Demokrit und Heraklit

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englisch: Democritus and Heraclitus; französisch: Démocrite et Héraclite; italienisch: Democrito e Eraclito.


Lieselotte Möller (1954)

RDK III, 1244–1251


RDK III, 1245, Abb. 1. Rubens, 1603, Madrid.
RDK III, 1245, Abb. 2. Rubens, 1603, Madrid.
RDK III, 1247, Abb. 3. J. Th. und J. I. de Bry, 1596.
RDK III, 1249, Abb. 4. Gottfr. Bernh. Göz, um 1740.

(D. = Demokrit, H. = Heraklit.)

I. Antike literarische Quellen und neuere Literatur

Demokrit von Abdera (um 460/59–371/70), der die Atomenlehre erdachte, erscheint als der lachende Philosoph in der antiken Literatur zuerst bei Cicero (De oratore II, 235) und bei Horaz (Epist. II, 1, 194); die Rolle des Gegenspielers, des weinenden Philosophen, wird – frühest nachweisbar bei Sotion, Senecas Lehrer – Heraklit von Ephesus (ca. 544–483) zugeteilt, dem „Dunklen“, der den Kampf für den Vater aller Dinge erklärte. Für die Auffassung des D.- und H.-Themas in nachantiker Zeit ist Dantes Kennzeichnung des Abderiten („che ’l mondo al caso pone“), die Ausdeutung von Juvenals Satire X, 28 durch die Moralisten des 16. Jh. sowie die geistliche Erbauungsliteratur des 17. Jh. vor allem bestimmend gewesen. Die klassische Abhandlung über die Darstellungen des D. und H. schrieb W. Weisbach [1]; die wichtigsten Bilder sind dort zusammengetragen.

II. Übersicht über die Entwicklung der Darstellung; deutsche Beispiele

Humanistisch gebildete Künstler der italienischen Frührenaissance begannen mit der bildlichen Darstellung des literarisch gegebenen antiken Themas; Spanier und Niederländer gewannen ihm mit mannigfaltiger Auslegung das Beste ab; die Deutschen haben – wie die Franzosen und die späteren Italiener – wenig Lust zur bildlichen Wiedergabe dieses Vorwurfs gezeigt, an dem jene ihren barocken Humor erprobten. Das früheste D.- und H.-Bild, von dem wir wissen, befand sich in M. Ficinos „Gymnasium“ ([6] S. 58; [7] S. 205). Es stellte die Weltkugel dar und auf der einen Seite derselben den lachenden D., auf der andern den weinenden H. Die entschiedene Ausbildung des Kontrastmotivs und die ausdrucksmäßige Durchbildung der beiden Philosophenfiguren erfolgte durch spanische und niederländische Maler der „caravaggesken“ Richtung in den ersten Jahrzehnten des 17. Jh. Das wichtigste Zeugnis dieser frühbarocken Auffassung ist das in Spanien gemalte (später zerschnittene) D.- und H.-Bild P. P. Rubens’ von 1603 (Abb. 1 und 2). Die spanischen Philosophenbilder (z. B. von Ribera und Velazquez) erhielten durch die spanische Vorliebe für Bettler und Narren, deren Züge dem Abderiten verliehen wurden, ihr eigenes Gepräge. In den Niederlanden folgten auf die frühbarocken D.- und H.-Bilder, in denen der Gegensatz zwischen den beiden Philosophen betont und der physiognomische Ausdruck übersteigert ist, seit dem 5. Jahrzehnt 17. Jh. solche, die den lachenden und den weinenden Weisen versöhnt miteinander über die Weltkugel gebeugt zeigen (vgl. Jordaens und K. van der Pluym, [1] Abb. 11 und 12).

Die älteste deutsche Darstellung von D. und H. findet sich in Seb. Brants „Stultifera Navis“, Basel 1497; einen Nachschnitt mit berichtigter Inschrift gibt die Baseler Ausgabe von 1506 wieder. Erasmus’ von Rotterdam Ausgabe der Werke des hl. Ambrosius (1527) enthält eine von einem Künstler aus Holbeins Kreise entworfene Initiale T mit D. und H. [2, Fig. a]. J. Th. und J. I. de Bry benutzten für D. und H. auf Blatt I ihrer „Emblemata Saecularia“, Frankfurt 1596 (Abb. 3), eine Erfindung von Heemskerck (vgl. Kerrich, S. 117). In Sandrarts Teutscher Academie (Nürnberg 1675, S. 51/2, Taf. H und I) treten H. und D. in der Philosophenreihe auf, doch in den beigegebenen Versen kommt das Kontrastmotiv, moralisch ausgelegt, zur Sprache. Zwei E. 17. Jh. entstandene Elfenbeinreliefs in Braunschweig (Kat. Scherer Nr. 247/8) gehören zu einer Zwölferfolge mit Kaisern, Entdeckern und Reformatoren (nach Schweiggers sogenannter Reformatoren-Serie). Ein kleines, dem Monogrammisten H. E. zugeschriebenes Elfenbeinrelief des 18. Jh. (Scherer Nr. 319, Tafel 52) zeigt das Brustbild D.; in Frankfurt befinden sich zwei D. und H. benannte Hochreliefs aus Speckstein und Holz, 18. Jh. Januarius Zick stellte D. als einen heiter-besinnlichen Gelehrten dar, auf die starken Ausdrucksmomente der barocken Bilder verzichtend. In G. B. Göz’ D.-Darstellung (Abb. 4) führen Militärpersonen das Theater der Welt vor, worüber der Abderit lacht; der Globus und das Buch „Astronomia“ indessen kennzeichnen den Philosophen als einen in größere Zusammenhänge Eingeweihten.

III. Darstellungsformen; der "Typus" D. und H.; Attribute; ikonographische Verbindungen

D. und H. werden entweder in einem Bilde – häufig nach dem alten Muster des Philosophendialogs – zusammen dargestellt, oder sie treten in zwei Einzelbildern auf, welche als Gegenstücke entworfen sind. Das Geläufige für diesen Vorwurf ist das Halbfigurenbild, doch begegnen die beiden Philosophen – vornehmlich in den älteren Darstellungen – auch als ganze Figuren in einer Landschaft oder an einem Tische. – Zwei Beispiele von Wand- bzw. Fassadenbildern dieses Themas sind bekannt (Bramante; Cornelis Ketel, [1] S. 145 und 147); am häufigsten kommt der Vorwurf auf Tafelbildern und graphischen Blättern vor; an plastischen Darstellungen sind lediglich die oben erwähnten Elfenbeinreliefs zu verzeichnen. – Der H.-Typus ist bestimmter festgelegt als der D.-Typus. H. ist in der Regel als bärtiger älterer Mann mit kahlem Haupte wiedergegeben, der weinend mit Trauergebärde den Kopf auf die Hand stützt oder in Verzweiflung die Hände ringt. Der Typus des Abderiten hingegen wechselt sehr; manche Künstler stellen ihn alt und bärtig, einige in mittleren Jahren, andere aber auch ganz jugendlich vor. Als deutlichstes Kennzeichen hat das demokritische Lachen zu gelten – wenn von der paradoxen Lösung abgesehen wird, die Salvator Rosa gibt [1, S. 150] – ein Lachen, das vom heiteren oder ironischen Lächeln bis zum lauten Gelächter alle Grade durchläuft. – Als Attribut ist D. und H. die Kugel beigegeben, welche die Welt, den Gegenstand ihrer Betrachtung, versinnbildlicht. Dank den verschiedenen Bedeutungen, welche im 16. und 17. Jh. in dem Kugelsymbol entdeckt wurden [8], ist dieses Attribut dienlich, sowohl über die allgemein als auch über die subjektiv bestimmten Wandlungen in der Auffassung des D.- und H.-Themas des öfteren genauere Auskunft zu geben. In manchen der älteren Darstellungen wird die Kugel nur Demokrit zugeteilt, oder vornehmlich er wird zu ihr in Beziehung gesetzt. Je entschiedener der Gedanke an die Eitelkeit der Welt, über die D. lacht und H. weint, in den Vordergrund tritt, desto gewichtiger erscheint die Kugel im Bilde, und beide Philosophen belegen sie gleichermaßen mit Beschlag. Im 17. Jh. neigte sich die Waage nachdrücklich zugunsten des (christianus) D. Ter Brugghen ordnete H. die Erd-, D. aber die Himmelskugel zu [1, Abb. 6, 7]. Die Kugel, welche D. und H. gemeinsam beigegeben ist, ist in dieser Zeit meist deutlich als (Weltkarten-)Globus charakterisiert. Die helle Seite beherrscht D., die dunkle H. In einigen Bildern des 17. Jh. überläßt der humorvolle Sieger seinem düsteren Genossen den vanitären Globus [4], seine Schwere darauf zu stützen (vgl. [1] Abb. 11 u. 12). Wegen der ungewöhnlichen Auffassung des D. und im Hinblick auf die Bedeutung des Kugelattributs kommt Cornelis Cornelisz’ D.- und H.-Bild (1613) eine Sonderstellung zu. Cornelis malte den lachenden Philosophen in einer Haltung, welche derjenigen des Schmerzensmannes ähnelt [2]; die durchsichtige Kugel vor ihm stimmt in der Form zwar mit dem Attribut Christi überein, das schief stehende Kreuz indessen kennzeichnet sie als Symbol der eitlen Welt. Die närrische Verfassung der Welt ist bei Heemskerck und de Bry (Abb. 3) durch eine über die Kugel gebreitete Narrenkappe angezeigt. In die Kugel eingeschlossen erscheinen D. und H., jeder mit seiner Kugel in der Hand, auf dem Titelblatt zu J. H. Kruls „Pampiere Welt“, Amsterdam 1644. Sie vertreten dort, wie auch sonst auf Titelblättern und in Versen, die heitere und die ernste Dichtungsart. (Auch der Kontrast der musikalischen Modi Dur und Moll wurde von Giacomo Carissimi um 1640 zum ersten Male beispielhaft vorgeführt an einer rondo-cantata „D. und H.“ [3]).

Mit einem Glase Wein in der Hand stellt Jan van Bylert D. dar. Es ist fraglich, ob dieses Attribut D. als Lebensgenießer kennzeichnen soll (vgl. [1] S. 152); E. Wind [2] vermutet in dieser Figur, welche in Gestalt und Gebärde an den Typus des Täufers erinnert, christliche Anspielungen. An dem Weinglas und der Kugel mit einer Landschaft im Innern [8] gibt sich auch Velazquez’ lächelnder Bettler (Les Arts Nr. 44, 1905, S. 11) als D. zu erkennen. Narrentracht trägt D. auf einem Stich des Barth. Dolendo. Knipping [5] nennt eine Darstellung, worin D. über die Hauptsünden lacht und H. über sie weint.

Für „portraits moralisés“ ist vornehmlich der lachende Philosoph in Anspruch genommen worden (Selbstbildnis C. Ketels als D. in einem verschollenen D.- und H.-Bilde; Velazquez: ein Hofnarr als D., [1] Abb. 1). Auch das Kölner Selbstbildnis Rembrandts ist ein portrait moralisé und als „Rembrandt-Democritus“ aufzufassen [9].

Bei der Einordnung D. und H. in Philosophen- (Sandrart, Academie, [1] S. 143) oder sonstige Folgen (vgl. die oben erwähnten Reliefs, Scherer Nr. 247/8) können an manchen Beispielen die aus der Gegenüberstellung des lachenden und des weinenden Philosophen gewonnenen Merkmale gleichfalls beobachtet werden.

An bildlich dargestellten Begegnungen zwischen D. oder H. und anderen Philosophen oder Gelehrten verdient außer der Zusammenstellung H. und Diogenes [1, S. 143] und D. und Protagoras ([1] S. 150; vgl. auch Larousse, Grand Dictionnaire Universel Bd. VI, Paris o. J., S. 409) die in der holländischen Malerei des 17. Jh. vorkommende Schilderung des Besuchs des Hippokrates bei D. besondere Erwähnung (Wolfg. Stechow, Zwei Darstellungen aus Hippokrates in der holländischen Malerei, Oudheidkundig Jaarboek 4, 1924, 34–38; ferner C. Hofstede de Groot in: Nederlandsche Tijdschrift voor Geneeskunde 69, 1925, Nr. 1). Die Abderiten hatten den berühmten Arzt herbeigerufen, damit er die vermeintliche Verrücktheit des in anatomische Studien vertieften Philosophen heile. Die unmittelbare Anregung zu den Bildern der Berchem, Moeyart, Lastman, Backer wird ein 1603 veröffentlichtes Drama von Venator gegeben haben (J. B. F. van Gils in: Nederlandsche Tijdschrift voor Geneeskunde 69, 1925, Nr. 10), welches seinerseits auf einen Absatz in den apokryphen Hippokrates-Briefen (s. Genfer lat. Ausg. von 1657, II, 1279) zurückgeht.

Zu den Abbildungen

1. Peter Paul Rubens, Demokrit. Öl auf Leinwand. Madrid, Prado. 1603. Phot. Hanfstaengl, München.

2. Peter Paul Rubens, Heraklit. Öl auf Leinwand. Madrid, Prado. 1603. Phot. Hanfstaengl, München.

3. Joh. Theodor und Joh. Israel de Bry, Emblemata saecularia, Frankfurt a. M. 1596, Abb. 1, nach M. van Heemskerck. Kupferstich. Phot. Mus. f. K. u. Gewerbe, Hamburg.

4. Gottfr. Bernh. Göz (1708–74), Democrytus. Kupferstich, gest. v. B. S. Setletzky, Verlag v. Joh. Gg. Hertel, Augsburg (vgl. Kat. Orn. Stich Slg. Berlin Nr. 126, 2). Um 1740. Phot. Mus. f. K. u. Gewerbe, Hamburg.

Literatur

1. Werner Weisbach, Der sogenannte Geograph von Velazquez und die Darstellungen des Demokrit und Heraklit, Jb. d. preuß. K.slgn. 49, 1928, 141–58. – 2. Edgar Wind, The Christian Democritus, Journal of the Warburg Institute 1, 1937/38, 180–82. – 3. Alfr. Einstein, Some Musical Representations of the Temperaments: 1) Democritus and Heraclitus: a Duet in Major and Minor; 2) The Melancholicus in Instrumental Music. Ebd. 177–80. – 4. H. Rudolph, „Vanitas“. Die Bedeutung m.a. und humanistischer Bildinhalte in der niederländischen Malerei des 17. Jh., Festschrift f. Wilh. Pinder, Leipzig 1938, 405–33. – 5. B. Knipping, Iconografie van de Contra-reformatie in de Nederlanden I, Hilversum 1939, S. 37 Anm. 2 und S. 122f. – 6. E. H. Gombrich, Botticelli’s Mythologies. A Study in the Neoplatonic Symbolism of his Circle, Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 8, 1945, 7–60. – 7. Creighton Gilbert, On Subject and Not-Subject in Italian Renaissance Pictures. The Art Bulletin 34, 1952, 205. – 8. Lieselotte Möller, Bildgesch. Studien zu Stammbuchbildern II. Die Kugel als Vanitassymbol, Jb. d. Hamburger K.slgn. 2, 1952, 157–77.– 9. Wolfgang Stechow, Rembrandt-Democritus, Art Quarterly 7, 1944, 233–38.

Verweise