Ampulle

Aus RDK Labor
Version vom 5. Februar 2015, 11:51 Uhr von Jw (Diskussion | Beiträge) (fixup: author dot)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

englisch: Ampulla; französisch: Ampoule; italienisch: Ampolla.


Leonie Reygers (1935)

RDK I, 657–661


RDK I, 659, Abb. 1. Menasampulle.
RDK I, 659, Abb. 2. Palästinensische Ampulle.

Ampulle (ampulla, Diminutiv von amphora – griech. ἀμϕορεύς –, Flasche, Krug; dt. auch Pulle und Polle) nennt man kännchen- oder fläschchenartige Gefäße aus Ton, Glas und Metall, die in verschiedenartiger Ausformung verschiedenen Zwecken dienen können: 1. zur Aufnahme von Wein und Wasser beim Meßopfer (s. Meßkännchen); 2. als Behälter für die am Gründonnerstag geweihten öle: Krankenöle, Tauföle u. a. (s. Ölgefäße); 3. für wohlriechende Essenzen (fälschlich „Tränenkrüglein“) oder als sog. Blut-A. in den Gräbern der Katakomben; ihr roter Bodensatz wurde als Blut gedeutet und – unter starker Polemik – als Indizium für Märtyrergräber gewertet [1].

Die größte Verbreitung fand der 4. Typus, die Pilgerampullen, die zur Klasse der Devotionalien zählen und als „gesegnete Andenken“ (Eulogien, Benedictiones) von den Wallfahrtsstätten mitgenommen wurden. Sie enthielten Wasser von wundertätigen Quellen oder vom Jordan, geweihte Erde von den berühmten Märtyrergräbern in Rom, Gallien und Ägypten und von den hl. Stätten Palästinas oder auch öl von den dort brennenden Lampen. Von kunstgeschichtlicher Bedeutung sind vor allem 2 Gruppen von A.: die Menas-A. des koptischen Kunstkreises und die syrisch-palästinensischen A., von denen die meiden und besten im Domschatz zu Monza aufbewahrt werden.

A. Die Menas-A. oder Menaskrüglein [1, 3 und 4] wurden in fabrikmäßiger, im allgemeinen recht kunstloser Massenproduktion in den großen Töpfereien der sog. Menasstadt hergestellt, die am Rande der lybischen Wüste, in der Nähe von Alexandrien lag. Sie barg das Nationalheiligtum der ägyptischen Christen, Grab und Basilika des hl. Menas, und übte vor allem im 5. und 6. Jh. als Wallfahrtsstätte eine ungeheure Anziehungskraft auch auf die Pilger des Abendlandes aus. Tonfläschchen mit dem heilkräftigen Menaswasser sind über alle christlichen Länder dieser Zeit verstreut (große Sammlungen in Frankfurt a. M., Berlin, im Louvre und in Alexandrien, gute Exemplare auch im Brit. Mus. und in Kairo). Die Form der Menasampullen: flach, kreisrund und mit kurzem Hals, der im allgemeinen einen Henkel – seltener Doppelhenkel (Abb. 1) – oder aber am oberen Halsrand 2 Ösen für die Schnur hatte, mit der sie um den Hals zu tragen waren, wird auf altägyptische Neujahrsflaschen zurückgeführt [4]. Ähnliche Tonfläschchen mit Inschriften (guten Wünschen) tauschte man am 1. Jahrestage als Geschenke aus. Für das ikonographische Programm s. hl. Menas.

B. Von größter ikonographischer und künstlerischer Bedeutung ist der christologische Zyklus der 2. berühmten Ampullenserie, der palästinensischen Ampullen von Monza (Domschatz) aus der Zeit um 600 [1, 2, 5, 6 u. 7]. Es handelt sich vor allem um eine Anzahl Ölfläschchen aus vergoldetem Silberblech, aus Blei bzw. aus einer Legierung von Blei und Zinn mit Silberüberzug, die der Tradition nach ein Geschenk Papst Gregors I. (590–604) an die Langobardenkönigin Theodolinde gewesen sind. Einige naheverwandte Stücke, ursprünglich wahrscheinlich zur gleichen Sammlung gehörend, wurden in der Krypta von S. Colombano in Bobbio gefunden [6]; vereinzelte Exemplare sind u. a. in die Museen von Berlin und London gekommen. Ihre Inschriften: „öl vom Baum des Lebens“ (Kreuz von Golgatha), „Segen der hl. Stätten“, lassen keinen Zweifel an der Herkunft: es sind Eulogien mit Öl aus den Lampen, die in den Kirchen Palästinas brannten und die der Pilger an den hl. Stätten erwerben konnte. Sie haben die Form einer kreisrunden flachen Trommel mit kurzem Hals, der regelmäßig unter einer Arkade das Votivkreuz von Golgatha zeigt, das im 5. Jh. als crux gemmata (s. Kreuz) auf dem Golgathafelsen zwischen Kreuzkirche und Grabeskirche errichtet wurde und den Mittelpunkt der palästinensischen Pilgerverehrung bildete.

Der Bildinhalt der gestanzten Trommelreliefs steht im engsten Zusammenhang mit der Geschichte der hl. Stätten und der Kirchen, die der Pilger dort besuchte. Die Prägestempel von Jerusalem bringen: Kreuzigung, Auferstehung, Thomaswunder, Himmelfahrt, Ausgießung des Hl. Geistes; die von Nazareth: Verkündigung und Heimsuchung; die von Bethlehem: Geburt mit Anbetung der Hirten und der Magier; am Jordan, wo schon im 4. Jh. Kirche und Kloster existieren, wird die Taufe Christi dargestellt. Für die Besucher aller oder doch mehrerer Heiligtümer waren größere A. angefertigt, die die entsprechenden Szenen in Medaillons (bis zu 7) kombinierten.

Die meisten dieser Bildkompositionen sind als freie Nachbildungen von Mosaiken anzusehen, die einst (nach frühchristl. Pilgerberichten) die Basiliken Palästinas geschmückt haben [2]; als syrisch - palästinensisch wurden sie vor allem im Hinblick auf verwandte Bildtypen in mesopotamischen Handschriften (Rabula-Evangeliar, 586) bezeichnet [2 u. 6]. Sie sind wichtige Zeugen für das Kunstschaffen im Palästina des 6. und 7. Jh., wichtig aber vor allem in ihrem ikonographischen Programm, das von der byzantinischen Kunst übernommen wird und auch auf die Bildung der abendländischen Ikonographie sehr wesentlichen Einfluß ausgeübt hat. Die A. von Monza und Bobbio bringen, um einige der wichtigsten Beispiele zu nennen, das früheste nachweisbare Bild der Theotokos (in der Magierhuldigung), einige der ersten Kreuzigungsdarstellungen und das Grab Christi in seiner konstantinischen Form (vor der Zerstörung durch die Perser 614, Abb. 2) [2, 6 u. 7].

C. In Kleinasien und Syrien sind noch andere Ampullentypen entstanden (in ovaler Form, ohne Henkel), für welche aber in diesem Zusammenhang auf die Literatur verwiesen werden kann [1].

Zu den Abbildungen

1. Berlin, Kais.-Friedr.-Mus., Menasampulle, Ton, 5.-6. Jh. Phot. Mus.

2. Monza, Domschatz, palästinensische A., vergoldet, um 600. Phot. K.gesch. Seminar, Marburg.

Literatur

Weiterführende Literatur ist angegeben bei: 1. Cabrol-Leclercq, I, 2, Sp. 1722ff. 2. Oskar Wulff, Altchristl. u. byzantin. K., Hdb. d. Kw., pas. 3. Carl Maria Kaufmann, Ikonographie d. Menasampullen, 4. Veröff. d. Frankf. Menasexpedition, V. Teil, Kairo 1910. 4. Josef Strzygowski, Koptische Kunst, Catalogue general du Musée du Caire, Wien 1904, S. 223ff. u. 302. 5. Wolfg. Fritz Volbach, Metallarbeiten des christl. Kultes i. d. Spätantike u. im frühen Mittelalter, Kataloge d. Röm. Germ. Zentralmus. Nr. 9, Mainz 1921, S. 75f. 6. Charles Morey, The painted panel of the Sancta Sanctorum, Festschrift für Paul Clemen, Düsseldorf 1926, S. 150ff. 7. Mâle, I3, S. 52ff.

Verweise