringisches LA. für Dpfl., Erfurt (Walter Seifert).

9. Lohr a. M., Schloß, Geburtszimmer des Franz Ludwig von Erthal, F. auf Lwd. (Ausschnitt), Gesamtmaße 328 × 72-78 cm. Um 1730. Foto Verf.

10. Göteborg, Röhhska Konstslöjdmuseet, Inv.nr. RKM 22-17, F. auf Lwd., weißes Muster auf lichtbraunem Flockgrund, ca. 210 cm br. Um 1730. Foto Mus.

11. Frankfurt a. M., Hist. Mus., Graph. Slg., Kasten 500, V. aus dem Goethehaus in Frankfurt a. M., Zimmer im zweiten Stock, 63 × 46 cm. Um 1820. Foto Mus.

12. Düsseldorf, K.mus., Inv.nr. 11571, V., 103 × 85 cm. Um 1850. Foto L.bildstelle Rheinl., Ddf.

Literatur

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Verweise