Floire und Blancheflor

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englisch: Floir and Blancheflor; französisch: Floire et Blancheflore; italienisch: Fiorio e Biancofiore.


Ulrich Rehm (2001)

RDK IX, 1293–1306


RDK I, 217, Abb. 1.Stettin, ca. 1335.
RDK IX, 1293, Abb. 1. Paris, 2. H. 14. Jh.
RDK IX, 1293, Abb. 2. Kassel, 1. H. 15. Jh.
RDK IX, 1295, Abb. 3. Werkstatt Diebold Lauber, Hagenau, 2. V. 15. Jh.
RDK IX, 1297, Abb. 4. Oxford, 1463-1464.
RDK IX, 1299, Abb. 5. Neapel (Sixtus Rießinger) 1478.
RDK IX, 1301, Abb. 6. Metz (Konrad Hochfeder) 1499.
RDK IX, 1301, Abb. 7. Rom um 1500.
RDK IX, 1303, Abb. 8. Frankfurt a. M. 1587.
RDK IX, 1303, Abb. 9. Frankfurt a. M. 1849.

F. = Floire; B. = Blancheflor

I. Definition

Die Geschichte des Liebespaares F. und B. ist Inhalt eines seit der 2. H. 12. Jh. bezeugten Epos.

II. Textgeschichte

A. Altfranzösische Fassungen und deren Bearbeitungen

1. Textzeugen

Die ältesten Textzeugen sind unbebildert und gelten als Bearbeitungen eines - verlorenen -

altfranzösischen Versromans, der um M. 12. Jh. entstanden sein soll (zu diesem: Maurice Delbouille, A propos de la patrie et de la date de F. et B., in: Mél. de linguistique et de lit. romanes, offert à Mario Roques, Paris 1952, Bd. 4 S. 53-98; Jean-Luc Leclanche, La date du conte de F. et B., Romania 92, 1971, S. 556-567).

Die früheste erhaltene, deutsche Bearbeitung ist der „Trierer Floyris“, um 1160/1170 (s. Gilbert de Smet und Maurits Gysseling, Die Trierer Floyris-Bruchstücke, Studia Germanica Gandensia 9, 1967, S. 157-196; [5]). Bekanntheit des Stoffes bezeugen ferner Ulrich von Gutenburg († vor 1220), Leich Ib (Des Minnesangs Frühling unter Benutzung der Ausg. von Karl Lachmann u. a. bearb. von Hugo Moser und Helmut Tervooren, Stg. 361977, Bd. 1, S. 156); Carmina Burana 77.8, um 1220 (Carmina Burana ..., hg. von Alfons Hilka und Otto Schumann, Bd. 1,2, Hdbg. 1941, S. 53). Zu der um 1173 belegten Kenntnis in provençalischer Dichtung s. Adolf Birch-Hirschfeld, Über die den provenzalischen Troubadours des XII. und XIII. Jh. bekannten epischen Stoffe, Halle a. S. 1878, S. 30f.

Dem verlorenen Versroman soll die altfranzösische „Version I“ am nächsten stehen, die vom frühen 13. Jh. an überliefert ist ([6]; Le conte de F. et B., ed. J.-L. Leclanche, Paris 1980 [Les classiques franç. du moyen âge, Bd. 105]). Ausführlichere Fassungen des Erzählstoffs sind im 13. Jh. die altfranzösische „Version II“ (Floire et Blancheflor, seconde version, Ed. du ms. 19152 du fonds franç. par ... Margaret M. Pelan, Paris 1975 [Association des publ. près les Univ. de Strasbourg]), die mhd., welche Konrad Fleck zugeschrieben wird (Flore und Blanscheflur. Eine Erzählung von Konrad Fleck, hg. von Emil Sommer, Quedlinburg und Lpz. 1846 [Bibl. der gesammten dt. National-Lit. ..., Abt. I, Bd. 12]; Bruchstücke von Konrad Flecks F. und B., hg. von Carl H. Rischen, Hdbg. 1913 [German. Bibl., 3. Abt., 4]; Pe-

ter Ganz, Art. „Fleck, Konrad“, in: Verf.lex., Bd. 22 Sp. 744-747), und der von Diederic van Assende verfaßte Versroman „Floris ende Blancefloer“ (Ridderverhalen uit de middeleeuwen, Bd. 1: Frankische romans, hg. Johs. Adrianus Nelinus Knuttel, Amst. 1940 [Bibl. der Nederlandse Letteren, 8], S. 129-166; [8]).

Zu weiteren Fassungen und deren Ausgaben s. Hartmut Beckers, Art. „Flors inde Blanzeflors“, in: Verf.lex., Bd. 22 Sp. 760f.; ders., Art. „Flos vnde Blankeflos“, ebendort Sp. 761-764; ders., ,Flos und Blankflos‘ und ‚Von den sechs Farben‘ in mittelndt.-ostmitteldt. Mischsprache aus dem Weichselmündungsgebiet, Zs. für dt. Alt. und dt. Lit. 109, 1980, S. 129-146; Loek Geeraedts, Die Stockholmer Hs. cod. holm. Vu 73, Köln und Wien 1984 (Ndt. Stud., 32), S. 38-44, 207-243.

Andere volkssprachliche Bearbeitungen aus dem MA bezeugen Handschriften aus England (Floris and Blauncheflur, A middle Engl. romance, ed. Franciscus Catarina de Vries, Groningen 1966 [Diss. Utrecht 1966]), Skandinavien (Islendingasagnaútgáfan Riddarasögur, ed. Bjarni Vilhjálmsson, Bd. 4, Reykjavik 1954; Flores och Blanzeflor, hg. Emil Olson, Lund 1921 [Samlingar utgifna af svenska fornskrift-Sällskapet, 214]; [3]), Griechenland (Emmanuel Kriara [Hg.], Byzantinà Hippotikà Mythistorémata, Athen 1955, S. 131-196) und Italien („Il cantare di Fiorio e Biancofiore“, Nordital., 14. Jh.: [1]; [la]; Cantari del Trecento, ed. Armando Balduino, Mail. 1970, S. 37-70).

In der Neuzeit spielt die spanische Bearbeitung der „Version II“, gedruckt in Alcalá de Henares 1512 u. ö., eine Rolle (La hist. de los dos enamorados Flores y Blancaflor, ed. Adolfo Bonilla y San Martin, Madrid 1916 [Clásicos de la lit. esp.]), auch wegen der Übersetzungen ins Französische (L’hist. amoureuse de Flores et Blanchefleur s’amye, Paris 1554 u. ö.; eine Übers. durch Mme. Le Gendre de Richebourg, Paris 1735). -Diederics Fassung (s. oben) war Vorlage für die häufig aufgelegte niederländische Prosaversion (ed. princ. Antw. o. J. [um 1508/1528]; [2], mit Verz. weiterer Ausg. S. 61-81). Ausgaben der dänischen Fassung von „Version I“ wurden seit A. 16. Jh. gedruckt (ed. princ. Kop. o. J. [um 1504]; Ndr. der Ausg. Kop. 1509 ebendort 1910; zu weiteren Ausg. [3] S. 503-510).

Im 19. Jh. wurde der Stoff vor allem in Deutschland nacherzählt (möglicherweise als Folge der seit E. 18. Jh. erscheinenden Textausgaben).

Eine Bearbeitung in Gedichtform erschien 1822 in Berlin (Sophie von Knorring, Flore und Blanscheflur. Ein episches Gedicht in zwölf Gesängen, hg. ... von Aug. Wilh. Schlegel). Prosaversion: Ottmar F. H. Schönhuth in: Karl Simrock, Die dt. Volksbücher ..., gesammelt und in ihrer urspr. Echtheit wiederhergestellt, mit Holzschnitten, Bd. 6, Ffm. 1847, S. 279-321; selbständig erschienen: O.F. H. Schönhuth, Flos und Blankflos. Eine anmuthige und rührende Historie ..., Reutlingen 1849.

2. Grundzüge der Handlung

Beim Überfall des heidnischen Königs Felis (Fenis) von Spanien auf Galizien wird eine Christin gefangengenommen. Sie gewinnt das Vertrauen der Königin. Beide Frauen sind schwanger und gebären am selben Tag: die Königin einen Sohn F., die Gefangene eine Tochter B. Von klein auf sind die Kinder einander zugetan. Als sie, dem Kindesalter entwachsen, sich lieben, mißbilligt das Königspaar die Verbindung. Auf Vorschlag der Königin wird F. zum Studium nach Montoire an den Hof des Herzogs Joras geschickt, B. heimlich an babylonische Kaufleute verkauft, unter anderem für einen kostbaren Goldbecher, den Vulkan geschaffen hatte. Mit einem eigens errichteten Grabmal für B. täuschen die Eltern den heimkehrenden F., der sich daraufhin umzubringen versucht. Nachdem seine Mutter die Wahrheit gestanden hat, bricht F. auf, um B. zu suchen und erfährt schließlich, daß sie in Babylon als Gefangene des Emirs mit anderen Frauen in einem Turm lebe. Wenn der Emir eine Frau begehre, lasse er die Frauen in einen Baumgarten kommen, wo er eine auswähle. F. hört, daß die Wahl wohl auf B. fallen werde. Es gelingt F., durch eine von seinem Wirt Daries ersonnene List, den Turmwärter für sich zu gewinnen: Zunächst gibt sich F. als Vermesser aus, dann spielt er mit dem Wärter Schach und schenkt ihm den Goldbecher. In einem Korb mit Rosen versteckt gelangt F. schließlich in den Turm. Dort trifft er zunächst Gloris (Klaris), die engste Vertraute B., die jene holt. Drei Wochen lang können F. und B. unter der Obhut Gloris’ sich ihres Glückes erfreuen, dann werden sie vom Emir entdeckt. Er verurteilt beide zum Tod auf dem Scheiterhaufen. F. versucht erfolglos, B. den magischen Ring aufzudrängen, den ihm seine Mutter zur Bewahrung vor Unheil gegeben hatte. Beide bitten den Emir, als erste(r) sterben zu dürfen. Der ist gerührt von solcher Liebe, begnadigt sie und läßt sie heiraten. Als sie vom Tod König Felis’ erfahren, kehren sie nach Spanien zurück. F. läßt sich taufen und besteigt den Thron. Nach 35 glücklichen Ehejahren bringt B. eine Tochter zur Welt: Berta, die Mutter Karls d. Gr. Im Alter von 100 Jahren sterben F. und B. am selben Tag.

B. Boccaccio, „Il Filocolo“

Um 1335/1339 verfaßte Giov. Boccaccio die dann meistverbreitete Version des Stoffes: „Il Filocolo“ (auch „Filocopo“; erste Drucke Flor. [Joh. Petri] 1472 und Ven. [Gabriele und Filippo di Pietro] 1472; G.B., Opere minori in volgare, hg. Mario Marti, Bd. 1, Mail. 1969).

Boccaccio benutzte eine Vorlage, die der altfranzösischen „Version II“ nahestand, möglicherweise die „Cantare-Version“ (s. Sp. 1295). Er übernahm die Grundzüge der Erzählung, wandelte sie vielfach ab und bereicherte sie durch zahlreiche weitere Geschehnisse.

Im Jahr 1499 erschien bei Kaspar Hochfeder in Metz eine deutsche Übertragung unter dem Titel „Ein gar schon newe histori der hochen lieb des kuniglichen fursten Florio: vnnd seyner lieben Bianceffora ...“ (Ndr. Hdhm. und New York 1975; bis 1600 in Ffm., Strbg. und Prag mehrere Aufl.; H. Beckers und Walter Röll, Art. „Florio und Bianceffora“, in: Verf.lex. Bd. 22 Sp. 759f.).

Diese war Vorlage für eine tschech. Version (Floria z Hispanij, a geho milee panie Bianczeforze, Prag 1519; Ndr. Prag 1928), wohl auch für Hans Sachs, Ein comedi mit fünfftzehen personen, Florio, des königs son auß Hispania, mit der schön Bianceffora, 1551 (Hans Sachs, hg. von Adelbert von Keller, Bd. 8, Tüb. 1874 [Bibl. Lit. Ver., 121], S. 300-339). Zu jiddischen Prosaversionen aus dem 17. und 18. Jh. s. H. Beckers und W. Röll a. a. O. und Th. Friderichs, Zu „Flere Blankeflere“ in: Fragen des älteren Jiddisch. Kolloquium in Trier 1976, hg. von V. Herrmann, J. Müller und W. Röll, Trier 1977 (Trierer Beiträge, Sonderh. 2), S. 68-73.

Der ersten vollständigen Übersetzung des „Filocolo“ ins Französische durch Adrian Sevin (Le Philocope de Messire Jehan Boccace Florentin, Paris 1542 u. ö.) ging die des fünften Buches voraus (Jehan Boccacco, Treize elegantes demandes damours, Paris 1530). Nur dieses wurde ins Englische übersetzt (John Bocace, A pleasaunt disport of diuers Noble Personages, Ld. 1567 u. ö. [Ndr. Amst. und New York 1970]; John Bocace, Thirteen most pleasaunt and delectable questions, Ld. 1587).

Von Boccaccios „Filocolo“ abhängig ist Ludovico Dolce, L’amore di Florio e Biancifiore (Druck: Ven. 1532).

III. Bildliche Darstellungen

Illustrationen des Erzählstoffs sind in Handschriften seit der 2. H. 14. Jh. enthalten, in gedruckten Ausgaben seit 1478 verbreitet.

In Jean Renarts Roman „Galeran de Bretagne“ (1. V 13. Jh.) ist ein Bildteppich mit der Geschichte von F. und B. beschrieben (V. 516ff.; ed. Lucien Foulet, Paris 1925 [Les classiques franç. du moyen âge, Bd. 37]); dies läßt vermuten, es habe solche Darstellungen auf Wandteppichen, vielleicht auch in der Wandmalerei gegeben; bislang konnten dafür keine Beispiele nachgewiesen werden. Johann von Konstanz nannte in seiner „Minnelehre“ (um 1300) als Teil der Bekleidung von Frau Minne einen Fürspan („fúrspang“) mit Darstellungen der Liebespaare F. und B. sowie Willehalm und Amelie (V 697-704; J. von Konstanz, Die Minnelehre, hg. Frederic Elmore Sweet, Paris 1934, S. 29f.); zum möglichen Aussehen eines solchen Stückes vgl. RDK I Sp. 217 Abb. 1.

A. Illustrationen in Handschriften

1. Die älteste bekannte ill. Hs. ist ms. fr. 1447 der Bibl. nat. in Paris (2. H. 14. Jh. [?], „Version I“) mit einem einzigen Bild am Textbeginn (fol. 1r; Abb. 1): die Übergabe der Gefangenen an den König.

2. Im 2. V. 15. Jh. entstand in der Werkstatt des Diebold Lauber in Hagenau eine mit kolorierten Federzeichnungen ausgestattete Hs. mit dem Text Konrad Flecks (Heidelberg, Univ.bibl., cod. Pal. germ. 362). Der Vorrede auf fol. 2r geht eine Zeichnung voraus: F. mit drei Begleitern, die auf eine Stadt zureiten (fol. 1v; Beschr. Verz. Hdbg. S. 34 Abb. 31). Jedem der 35 Kapitel steht dann ein Bild voran:

Frauen und Ritter in einem Baumgarten (fol. 6r; Rahmenhandlung); Soldaten König Felis’ zu Schiff (fol. 12r); die beiden Mütter mit den Neugeborenen (fol. 18r; [7] Abb. 3); der empörte König mit Gemahlin und Liebespaar (fol. 26r); Abschied von F. und B. (fol. 35r); F. kommt zum Herzogspaar von Montoire (fol. 40r); B. mit Kaufleuten zu Schiff (fol. 48r; ebd. Abb. 4); das Königspaar und ein an der Grabplatte für B. arbeitender Steinmetz (fol. 54r; ebd. Abb. 5); F. erfährt durch das Königspaar vom vorgeblichen Tod B. (fol. 60r); die Königin bedrängt ihren Mann, F. die Wahrheit sagen zu dürfen (fol. 68r); F. bittet den König, B. suchen zu dürfen (fol. 73v); Aufbruch des als Kaufmann verkleideten F. (fol. 79v); F. und ein Wirtsehepaar an gedecktem Tisch (fol. 83v); F. mit Dienern zu Schiff (fol. 89r); F. reitet mit Begleitern auf Babylon zu (fol. 94v); F. und der Brückenwärter (fol. 99r); F. und ein Wirtsehepaar, auf dem gedeckten Tisch ein Pokal mit dem Bild eines Liebespaares (fol. 105r; Abb. 3); B. blickt aus einem Turmfenster (fol. 114r); Daries zeigt F. den Turm, an dessen Fenster B. zu sehen ist (fol. 122r); F. mißt den Turm aus (fol. 130r; ebd. Abb. 6); F. und der Turmwärter (fol. 133v); F. und der Turmwärter beim Schachspiel (fol. 135r; ebd. Abb. 7); F. und der Turmwärter, dieser mit dem Goldbecher (fol. 137r); F. vertraut sich dem Turmwärter an (fol. 141v); F. zeigt dem Turmwärter die zur Tarnung von F. beschaffte Kleidung (fol. 145v); zwei Männer tragen den Rosenkorb mit F. zum Turm (fol. 147r; ebd. Abb. 8); Klaris am Bett des Emir (fol. 164r); der Emir und sein Kammerherr am Turm (fol. 166v); der Emir steht mit Dienern am Bett von F. und B. (fol. 168v); der Emir hält über F. und B. Gericht (fol. 173v); F. versucht B. den Ring zu geben (fol. 178r); F. und B. vor dem Scheiterhaufen (fol. 185v; ebd. Abb. 9); F. und B. knien vor dem Emir (fol. 189v); F. und B. empfangen durch einen Boten die Nachricht vom Tod König Felis’ (fol. 201v); F. wird gekrönt (fol. 204v).

In einer zweiten, etwa zeitgleichen Hs. desselben Textes aus der Werkstatt Diebold Laubers ließ man zwar Platz für Ill., führte sie aber nicht aus (Berlin, St.bibl. Preuß. Kulturbes., ms. germ. fol. 18).

3. Vier der erhaltenen oberital. Hss. von Boccaccios „Filocolo“ aus dem 15. Jh. sind bebildert. Wie im Text begleiten auch in den Bildern Gestalten aus der Mythologie die Handelnden.

a. Zwei Hss. haben am Beginn der Bücher historisierte Initialen.

Die Hs. der Bibl. Marciana in Venedig, cod. Marc. it. X. 31, dat. 1429, enthält Initialen zu Buch II bis V sowie zwei zusätzliche in Buch IV [7, Abb. 21-24]: fol. 15v (Amor bei F. und B., Buch II), fol. 42r (F. auf dem Weg nach Montorio, Buch III), fol. 70v (F. im Schiff, Buch IV), fol. 101v (F. und B. im Bett), fol. 106v (F. und B. am Scheiterhaufen), fol. 111r (Heimkehr von F. und B., Buch V).

Die 1462 dat. Hs. C. 199 Inf. aus Treviso (Mailand, Bibl. Ambrosiana) zeigt auf fol. 2r F. und B. als Wickelkinder (Buch I); die Bilder zu den übrigen Büchern stimmen in der Themenwahl mit der Hs. in Venedig überein, weichen in den Darstellungen jedoch ab: fol. 20v (Amor bei F. und B), fol. 54r (F. verabschiedet sich von König Fenis), fol. 91v (F. auf der Suche nach B.) und fol. 150v (F. verläßt Babylon; ebd. Abb. 25-27).

b. Im Ms. Canonici ital. 85 der Bodleian Libr. in Oxford, aus Ferrara oder Mantua, 1463-1464, ist jedem Buch eine Miniatur vorangestellt (A. G. und William Owen Hassall, Treasures from the Bodleian Libr., Ld. 1976, S. 133-137; [7] Abb. 28-30).

Zu Buch I wird auf die Rahmenerzählung angespielt: Als Urheber der Herrschaft des Hauses Anjou, dem Maria d’Aquino angehört (ihr ist der „Filocolo“ zugeeignet), sind Juno im Pfauenwagen und Papst Clemens IV. wiedergegeben (fol. lr). Die Miniatur zu Buch II zeigt Venus und Amor (fol. 25r; Abb. 4), die zu Buch III F. mit Falken (fol. 67r), zu Buch IV F. mit Gefolge beim Aufbruch (fol. 114v) und zu Buch V die Abreise aus Babylon (fol. 190v).

c. Ungewöhnlich reich bebildert ist Ms. 2° poet. 3 der Gesamthochschulbibl., L.bibl. und Murhardschen Bibl. der Stadt Kassel, 15. Jh., mit 209 dem Text inserierten Illustrationen (Abb. 2) und zwei Initialen mit Autorenbildern (fol. lr und 209v); die Textanfänge der Bücher II bis V sind durch besonders reich ornamentierte Initialen hervorgehoben (Gustav Struck, Hss.schätze der L.bibl. Kassel, in: Die L. bibl. Kassel 1580-1930, hg. von Wilh. Hopf, Marburg a. d. L. 1930, S. 110-116, Taf. 17; [7] S. 46-63, Abb. 10-20).

B. Druckgraphik

Am reichsten bebildert sind Drucke von Boccaccios „Filocolo“. Die Illustration von Ausgaben anderer Bearbeitungen des Stoffs setzte nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand wenig später ein und ist zum Teil von jener abhängig.

1. Ausgaben von Boccaccio, „Il Filocolo“

a. Dem Text der 1478 von Sixtus Rießinger in Neapel gedruckten Ausgabe (Hain-Reichling 3299) sind vierzig Holzschnitte inseriert, hinzu kommt im Kolophon das Druckerwappen ([7] Abb. 31-34; [4] S. 193 Nr. 1092, [4a] Abb. 818-822; dazu Ferd. Geldner, Die dt. Inkunabeldrucker, Bd. 2, Stg. 1970, S. 127, Abb. 46; Abb. 5).

Jedes der fünf Bücher beginnt mit einem Bild; die übrigen Bilder sind unregelmäßig verteilt. Zweimal enthält eine Darstellung Motive aus aufeinanderfolgenden Kapiteln (Holzschnitt auf Bl. 15r und auf Bl. 23v).

b. Deutsche Ausgaben.

Die von Kaspar Hochfeder ein Jahr nach seiner Übersiedlung aus Nürnberg 1499 in Metz veranstaltete Ausg. (Hain 7190; s. Sp. 1297) enthält, von 94 Stöcken gedruckt, 100 Holzschnitte, die Nürnberger Einfluß zeigen (so F. Geldner a. a. O. Bd. 1, Stg. 1968, S. 261; Abb. 6; die 1500 erschienene zweite Aufl. [Hain 7191] hat vier Holzschnitte weniger: [7] S. 244-282, Abb. 35-37]).

Nahezu regelmäßig sind mehrere Szenen in einem Bild vereinigt. Zwischen Titel und Prolog ist ein Holzschnitt eingefügt: F. bringt B., der er das Leben gerettet hat, an den Hof König Fenis’, gibt sich aber nicht zu erkennen; dieser Holzschnitt kommt an entsprechender Stelle im Text ein zweites Mal vor.

Die Holzstöcke wurden andernorts wiederverwendet, die Darstellungen schon früh kopiert. Für die Straßburger Ausg. von 1530 wurden 66 Holzstöcke benutzt. Dem Titel folgt als erstes, später wiederholtes Bild die Überreichung des (ohne ihr Wissen vergifteten) Pfaus durch B. an den König. - Kopien von 59 jener Holzschnitte, dazu zwei andere Darstellungen enthält die 1519 in Prag erschienene tschech. Ausg. (ebd. S. 283f., Abb. 38-40).

Die Ausg. Ffm. 1565 bietet sogar 165 Holzschnitte, jedoch von nur 61 Druckstöcken. In wenigen Fällen ist auch hier kontinuierende Darstellung gewählt (ebd. S. 244-282, Abb. 41f. und 56). - Die Erzählung von F. und B., mit 63 Holzschnitten illustriert (Abb. 8; ebd. S. 244-282, Abb. 43f.), ist Teil des umfangreicheren Werkes „Buch der Liebe ...“, Ffm. 1587 (Bl. 118v-179r).

Die meisten Bilder sind Wiederholungen von in voranstehenden Teilen des Buches benutzten Holzschnitten; drei waren bereits zur Illustration des von 1569-1575 ebendort erschienenen „Amadis“ verwendet worden (Thomas Veitschegger, Das ‚Buch der Liebe‘ [1587]. Ein Beitrag zur Buch- und Verlagsgesch. des 16. Jh., Hbg. 1991 [Diss. Göttingen 1991]).

c. Die in Paris 1542 erschienene französische Übersetzung des „Filocolo“ (s. Sp. 1297) enthält 36 Holzschnitte von 15 Bildstöcken; von den reichen Rahmen trägt der auf Bl. 39v die Jahreszahl 1520 (Zweitverwendung [?]; [7] S. 286-294, Abb. 45f.).

2. Lodovico Dolce

Die Ausgabe der Dichtung von Lodovico Dolce (s. Sp. 1297) trägt als Titelbild einen Holzschnitt: eine Frau beklagt den Tod eines Ritters (Bl. 1r; [4] S. 193 Nr. 2451).

3. „Cantare“-Version

Für die Bebilderung des Texts (zu diesem s. Sp. 1295) griff man in vielen Fällen auf Illustrationen des „Filocolo“ zurück, so in der Ausg. Neapel 1481 (Hain-Reichling 520; [4] S. 492 Nr. 2810) auf die 1478 dort erschienene (s. Sp. 1300).

Die Darstellung der Abreise von F. zur Suche nach B. (Bl. 22r) ist eine Kopie, die auf Bl. 1r stehende - F. mit einer Blume und B. mit einem von einem Pfeil durchbohrten Herzen in der Hand - ist wohl durch die entsprechende Darstellung in der „Filocolo“-Ausg. angeregt worden.

Nach dieser kopiert sind die acht Bilder in zwei o. O. und J. - in Rom um 1500 - erschienenen Ausg. (ebd. S. 492f. Nr. 2812f.): Amor und Venus mit B., deren Herz von einem Pfeil getroffen ist, und F., welcher in der Rechten Blumen und in der Linken ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz hält (Abb. 7); F. rettet B. vor dem Seneschall; B. wird auf ein Schiff geleitet; F. betritt ein Schiff ([4a] Abb. 787f.); der Wirt zeigt F. den Turm, in dessen Fenster B. zu sehen ist; der Emir am Bett von F. und B.; F. und B. auf dem Scheiterhaufen; der dritte Holzschnitt - B. auf dem Weg ins Schiff - ist wiederholt als Bild zur Heimreise von F. und B. Gleiche Bebilderung zeigt die Ausg. o. O. und J. (Rom, vor September 1515; [4] S. 493 Nr. 2814).

Bei den weitaus meisten Ausgaben mit nur einer Ill. vor Textbeginn oder als Titelbild ist dargestellt, wie F. im Rosenkorb den Turm hinaufgezogen wird:

Ausg. o. O. und J. (Flor. um 1500; Paul Kristeller, Early Florentine woodcuts, with an annotated list of Florentine illustrated books, Ld. 1897 [Ndr. 1968], S. 22 Nr. 65 a; [4] S. 493 Nr. 2816; weitere in Florenz bis 1612 erschienene Ausg. mit gleicher Darstellung: P. Kristeller a. a. O. Nr. 65 b-d, f; letztere identisch mit [1 a] S. 43, h; außerdem [4] S. 493 Nr. 2815), o. O. und J. (Ven. um 1530; Prince d’Essling T. 2 S. 397 Nr. 2075 und Abb. S. 395; [4] S. 494 Nr. 2819), Ven. 1557 (ebd. S. 494 Nr. 2820, [4 a] Abb. 472), o. O. und J. (Prince d’Essling a. a. O. S. 397 Nr. 2076 und Abb. S. 396; [4] S. 494 Nr. 2821, [4 a] Abb. 472), o. O. und J. ([1 a] S. 46 n; [4] S. 494 Nr. 2822), Siena 1606 ([1 a] S. 43 g; P. Kristeller a. a. O. Nr. 65 e).

Der dem Text vorangestellte Holzschnitt der Ausg. Mail. 1505 zeigt B. mit dem gefesselten F., beide von Amors Pfeil getroffen, begleitet von zwei Musikanten ([4] S. 494f. Nr. 2818; Caterina Santoro, Libri illustrati milanesi del rinascimento, Mail. 1956 Nr. 92, Abb. S. 108).

Weitere Ausgaben mit nur einer Ill. verzeichnen: [la] S. 41-47; [4] S. 494.

4. Ausg. mit dänischem Text

Die Holzschnitte am Beginn der Ausgaben mit dänischem Text (s. Sp. 1295) schildern mehrere unterschiedliche Begebenheiten (s. [3] S. 503-510).

F. mit zwei Falken auf der Linken, B. und Gloris („Clares“; Kop. 1504 und 1509, von dieser Ndr. 1910; [7] Abb. 55); Rückkehr von F. und B. (o. O. - wohl Lübeck - 1605; Wiederholung eines Holzschnitts der dt. „Filocolo-Ausg. Ffm. 1565; s. Sp. 1301); Liebespaar vor einer Stadt (Kop. 1695).

5. Span. Texte

Auch die spanischen Drucke der Erzählung tragen lediglich auf der Titelseite Ill. Dargestellt sind entweder Damen und Ritter oder ein Liebespaar, in einigen Fällen von einem Mann mit Gitarre begleitet.

Beisp.: Alcalá de Henares 1512; o. O. 1562 (Burgos 21564); Alcalá de Henares 1604; Sevilla 1676; Madrid 1704; Cordoba o. J. (um M. 18. Jh.); Madrid 1800 und 1813; o. O. 1846.

6. Niederl. Prosaversionen

Die vom frühen 16. Jh. an gedruckten niederländischen Prosaversionen (s. Sp. 1295) enthalten selten mehr als zehn, nicht immer für die betreffende Ausgabe angefertigte Holzschnitte (hierzu s. [2] S. 61-81, die im folgenden angegebenen Beisp. nach ebd.).

Beisp.: Antw. o. J. (um 1508/28); Amst. 1642 [7, Abb. 47]; Antw. o. J. (um 1660); Dordrecht 1686; Amst. o. J. (A. 18. Jh.; ebd. Abb. 49), 1718 und o. J. (1. H. 18. Jh.); Utrecht 1750 (Titelbl.: Ian Ten Brink, Geschiedenis der Nederl. Letterkde., Amst. 1897, S. 117); Amst. 1756, 1772 [7, Abb. 50], 1773 und 1779; Dordrecht 1770 (ebd. Abb. 51); Deventer 1780; Gent o. J. (um 1767/1800); Amst. 1794, 1800, 1804, 1817 (ebd. Abb. 53) und 1827; Groningen o. J. (A. 19. Jh.; ebd. Abb. 54); Deventer o. J. (A. 19. Jh.).

7. Dt. Prosaversionen

Mit nur wenigen Holzschnitten versah man die Ausgaben der aus Interesse an sogenannten ma. Volksbüchern verfaßten deutschen Prosaversionen aus dem 19. Jh.

Zum Text O. F. H. Schönhuths (s. Sp. 1295) aus dem Jahr 1847 ist der Abschied von F. und B. (S. 285), F. in einem Gasthaus (S. 295) und die Vermählung von F. und B. (S. 319) wiedergegeben. Die Buchausgabe von 1849 enthält als Titelbild die Vermählung von F. und B. (Abb. 9); ferner: Krieg des Königs Fenis gegen Galizien (S. 4), F. begibt sich auf die Suche nach B. (S. 16), F. und Begleiter zu Schiff (S. 18). F. und der Turmwärter (S. 29), Vermählung von F. und B. (S. 44, Wiederholung), Turnier (S. 45), F. und B. reiten nach Spanien zurück (S. 46).

Zu den Abbildungen

1. Übergabe der gefangenen Mutter B. an König Felis. Paris, Bibl. nat., ms. fr. 1447, fol. 1r. Frankreich, 2. H. 14. Jh. Foto Bibl.

2. F. am Grabmal von B. Kassel, Gesamthochschulbibl., L.bibl. und Murhardsche Bibl., Ms. 2° poet. 3, fol. 97v. N-Ital., 1. H. 15. Jh. Foto Bibl.

3. F. und Wirtsehepaar. Heidelberg, Univ.bibl., cod. Pal.

germ. 362, fol. 105r. Werkstatt des Diebold Lauber, Hagenau, 2. V. 15. Jh. Foto Bibl.

4. Amor und Venus. Oxford, Ms. Canonici ital. 85, fol. 85r. Ferrara oder Mantua, 1463-1464. Nach A. G. und W. O. Hassall a. a. O. (Sp. 1300) Taf. 31.

5. F. umarmt den Turm. Holzschnitt in G. Boccaccio, Il Filocolo, Neapel (S. Rießinger) 1478, Bl. 155r. Foto Zürich, Zentralbibl.

6. Amor und Venus mit F. und B. Holzschnitt in: Florio e Biancofiore, o. O. und J. (Rom um 1500), dem Text vorangestellt. Nach [4 a] Abb. 786.

7. F., im Rosenkorb versteckt, wird den Turm hinaufgezogen. Holzschnitt in: Ein gar schone newe histori der hochen lieb des kuniglichen fursten Florio: vnnd seyner lieben Blanceffora ..., Metz (K. Hochfeder) 1499, Bl. 99r. Nach dem Ndr.

8. Der Emir am Bett von F. und B. Holzschnitt in: Buch der Liebe, Ffm. 1587, Bl. 786. Foto Hzg. August Bibl. Wolfenbüttel.

9. Vermählung von F. und B. Titelholzschnitt in O. F. H. Schönhuth a. a. O. (Sp. 1295). Foto Univ.bibl. Frbg.

Literatur

1. Il Cantare Fiorio e Biancifiore, ed. Vincenzo Crescini, Bd. 1, Bol. 1889 (Scelta di curiosità letterarie inedite o rare dal sec. XIII al XIX, Bd. 233). - la. Dgl. Bd. 2, Bol. 1899 (Scelta ..., Bd. 249). - 2. De historie van Floris ende Blancefleur, naar den Amsterdamschen druk van Ot Barentsz, smient uit het jaar 1642, hg. G. J. Boekenoogen, Leiden 1903 (Nederlandsche Volksboeken, 2). - 3. Jorgen Olrik, Flores og Blanseflor, Persenober og Konstantianobis, Dvoergekongen Lavrin, Kop. 1925 (Danske Folkeboger fra 16. og 17. Aarhundrede, 6), S. 3-76. - 4. Max Sander, Le livre à figures italien depuis 1467 jusqu’à 1530, Mail. 1940 (Ndr. Nendeln 1969), Bd. 1. - 4 a. Dgl. Bd. 6. - 5. J. H. Winkelman, Die Brückenpächter- und die Turmwächterszene im ‚Trierer Floyris‘ und in der ‚Version Aristocratique‘ des altfranz. Florisromans, Leiden 1977. - 6. J.-L. Leclanche, Contribution à l’étude de la transmission des plus anciennes œuvres roman. franç., un cas privilégé: F. et B., Bd. 1-2, Lille 1980 (Diss. Paris 1977). - 7. Verena Schäfer, Flore und B., Epos und Volksb., Textversionen und die verschiedenen Ill. bis ins 19. Jh. Ein Beitrag zur Gesch. der Ill., Mchn. 1984 (tuduv-Stud., R. Kg., Bd. 12). - 8. J. H. Winkelman, Diederic van Assenede en zijn Oudfranse bron: de Floire et Blancheflor (Version Aristocratique), De Nieuwe Taalgids 77, 1984, S. 214-231. - 9. Ders., Eschatologie als dieptestructuur. Over oorsprong en interpretatie van de Oudfranse Florisroman en zijn Middelnederlandse bewerkingen, in: De Studie von de Middelnederlandse letterkunde; stand en toekomst ..., Hilversum 1989, S. 135-152. - 10. Ders., Art. „Floris & Blanchefleur“, in: Van Aiol tot de Zwaanridder. Personages uit de middeleeuwse verhaalkunst en hun voortleven in literatuur, theater en beeldende k., Nimwegen 1993, S. 132-137.