Frucht des Geistes, Früchte des Geistes

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englisch: Fruit of spirit, fruits of spirit; französisch: Fruit d'ésprit, fruits d'ésprit; italienisch: Frutto di spirito, Frutti di spirito.


Karl-August Wirth † (2013)

RDK X, 1095–1131


RDK X, 1097, Abb. 1. „Arbor bona" als Sinnbild der Kirche. St-Omer, um 1120.
RDK X, 1099, Abb. 2. Palmbaum als Sinnbild der Kirche. Flandern (Henngau?), 2. H. 12. Jh.
RDK X, 1101, Abb. 3. Baumschema mit Tugenden und Ff. H. G. Salzburg (?), 12. Jh.
RDK X, 1103, Abb. 4. Baumschema mit Tugenden und Ff. H. G. Kamp, spätes 13. Jh. oder frühes 14. Jh.
RDK X, 1105, Abb. 5. Baumschema mit Tugenden und Ff. H. G. England, vor 1339.
RDK X, 1107, Abb. 6. Bildtafel zum Galaterbrief. Straßburg, 1526.
RDK X, 1110, Abb. 7. Gartenallegorie. Tegernsee, 1581.
RDK X, 1111, Abb. 8. Personifikationen von Caritas und Gaudium. Giovanni Battista Carlone, zw. 1694 und 1698.
RDK X, 1113, Abb. 9. Schema der Anordnung von Inschriftenkartuschen und Stuckfiguren (Personifikationen und Putti zu den Ff. H. G.) an den Langhausarkaden der Stiftskirche Waldsassen, Opf.: 1: Kartusche zu A und B; A: Caritas mit zwei Kindern; a: Putto (ohne Attribut); B: Gaudium mit Rebzweig und Trauben; b: Putto mit Krone; 2: Kartusche zu C und D; C: Patientia mit Ähren; c: Putto mit Sonnenblume; D: Pax mit Palme; d: Putto mit Lilie; 3: Kartusche zu E und F; E: Longanimitas (mit ausgebreiteten erhobenen Armen); e: Putto mit drei Broten; F: Bonitas mit Pelikan; f. Putto mit Ölgefäß; 4: Kartusche zu G und H; G: Benignitas mit Pinienzapfen; g: Putto mit drei Herzen; H: Mansuetudo mit Lamm; h: Putto mit flammendem Herz; 5: Kartusche zu I und J; I: Fides mit Kreuz und Kelch; i: Putto mit zahmen Vögeln; J. Modestia mit Szepter; j. Putto mit Henne; 6: Kartusche zu K und L; K: Continentia mit Schaf; k. Putto mit Füllhorn mit Blumen; L: Castitas mit Lilienkranz auf dem Haupt und Geisel in der rechten Hand; l: Putto.
RDK X, 1115, Abb. 10a. Personifikation von Longanimitas. Giovanni Battista Artari und Andreas Schwarzmann, zw. 1704 und 1712.
RDK X, 1116, Abb. 10c. Personifikation von Fides. Giovanni Battista Artari und Andreas Schwarzmann, zw. 1704 und 1712.
RDK X, 1115, Abb. 10b. Inschriftenkartusche zu Longanimitas, Mansuetudo und Fides. Giovanni Battista Artari und Andreas Schwarzmann, zw. 1704 und 1712.
RDK X, 1117, Abb. 11. Schema der Anordnung von Stuckfiguren und Inschriftenkartuschen zu den Ff. H. G. an den Langhausarkaden der ehem. Abteikirche Fulda: 1. Caritas (Pers.); 2. Gaudium (Kartusche); 3. Pax (Pers.); 4. Patientia (Pers.); 5. Benignitas (Kartusche); 6. Bonitas (Pers.); 7. Longanimitas (Pers.); 8. Manusetudo (Kartusche); 9. Fides (Pers.); 10. Modestia (Pers.); 11. Continentia (Kartusche); 12. Castitas (Pers.).
RDK X, 1119, Abb. 12. Die Ff. H. G. und die „Werke des Fleischs“. Johann Andreas Krauss, 1706.
RDK X, 1121, Abb. 13. Personifikation der Keuschheit. Martin Engelbrecht, zw. 1700 und 1710 (?).
RDK X, 1124, Abb. 14. Kanzel mit Ff. G. Johann Franz von Helmont, 1720/21.
RDK X, 1126, Abb. 15a. Die zwölf Ff. H. G. Johann Georg Bergmüller, nach 1739.
RDK X, 1126, Abb. 15b. Die zwölf Ff. H. G. Johann Georg Bergmüller, nach 1739.
RDK X, 1127, Abb. 15c. Die zwölf Ff. H. G. Johann Georg Bergmüller, nach 1739.
RDK X, 1128, Abb. 15d. Die zwölf Ff. H. G. Johann Georg Bergmüller, nach 1739.
RDK X, 1127, Abb. 15e. Die zwölf Ff. H. G. Johann Georg Bergmüller, nach 1739.
RDK X, 1128, Abb. 15f. Die zwölf Ff. H. G. Johann Georg Bergmüller, nach 1739.
RDK X, 1130, Abb. 16. Innenansicht der Hl. Geist-Spitalkirche in Augsburg mit Personifikationen der Theologischen Tugenden und Ff. H. G. August Scheffler (Entw.) und Jeremias Gottlob Rugendas (Ausf.), 1759.

F. G. = Frucht des Geistes; Ff. G. = Früchte des Geistes; F. H. G. = Frucht des Hl. Geistes; Ff. H. G. = Früchte des Hl. Geistes.

I. Voraussetzungen

Der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Galata in Kleinasien enthält eine Aufzählung von Tugenden und Lastern (Gal 5,16–23). Es sind zunächst 16 „Werke des Fleisches“ genannt (V. 19–21; nach dem Text der Vg.: „manifesta sunt opera carnis“), dann folgt eine Reihe von neun ebenfalls namentlich genannten Tugenden, die als F.G. bezeichnet sind (V. 22f.: „fructus Spiritus est caritas, gaudium, pax, longanimitas, bonitas, benignitas, fides, modestia, continentia“) und die in der späteren Überlieferung regelmäßig als Wirkungen des Hl. Geistes verstanden werden.

Vgl. zur Entstehung und umstrittenen Datierung des Briefs: Franz Mußner, Der Galaterbrief, Frbg. i. Br. usw. 41981 (Herders Theol. Kommentar zum NT, Bd. 9), S. 3–11; zu Parallelen im zeitgenössischen jüd. Schrifttum ebd., S. 392–395; vgl. ferner Ehrhard Kamlah, Die Form der katalogischen Paränese im NT, Tüb. 1964 (Wiss. Unters. zum NT, Bd. 7), S. 14–18, 39–50 und 163–168); Udo Borse, Der Standort des Galaterbriefes, Köln 1972 (Bonner biblische Beitr., 41), S. 130f.; [4] S. 232–251.

Schon in frühen Textzeugen des griechischen sowie des lateinischen Bibeltextes vor der Redaktion der Vulgata wurde diese Liste nicht textgleich überliefert, wurden Tugenden hinzugefügt oder weggelassen (Novum Testamentum Graece ..., hg. Barbara und Kurt Aland u. a., Stg. 271979, S. 501f.; Bibliorum Sacrorum latinae versiones antiquae seu Vetus Italica ..., ed. Petrus Sabatier, Reims 1743, Bd. 3, S. 782). Die im Verhältnis zu den Lastern differierende Zahl der Tugenden wurde als Sammlung verschiedener Beispiele gedeutet, die es erlaube, weitere Tugenden hinzuzufügen, bis die Liste im Mittelalter in der Regel zwölf Namen enthielt.

Schon der aus der Redaktion Alkuins (gest. 804) hervorgegangene Text bot elf Tugenden (Biblia Sacra iuxta vulgatam versionem, ed. Robertus Weber OSB, Stg. 1969, Bd. 2, S. 1807, Apparat); zur weiteren Überlieferung des Bibeltextes in den Pariser Bibelausgaben aus dem 13. Jh.: Raphael Loewe, The Medieval hist. of the Lat. Vulgate, in: Geoffrey W. H. Lampe (Hg.), The Cambridge Hist. of the Bible, Bd. 2, Cambr. 1969, S. 102–154, bes. S. 146–152.

Für das Verständnis dieser Bibelstelle grundlegend (und wohl auch für die Bildüberlieferung der F. G. entscheidend) war die Aufnahme der Textstelle Gal 5,16–26 in den Lesekanon der lat. Liturgie und später in die evangelischen Agenden.

Leseordnungen aus dem frühen MA belegen die Verwendung als Lesung am zweiten Sonntag nach Pfingsten nach dem System der ambrosianischen Liturgie (Sakramentar aus S. Alessandro in Bergamo, 10./11. Jh.: Gaston Godu, Art. „Epitres“, in: DACL 5,1, Sp. 287) oder gemäß der röm. Überlieferung zunächst, wie im Comes von Murbach, 9. Jh., bezeugt, am 15. Sonntag nach Pfingsten, später, im Missale Romanum von 1570, am 14. Sonntag nach Pfingsten (ebd., Sp. 339f.). Als Tagesevangelium folgte hier Mt 6, 24–33. Zu den ev. Leseordnungen s. Sp. 1111.

Bedeutsam war ferner die Gleichsetzung des Wortes „spiritus“ mit dem Hl. Geist („Spiritus Sanctus“).

Der ntl. Begriff bezeichnet eine im Menschen wirksame, von Gott kommende Kraft, über deren Wirkungsweise und das Verhältnis zur Natur des Menschen unterschiedliche Auffassungen bestanden. Paulus, der hellenistisches Gedankengut aufnahm, verstand das n e p als im Menschen wirksame Kraft mit ethischer Wirkung und gebrauchte diesen Begriff, um seine Christologie zu präzisieren und die leibliche Existenz Christi von der pneumatischen Gottessohnschaft zu unterscheiden (Rom 1,3f.; Eduard Schweizer, Art. „πνεῦμα, πνευματικός, πνέω, ἐκπνέω, θεόπνευστος“, E III 2d, in: Theol. Wb. zum NT, Bd. VI, Stg. 1965, S. 428f.). Die lehramtliche Definition der Trinitätslehre durch die Konzilien von Nikaia (325) und Konstantinopel (381) als Dreiheit der Personen, numerisch eins in Gott, schloß die Definition des Hl. Geistes als wirklicher Person ein (Ludwig Ott, Grr. der kath. Dogmatik, Frbg. i. Br. usw. 91978, S. 71–74; Heribert Mühlen, Der hl. Geist als Person ..., Münster 51988 [Münsterische Beitr. zur Theol., H. 26]; vgl. auch Joseph Andreas Jungmann SJ, „In der Einheit des Hl. Geistes“, Zs. für Aszese und Mystik 2, 1927, S. 11; ders., Die Stellung Christi im liturgischen Gebet, Münster 1925 [Liturgiegeschichtliche Forschgn., H. 7/8], S. 178–182).

Da man die ntl. Formulierung „F.G.“ oft als Ff. H. G. verstand ([4] S. 232–251), hatte dies zur Folge, daß davon die Vorstellung von den Gaben des Geistes (nach Is 11,2f.) nicht immer klar unterschieden wurde, nicht zuletzt wegen der teilweise übereinstimmenden Begriffe. Während jedoch die Ff. H. G. Verhaltensweisen des Menschen sind, die seine individuelle Entscheidung voraussetzen („Virtutes“; Abb. 14a, b, c, d, e, f; vgl. [1] Sp. 1571–1574; Gerhard Ebeling, Die Beunruhigung der Theol. durch die Frage nach den Ff. G., in: ders., Wort und Glaube, Bd. 3, Tüb. 1975, S. 388–404), gelten die Gaben des Hl. Geistes als Geschenke Gottes („Dona Spiritus“), nicht als Tugenden.

Diese Deutung prägt viele Texte der katechetischen Literatur seit dem 16. Jh., sowohl von katholischen (s. Sp. 1112) als auch evangelischen Autoren, vgl. u. a. Johann Adam Behr, Catechismus in Emblematibus ..., Augsb. 1718, S. 111: „Dancke Gott, daß er dich ... aus Wasser und Geist wiedergebohren; solls aber keine Noth mit dir haben, must du auch die Kennzeichen der Wiedergeburth durch die Fruchte des H. Geistes an dir sehen, ja selbst in dir finden lassen.“

Bildliche Wiedergabe der als Ff. G./Ff. H. G. zusammengefaßten Gruppe von Tugenden ist seit dem Hoch-MA nachweisbar. Angaben zur Bildüberlieferung sind jedoch vorläufig, da einschlägige Untersuchungen fehlen. Die bisher bekannt gewordenen Einzelbeispiele erlauben keine genaueren Aussagen zu Häufigkeit und Bildtradition. Es ist damit zu rechnen, daß manche schematischen oder zyklischen Darstellungen der Ff. G. oder Ff. H. G., zumal dann, wenn sie nur fragmentarisch erhalten sind, in ihrer korrekten Benennung bisher unerkannt blieben (zumal variierende Attributvergabe – s. Sp. 1123–1129 – belegt ist): Überall, wo der durch die Auslegung des Geistbegriffs determinierte und durch liturgische Verwendung hinreichend bekannte Text in MA und Neuzeit Verwendung fand, konnte es auch zu Darstellungen gekommen sein. Gleiches gilt für die Wiedergaben, in denen diese Tugenden allein, mit anderen Tugenden kombiniert und/oder in Gegenüberstellung mit Lastern dargestellt wurden, wenngleich solche Bilder den Darstellungen der sonst gebräuchlichen Kataloge der Tugenden und Laster an Zahl gewiß deutlich nachstehen dürften. Beispiele belegen, daß fallweise durch Beischrift bei der Wiedergabe einer Tugend deren Herkunft aus dem Text des Galaterbriefs nachgewiesen wurde: s. Sp. 1123.

II. Mittelalter

A. Quellen

Viele Theologen in patristischer Zeit und im MA nahmen Bezug auf Gal 5, 22f. Einmütigkeit bestand dabei nur hinsichtlich der Einschätzung, was man unter Ff. G. – unabhängig von Anzahl und Benennung – zu verstehen habe.

Viele Autoren bezogen sich auf Ambrosius, der die Ff. G. als Tugenden erklärte, die man Früchte nenne, weil sie jenen, die sie besitzen, zur Erquickung verhelfe (De paradiso 13, in: P. L. 13, Sp. 307; zur Auslegungsgeschichte ferner [1] Sp. 1574). Über die Ff. G. schrieben Autoren des 12. Jh., so der anon. Verfasser des „Speculum virginum“ (IV, 4–18: CCCM 5, S. 85) oder der Verfasser eines oftmals Hugo von St-Victor zugeschriebenen Traktats, der darin den Inhalt des „Speculum“ zusammenfaßte (De fructibus carnis et spiritus, in: P.L. 176, Sp. 979–1011; vgl. Robert Bultot, L’auteur et la fonction lit. du ,De fructibus carnis et spiritus‘, Recherches de théol. ancienne et médiévale 30, 1963, S. 148–154).

Im Spät-MA blieb die Vorstellung der Ff. (H.) G. als Tugenden geläufig (vgl. Thomas von Aquin, Summa theologica, I, II, quaest. 70; dazu ausführlich u. a. B. Froget, De l’habitation du Saint-Esprit dans les âmes justes d’après la doctrine de saint Thomas d’Aquin, Paris 41937, S. 425–442).

Eine der ausführlichsten Erklärungen, zugleich den einschlägigen bildlichen Darstellungen sehr nahe, gab Dionysius der Kartäuser (1402–1471), der die F. G. als Wirkung des Hl. Geistes in den Menschen und – Ambrosius folgend –, ihre Benennung als Früchte erklärte: So wie eine Frucht aus der Erde oder aus einem Baum hervorgehe und man ihre Süße schmecke, so erfreuten diese auf den Hl. Geist zurückgehenden Werke, die aus unserem, göttlich gestärkten Geist hervorgehen, die Seele („Dicuntur ... haec opera fructus, ad similitudinem fructus materialis. Sicut enim ... fructus ex terra aut arbore oritur, et cum quadam dulcedine gegustatur, sic opera ista a Spiritu Sancto principaliter, atque a nostro spiritu divinitus confortato nascuntur, animam delectant“: Opera omnia ., Bd. 13, Montreuil-sur-mer 1901, S. 289A); ähnlich erklärte die F. in seiner Kommentierung des „Pater noster“ Johannes Hagen (gest. 1475): Rudolf Damerau (Hg.), I. Der Herrengebetskommentar eines Unbekannten ..., II. 53 Auslegungen des Herrengebets des Kartäuserpriors Joh. Hagen …, Gießen 1966, S. 89–91.

Zahlreiche Texte des 15. Jh. enthalten Hinweise auf die Ff. H. G., so ein seit etwa M. 15. Jh. bezeugter erbaulicher Traktat, dessen Inhalt in einer Gartenallegorie hauptsächlich auf jene Bezug nimmt; in der Beschreibung griff der anon. Verfasser auf das Baumschema zurück (Dietrich Schmidtke, Art. „Gartenallegoriediptychon“, in: VL2, Bd. 2, Sp. 1094–1096; s. a. Garten, allegorisch). In dem katechetischen Traktat „Von einem christlichen leben“, der seit 1. V. 15.Jh. überliefert ist, zählen die Ff. H. G. zu den der Gewissenserforschung dienenden katalogartigen Zusammenstellungen des Beichtspiegels (P. Egino Weidenhiller, Unters. zur deutschsprachigen katechetischen Lit. des späten MA, Mchn. 1965 [Münchener Texte und Unters. zur dt. Lit. des MA, Bd. 10], S. 152 und 242f.). Demselben Zweck diente der Hinweis auf die Ff. H. G. in der „Ars moriendi“ („Item peccavi, quia duodecim fructus Spiritus Sancti scienter neglevi“: Blockbuchausg., Ulm, um 1470: Faks. hg. von Ernst Weil, Mchn. 1922; zum Text: Franz Xaver Haimerl, Ma. Frömmigkeit im Spiegel der Gebetbuchlit. S-Dtlds., Mchn. 1952 [Münchner theol. Stud., I. Hist. Abt., Bd. 4], S. 134 mit Anm. 820).

Die Zwölfzahl der Ff. G./Ff. H. G. bot verschiedentlich Anlaß zur Auslegung (vgl. eine Predigt des Dominikaners Friedrich Stromer, 2. H. 15. Jh.: Kurt Ruh, Art. „Stromer, Friedrich OP“, in: VL2, Bd. 9, Sp. 456).

B. Darstellungen

Die früheste bisher bekannt gewordene Darstellung der F. (Abb. 1) enthält cod. 92 der Univ. bibl. in Gent, das Autograph des um 1120 entstandenen „Liber floridus“ von Lambert von St-Omer. Auf fol. 231v ist eine „arbor bona/Ecclesia fidelis“ wiedergegeben, auf fol. 232r spiegelbildlich eine „arbor mala/Synagoga“ (Katzenellenbogen, Allegories, Taf. 39, Abb. 65). In diese schematische Schilderung eines sich zweimal paarweise verzweigenden Baumes, dem u. a. Gal. 5,13–26 beigeschrieben ist („Hinc Paulus. Fructus autem spiritus est ...“; für die anderen Inschriften s. Facs.), sind insgesamt 13 Tugenden gezeigt (statt der ursprünglichen neun).

Am Fuß des Baumstamms ist die Liebe plaziert („karitas“; hier: Liebe [der Christen zueinander]; vgl. dazu [2] S. 225–256), wie alle hier gezeigten Tugenden als Halbfigur einer Frau in einem gerahmten Tondo, sonst sind so alle in dem hierfür benutzten Text des Paulusbriefs genannten Tugenden als Äste des Baumes appliziert, die ihrerseits in tropfenartigen großen Blättern an der Astspitze endigen. Ein größerer Tondo ist zwischen den beiden Verzweigungen des Baumes dem Stamm vorgeblendet, der eine Darstellung der „Hoffnung“ („Spes“, gerahmt von Rosenzweigen) enthält (Hinweis auf eine in der Schule von St-Victor geläufige Vorstellung? Vgl. den Ps.-Hugo zugeschr. Traktat: s. Sp. 1101f.). Die tropfenartig geformten Blätter sind unterschiedlich geschmückt und bezeichnen verschiedene Pflanzen: „karitas“ (Liebe, gerahmt von Hysopstengeln); „gaudium“ (Freude): „cypressus“ (Zypresse); „pax“ (Friede): „platanus“ (Platane); „longanimitas“ (Langmut): „terebintus“ (Terebinthe); „bonitas“ (Güte): „cynamonum“ (Zimt); „fides“ (Treue): „pinus“ (Pinie); „modestia“ (Bescheidenheit): „balsamum“ (Balsambaum); „continentia“ (Enthaltsamkeit): „rosa“ (Rose); „mansuetudo“ (Sanftmut): „buxus“ (Buchsbaum); „patientia“ (Geduld): „c[a]edrus“ (Zeder); „castitas“ (Keuschheit, gerahmt von Lilien): „oliva“ (Olive); „sobrietas“ (anstelle von „benignitas“): „abies“ (Tanne).

Eine abweichende Darst. findet sich in der Hs. einer zweiten Redaktion des Werks, die in cod. Guelf. 1 Gud. lat., Flandern (Hennegau?), 2. H. 12. Jh., der Hzg. August-Bibl. in Wolfenbüttel überliefert ist. Als Bild der Kirche ist auf fol. 32r eine Palme wiedergegeben, deren fächerförmig angeordneten schmalen Blättern die Namen von Tugenden beigeschrieben sind, darunter auch die von Ff. G. Die die Blätter überfangende Rahmenform trägt eine Inschrift nach Sir 24,17, über den Zwischenräumen zwischen den Blättern stehen Bezeichnungen von Lastern (Abb. 2; Ausst.kat. „Wolfenbütteler Cimelien“, Weinheim 1989 [Ausst.kat. der Hzg. August Bibl., Nr. 58], S. 121).

Das im MA für die Darstellung der sieben Haupttugenden häufig gewählte, in verschiedenen Varianten überlieferte Baumschema (Abb. 1, 2, 3, 4, 5) wurde auch zur Illustration eines öfter Hugo von St-Victor zugeschriebenen Traktats verwendet (s. Sp. 1101f.).

Vgl. z. B. eine wohl im 2. Dr. 12. Jh. entstandene Hs. in Salzburg, Univ.bibl., cod. M I 32, fol. 75v (Abb. 3; Andreas Fingernagel, „De Fructibus carnis et Spiritus“. Der Baum der Tugenden und der Laster im Ausstattungsprogramm einer Hs. des „Compendiums“ des Petrus Pictaviensis [Wien, Österr. Nat.bibl., cod. 12 538], Wiener Jb. für Kg. 46/47, 1993/1994, S. 173–185, 409–412, hier S. 412, Abb. 6). Aus dem Stamm, der aus „Humilitas“ hervorgeht und im Bild des „Novus Adam“ (Christus) gipfelt, entspringen *Fides, Spes und Caritas. Aus diesen wachsen Blätter mit den Namen der ihnen jeweils zugeordneten Tugenden, bei Fides und Spes – wie üblich – sieben, bei Caritas zweimal fünf. Die Beischrift faßt die Untertugenden als „Fructus Spiritus“ zusammen, obwohl nicht alle der bei Paulus im Galaterbrief genannten F. G. dabei vorkommen.

Eine ähnliche Darstellung des Baumschemas („Arbor virtutum“) bieten Hss. des späten 13. und 14. Jh. mit dem „Speculum theologiae“, das ein unbekannter Kompilator (Johannes von Mailly [Johannes Metensis]?) um M. 13. Jh. zusammenstellte. Auf dem zugehörigen Bild ist der Baum der Tugenden dargestellt. Von „Fructus Spiritus“ gehen drei Äste mit den theologischen Tugenden („Fides“, „Spes“ und „Caritas“) aus, denen hier jeweils sieben Tugenden zugeordnet sind, darunter auch solche, die im Galaterbrief als F. G. genannt sind.

In einer im sp. 13. oder fr. 14. Jh. vielleicht im Zisterzienserkloster Kamp bei Düsseldorf entstandenen Hs. sind die Medaillons mit den Bezeichnungen der Tugenden schematisch auf die Äste des Baums verteilt (Abb. 4; vgl. Phillipps Stud. 3, 1956, S. 29–33; [2]). – In dem vor 1339 ausgeführten Psalter Roberts de Lisle (Abb. 5) stehen zu Füßen der Vase, aus dem der Baum entspringt, der Engel der Verkündigung und Maria; die Krone des Baums trägt die Vera Ikon, vor dem Rahmen der Bildseite stehen die Personifikationen der Kardinaltugenden ([5] S. 50).

Ob es Bebilderung auch in der Überlieferung der Texte aus dem Spät-MA gab, in denen die Ff. (H.) G. behandelt werden (s. Sp. 1101–1107), ist bisher nicht untersucht.

III. Neuzeit

A. Quellen

Zu Beginn der Neuzeit kam es zu einschneidenden Veränderungen, unter denen die Bibelübersetzung Martin Luthers für die Vorstellung der Ff. G. die wichtigste und folgenreichste war. Während in den Bibeln für den Gebrauch der kath. Kirche die inzwischen traditionell gewordene Zwölfzahl der Ff. (H.) G. (s. Sp. 1095) gebräuchlich blieb, führte die Verwendung des griechischen Bibeltextes, den M. Luther seiner Übersetzung des Galaterbriefs zugrundelegte, zur Verringerung des Katalogs der vom Geist bewirkten Tugenden auf die ursprünglichen neun, die durch die Bibelübersetzung und zahlreiche kommentierende Texte M. Luthers dazu verbreitet wurde.

Wortgleich mit dem Text seiner Vorlesung zum Galaterbrief von 1531, deren Mitschrift 1535 und 1538 als Kommentar zum Galaterbrief veröffentlicht wurde, übersetzte M. Luther: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Gedult, Freundligkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanfftmut, Keuschheit“ (Biblia Deutsch …, Witt. 1544, Bd. 2, S. 2352f.). Diesem Text entspricht die Fassung, die im ev. Gottesdienst als Lesung am 14. Sonntag nach Trinitatis gelesen wird (Gal 5, 16–24; Evangelium des Tages ist Lc 17, 11–19: Heilung des Aussätzigen); vgl. D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, 4. Bd.: Der Galaterbrief, hg. von Hermann Kleinknecht, Gött. 21987, S. 326; vgl. dazu Karin Bornkamm, Luthers Auslegungen des Galaterbriefs von 1519 und 1531 ..., Bln. 1963 (Arbeiten zur Kirchengesch., 35), S. 330f.

In den verschiedenen Konfessionen kursierten seitdem verschiedene Fassungen des Textes von Gal 5,16–23, die sowohl in der Messe des röm.-kath. Ritus als auch im prot. Gottesdienst Episteltext blieb, wenn auch an verschiedenen Sonntagen und zu unterschiedlichen Evangelien.

Die Überlieferung des lat. Textes ist in den gedruckten Bibelausgaben, die in der Zeit zwischen dem ersten Bibeldruck, Gutenbergs 42–zeiliger Bibel von 1456 mit dem unzureichenden Text der Pariser Ausgaben, und der 1592 ersch. lat. „editio Sixto-Clementina“, die den für die Folgezeit in der kath. Kirche verbindlichen Text enthielt, höchst verworren. Hinzu kamen Texte, die vor der „Sixto-Clementina“ veröffentlicht worden waren, wie der für die Unterweisung der Gläubigen weitverbreitete und in vielen Auflagen gedruckte Katechismus des Petrus Canisius SJ, der eine davon abweichende Liste der Tugenden nach Gal 5,22 enthält, die ihrer Nennung bei Thomas von Aquin (s. Sp. 1101f.) entspricht: Caritas, gaudium, pax, patientia, longanimitas, bonitas, benignitas, mansuetudo, fides, modestia, continentia, castitas (vgl. die häufig nachgedruckte zweite Ausgabe: Summa doctrinae christianae ...“, Köln 1569; vgl. Doctoris Petri Canisii Summa doctrinae christianae ..., Augsb. 1834, S. 450f.; Fridericus Streicher SJ [Hg.], S. Petri Canisii Doctoris Ecclesiae Catechismi Latini et Germanici [Societatis Jesu selecti Scriptores …, Bd. II, T. I], T. 1, Rom 1933, S. 68; T. 2, Mchn. 1936, S. 75; vgl. Otto Braunsberger SJ, Entstehung und erste Entwicklung der Katechismen des sel. Petrus Canisius aus der Ges. Jesu, Frbg. i. Br. 1893 [Erg.hh. zu den „Stimmen aus Maria Laach“, 57], S. 34).

Übersetzungen in die Volkssprachen verdeutlichen diesen Befund: Auf unterschiedliche Stränge der Überlieferung zurückgehend und uneins in der Übertragung der lat. Begriffe, vermehrten sie die Vielfalt der Textgestalt. Sie differieren nicht nur ihrer dialektgeographischen Zuordnung nach, sondern auch öfter in Abfolge und Anzahl: Während die dt. Bibeln aus Straßburg, Augsburg, Nürnberg, Lübeck und Mainz zunächst elf Tugenden nannten (vgl. u. a. Ausg. Strbg. [Johannes Mentelin] 1466, Bl. 368r; Augsb. [Jodokus Pflanzmann] 1473, Bl. 418r; Nürnberg [Anton Koberger] 1483, Bl. 539r; Lübeck [Steffen Arndes] 1494, Bl. 456v; Mainz [Johann Dietenberger] 1534, Bl. 539v), ist die Liste zur Zwölfzahl „ergänzt“ in der in Leipzig bei Hieronymus Emser erschienenen Bibel 1528, Bl. t 2v, und in späteren kath. dt. Bibelausgaben des 17. und 18. Jh., die meist den Text Dietenbergers zugrunde legten. Wenngleich dieser Text für die Ausg. Caspar Ulenbergs (Bibel/ Das ist/ Die Hl. Schrift ..., Köln 1630, Bl. CXIIv; später verbessert für eine Neuausgabe in Mainz 1662) überarbeitet und für die zweisprachige Augsburger Ausgabe 1722 durchgesehen wurde (Biblia Sacra Vulgatae Editionis ..., hg. von P. Thomas Aq. Erhard OSB, Augsb. 21726, Bd. II, S. 643; übereinstimmend: Die Catholische Bibel oder Heilige Schrifft Alten und Neuen Testaments ..., Strbg. 1734, S. 696), blieb die Abfolge der Ff. G. gleich. Dies gilt auch für die unter Leitung des elsäss. Benediktiners Germanus Cartier erarbeitete Übers., erschienen erstmals in Konstanz (Biblia Sacra vulgatae editionis ..., Konstanz 1751, Bd. 3, S. 295). – Die prot. Bibeln folgen der von M. Luther vorgegebenen Neunzahl.

Unterschiede gibt es in den Bezeichnungen. In Ausgaben des 16. Jh. steht etliche Male für „Enthaltsamkeit“ (lat. „continentia“) „Abbruch“, so in der Leipziger Ausg. von 1528 (s. oben; danach wohl auch von Johann Dietenberger, 1534 [s. oben] oder Johann Eck: Bibel. Alt und new Testament …, Ingolstadt 1537, Bd. II, Bl. 93v; vgl. Grimm, Bd. 1, Sp. 17).

Interpretierende Übersetzungen im Sinne der Aufklärung oder des Pietismus ließen Übersetzer variieren, so beim Begriff „Glaube“ („Treue“: Das Neue Testament zum Wachsthum in der Gnade und der Erkaenntniß des Herrn Jesu Christi uebersetzt ... von Johann Albrecht Bengel, Stg. 1753, S. 702; ebenso der kath. Theologe Dominikus von Brentano in: Die heilige Schrift des neuen Testaments, Kempten 1790; hier FfM. 21794, Bd. 2, S. 535; „Treue und Glauben“ u. a. bei dem reformierten Theologen Simon Grynaeus: Das Neue Testament ..., Basel 21776, Bd. 5, S. 223; „Redlichkeit“ in der Übers. des Karmeliten Bonifaz Martin Schnappinger: Die Hl. Schrift des neuen Bundes, Mannheim 1800, hier Mannheim 21808, Bd. 3, S. 719). Vgl. auch die Fassung von Wilhelm Friedrich Hezel: Die Bibel des NT oder die ehrwürdigen Urkunden der christl. Religion, Dorpat und Lpz. 1809, S. 491: „Menschenliebe, Frohsinn, Freundschaftssinn, Nachsicht, Herzensgüte, Biedersinn, Redlichkeit, Sanftmuth, Mäßigkeit“.

B. Darstellungen

Bei den Darstellungen in nachmittelalterlicher Zeit sind zwei Gruppen zu unterscheiden, solche, denen der in der Liturgie zitierte Bibeltext zugrundegelegt ist, und andere, die die Ff. G. im Rahmen katechetischer Unterweisung den als Voraussetzung der Ff. G. verstandenen *Gaben des Geistes nachordnen (s. Sp. 1096).

Die Quellen legen die Vermutung nahe, daß weitere Forschungen den Bestand an Bildbelegen auch aus nachmittelalterlicher Zeit erweitern könnten, da überall dort, wo man über die F. G./Ff. G. handelte – vor allem in den Postillen und in der katechetischen Literatur –, auch mit entsprechenden Darstellungen zu rechnen ist.

Einzelne aus dem 16. Jh. bekannt gewordene Beispiele belegen, daß das im MA gebräuchliche Baum-Schema (s. Sp. 1106–1109) fortwirkte, wenn auch in veränderter Form: Die Bearbeitung des NT von Jakob Beringer (Das nüw testament kurtz und grüntlich in ein ordnung und text ..., Strbg. [Johann Grüninger] 1526: VD 16, B 4378) enthält u. a. zum Galaterbrief eine Bildtafel, auf die eine als Memorierhilfe konzipierte Überschrift hinweist: „ ... Auch frucht des geysts vn[d] fleyschs dir melt“. Der Holzschnitt von Heinrich Vogtherr d. Ä. zeigt zu Gal 5 („5. CA[P.]“) einen Baum, der aus einem quadratischen Sockel emporwächst und über dem die nimbierte Taube des Hl. Geistes schwebt (Abb. 6). Neben dem Baum steht ein Mann, der zum Geäst aufblickt, in der linken Hand einen Kreuzstab hält, eine Kiepe auf dem Rücken trägt und mit der rechten Hand Früchte in eines der beiden Behältnisse am Fuß des Baums zu legen scheint (zum Text vgl. Dietrich Wünsch, Evangelienharmonien im Reformationszeitalter, Bln.-New York 1983 [Arbeiten zur Kirchengesch., 52], S. 72–81).

In einem katechetischen Erbauungsbuch folgen den Ausführungen zu den Gaben des Hl. Geistes („21. Figur“, in: Der Himmlisch Fußsteig ..., Tegernsee 1581, Bl. 53v–58r) jene zu den Ff. G. (Abb. 7). Der anon. Verfasser wandelte dafür das Schema der ma. Gartenallegorie (s. Sp. 1103f.) ab.

Die Ff. G. sind in einer Tafel zusammengefaßt, auf der zwölf Bäume als Zeichen der Ff. G. wiedergegeben sind (ebd., Bl. 58v–60r). Sie stehen in einem eingezäunten Garten, den ein Engel gegen einen Teufel verteidigt. Die Krone des Baums bildet jeweils ein blattgesäumter Tondo mit Sinnbildern, die im Text nicht erklärt werden. Gezeigt werden biblische Figuren und Artefakte. Ziffern erlauben es, die Sinnbilder den einzelnen Ff. G. zuzuordnen. Im Unterschied zu ma. Begriffserklärungen der Ff. G. werden diese im begleitenden Text als seelische Wirkungen der jeweiligen Tugend beschrieben (z. B. „3. Frid. Welcher dahin sihet / daß die rhue des gemuets in der vngestuemigkeit dieser Welt erhalten werde“: ebd., Bl. 59v): 1. Liebe (Mann); 2. Freude (Christuskind mit Weltkugel; „Frewd. Diese gibt / daß der geistlich mensch froelich Gott dienet“: ebd.); 3. Friede (ein sich umarmendes Paar); 4. Geduld (ein sitzender Mann, der körperliche Züchtigung erträgt); 5. Langmuetigkeit (David mit der Harffe; „… Welche anzeiget die groesse des gemuets / in erwartung der kuenfftigen gueter“: ebd.); 6. Güte (Barmherziger Samariter?); 7. Milde (Temperantia; „... Welche raitzet zur freundlichkeit / ist lieblich im gespraech und maeßig in sitten“: ebd.); 8. Sanftmut (Mann mit aufgeschlagenem Buch); 9. Glaube (Kelch); 10. Mäßigkeit (Kanne und Schüssel); 11. Enthaltsamkeit („Abbruch“: ebd.; vgl. Sp. 1115; ein Knieender, der zum Himmel aufblickt); 12. Keuschheit (nimbierte Person mit vor der Brust gekreuzten Armen).

Der Tradition der ma. Baum-Schemata (s. Sp. 1107–1110) verpflichtet ist eine von Gustav Renz entworfene, 1860 in Stuttgart veröffentlichte Lithographie „Sinnbild des Christen“.

Ein großer Baum, dessen Stamm mit „Liebe“ und „Hoffnung“ beschriftet ist, trägt 15 Früchte (Treue, Gerechtigkeit, Weisheit, Wahrheit, Keuschheit, Friede, Freundschaft, „Demuth“, „Sanftmuth, „Mitleiden“, Freude, Klugheit, Andacht, Barmherzigkeit und „gedult“). Darunter ist als Text beigegeben: „Bin ich diesem Baume gleich, In des Heiland’s Gnadenreich, Mit der edlen Geistesfrucht, Die mein Heiland an mir sucht? Galater 5“ (Ernst Grohne, Die bremischen Truhen mit reformatorischen Darst. und der Ursprung ihrer Motive, Bremen 1936 [Abhn. und Vorträge hg. von der Bremischen Wiss. Ges., 10, H. 2], S. 61f., Abb. 38).

Als Beispiele für monumentale plastische Darstellungen der Ff. (H.) G. sind bisher nur zwei Zyklen aus dem ausgehenden 17. und frühen 18. Jh. in Waldsassen und Fulda bekannt geworden. Nicht geklärt ist bisher, ob die Entscheidung für die bildliche Wiedergabe der Ff. (H.) G. und der dafür gewählte übereinstimmende Anbringungsort auf gemeinsame Vorbilder und/oder auf die Beteiligung einiger Künstler an beiden Projekten zurückzuführen ist.

In der 1681–1704 unter Beteiligung von Georg Dientzenhofer, seit 1689 von seinem Bruder Christoph erbauten ehem. Zisterzienserklosterkirche in Waldsassen wurde für die zw. 1694 und 1698 erfolgte Stuckierung Giovanni Battista Carlone verpflichtet. Das ausgeführte Programm bietet monumentale Stuckfiguren in der Gewölbezone (Propheten) sowie an den Arkadenbögen des Langhauses (Abb. 9) und der Orgelempore im Westen (persische und phrygische * Sibylle). Die Personifikationen der Ff. H. G. sind paarweise auf den Arkadenbögen im Langhaus plaziert, an den Bogenansätzen sitzen jeweils Putti mit Attributen (Abb. 8). Zwischen den Personifikationen ist jeweils eine Inschriftkartusche mit Bibelzitaten angebracht, die so ausgewählt wurden, daß die dargestellten Begriffe im Text Vorkommen (bei Caritas und Gaudium: „Charitatem desponsationis. Jer. II,2 Abundantia gaudii. 2. Cor. VIII,2“). Bei einigen Personifikationen folgte man nicht den gängigen Darstellungsweisen, die dafür möglicherweise verwendeten Vorlagen sind bisher nicht bekannt (M. Leonia Lorenz O.Cist., Die Stiftskirche von W.: Beata Maria, Waldsassen 1928, S. 57–64; Sabine Leutheußer, Die barocken Ausstattungsprogramme der ehem. Zisterzienser-Abteikirchen Waldsassen, Fürstenfeld und Raitenhaslach, Mchn. 1993 (tuduv-Stud. zur Kg., Bd. 61), S. 203–214.

In der 1704–1712 durch Johann Dientzenhofer errichteten Abteikirche Fulda sind die Ff. (H.) G. als Stuckfiguren oder stuckierte Kartuschen wiedergegeben; für die Stuckausstattung der Stiftskirche waren Giovanni Battista Artari aus Lugano und Andreas Schwarzmann aus Waldsassen verantwortlich (Abb. 11). Ähnlich wie in Waldsassen sind auf den die Langhausarkaden rahmenden Stuckprofilen jeweils gegenständig zwei Stuckfiguren plaziert, die durch Beischriften und einige Male auch durch Attribute gekennzeichnet sind (Abb. 10a und 10c). Dem Gesims über dem Arkadenscheitel ist jeweils eine Stuckkartusche vorgeblendet, die unter einem Kopf im gerahmten Feld eine Bibelstelle und ein zugehöriges Sinnbild bietet. Die Kartuschen tragen nicht nur in der Mitte oben den Namen der durch sie repräsentierten Tugend, sondern es gehen von ihnen auch Schriftbänder aus, die dem Betrachter den Namen der seitlich sitzenden Personifikationen mitteilen (Abb. 10b).

In Malerei und Graphik sind Einzeldarstellungen und Zyklen bisher nur selten nachgewiesen. Diese Beispiele stammen alle aus S-Dtld.

In der 1706 erschienenen Postille von Johann Andreas Krauss ist als Bild zur Epistel am 14. Sonntag nach Trinitatis die Versammlung der F. G. wiedergegeben: Caritas, mit brennendem Herzen in der erhobenen Rechten, sitzt erhöht, umgeben von den übrigen Pers., die teils mit Attributen charakterisiert sind („Sanfftmueth“ mit zwei hinter ihr liegenden Schafen oder Lämmern; neben ihr Friede mit einem in die Höhe gehaltenen Zweig; rechts wohl *Fides mit einem Kruzifix in der Linken und am Boden liegenden Büchern; drei der Personifikation sitzen vor Caritas, reichen sich die Hände und blicken sich an; eine gekrönte Personifikation legt ihre linke Hand auf die Schulter ihrer Nachbarin). Im unteren Teil des Medaillons sieht man die Personifikationen der „Werke des Fleisches“ (Abb. 12).

Die Ff. H. G. zeigten auch zwei Gem. in der ehem. Spitalkirche Hl. Geist in München, von denen nur eines von Joseph Ignaz Schilling, um 1730, erhalten blieb (Dehio, Bayern IV, S. 53). Es zeigt sechs der Ff. (H.) G. in personifizierter Gestalt, weitere bot das Gegenstück (fünf? Vgl. Adalbert Huhn, Gesch. des Spitales, der Kirche und der Pfarrei zum hl. Geiste in Mchn., Mchn. 1893, S. 530).

Ein graph. Zyklus der Ff. G. stammt von Johann Georg Bergmüller (Abb. 15a, b, c, d, e, f) Die Folge mit Titelblatt und sechs Blättern ist undatiert, aber (wegen des auf dem Titelblatt angegebenen Titels) nicht vor 1739 und wohl als Entsprechung einer Serie mit den Gaben des Hl. Geistes entstanden (vgl. Karl-August Wirth, „Septem dona Spiritus Sancti“: eine F. von Radierungen Johann Georg Bergmüllers, Münchner Jb. 3. F. 29, 1978, S. 149–209). Jede der sechs Radierungen zeigt jeweils zwei Ff. G., die mit lat. und dt. Namen versehen und denen Bibelzitate beigeschrieben sind. Die Ff. G. sind nicht in der Reihenfolge angeordnet, wie sie durch die verbindliche Bibelausgabe der „Sixto-Clementina“ (s. Sp. 1112), vorgegeben war, sondern folgen der Reihung in den Ausgaben des Katechismus von Petrus Canisius (s. Sp. 1112), d. h. die fünfte und siebte Tugend, „Longanimitas“ und „Benignitas“ sind im Vergleich zum damals verbindlichen Bibeltext vertauscht. Die begleitenden Bibelzitate entstammen – mit Ausnahme derer zu „Gaudium“ (Io 16,22) und „Continenza“ (Eccli 37,34) den Episteln und folgen dem lat. und dem dt. Wortlaut der Bibelausgabe des Wessobrunner Benediktiners Thomas Aq. Erhart (s. Sp. 1119). Für die Darst. der Personifikationen wich Bergmüller in einigen Fällen von den durch die auf Cesare Ripa gründenden literarischen Überlieferung für die Wiedergabe der entsprechenden Tugenden ab.

Teil eines ausführlichen Bildprogramms waren die Ff. H. G. am ausladenden Schalldeckel der Kanzel, die Johann Franz von Helmont 1720/21 für die Pfarrk. St. Johann Baptist in Köln schuf. Er trug als Bekrönung eine Skulptur Gottvaters mit der Weltkugel vor einer Glorie in Wolken, unterhalb die Taube des Hl. Geistes. Von dieser gingen Strahlen aus, an deren Enden kleine runde, von Flammen umgebene Inschrifttafeln die sieben Gaben des Geistes bezeichneten, während an der Unterseite des Deckels die Ff. G. durch zwölf herabhängende kleine Flammenbündel mit Inschrifttäfelchen vertreten wurden (Abb. 14; [3] S. 128f.).

Einen umfangreichen Zyklus von Ff. H. G. bietet einer der anläßlich des Augsburger Friedensfestes zur Erinnerung an den Augsburger Religionsfrieden jährlich zum 8. August veröffentlichten Stiche („Friedensgemälde“). Die von August Scheffler entworfene und von Jeremias Gottlob Rugendas ausgeführte Darst. für das Friedensfest von 1759 (Abb. 16) zeigt durch eine große Bogenöffnung den Blick ins Innere der Hl. Geist-Spitalkirche in Augsburg. Der begleitende Text erläutert, daß hier der Zustand nach der Neuausstattung der Kirche 1755 ins Bild gesetzt werden sollte (Horst Jesse, Friedensgemälde 1650-1789 …, Pfaffenhofen/Ilm 1981, S. 301; Christoph Bellot, Den Frieden feiern ..., in: Wolfgang Augustyn [Hg.], PAX. Beitr. zu Idee und Darst. des Friedens, Mchn. 2003 [Veröffn. des ZI, Bd. 15], S. 383–458). Vor einem Altar mit Kreuz und aufgeschlagenem Buch, dessen Seiten den Hinweis auf Rom 14, 17f. und Gal. 5, 22–24 tragen, sind seitenverkehrt drei Personifikationen nach Rom 14 wiedergegeben: Friede, Freude und Gerechtigkeit mit ihren Attributen. Sie stehen vor einem großen architektonisch gestalteten Aufbau, der an ephemere Dekorationen erinnert. Über dem Altar schwebt die Taube des Hl. Geistes in einer Glorie, deren Strahlen die Namen der Ff. H. G. tragen und in die Richtung von neun Medaillons weisen. Sieben sind wie Tafeln auf einem Ehrengerüst angeordnet, zwei weitere halten Engel zu Seiten der drei Personifikationen. Über der Geisttaube, am Boden und an jedem Medaillon sind Zeilen eines Kirchenlieds zitiert. In den Medaillons sind zwei Personifikationen der Ff. G. mit Attributen sowie jeweils im Hintergrund mit Symbolen oder Exempla wiedergegeben (z. B. Caritas mit Kindern vor einem Fünf-Wunden-Bild sowie ein brütendes Huhn als Beispiel für Gottes sorgende Liebe).

In Wort und Bild begegnet man häufig einzelnen, manchmal sogar mehreren der im Galaterbrief aufgeführten Tugenden, die anderen Tugendenreihen eingefügt sind und durch Beischriften ihre Herkunft erkennen lassen.

So begründete Georg Philipp Harsdörffer mit dem Hinweis auf „Gal. 5. 21“, daß Liebe „Des geistes süße Frucht“ sei (Prob und lob der Teutschen Wolredenheit. Das ist: deß Poetischen Trichters Dritter Theil, Nbg. 1653, S. 23). – Die von Martin Engelbrecht als junge Frau personifizierte Keuschheit (Abb. 13) erhielt als Attribute ein Szepter, das sie als „Herrscherin der Sinne[n]“ ausweist, und zwei Tauben. Die Überschrift lautet: „Die Frucht deß Geistes ist Keuschheit. Gal. V. 22“. Das Blatt gehört zu einer vermutlich um 1705–1710 entstandenen, von Johann Andreas Pfeffel in Augsburg verlegten Serie von Tugenden und Lastern („XII. Außerlesene Tugenden … Wie auch XII. Abscheuliche Laster …“). Diese Bildfolge liegt dem von Matthias Bernhard Braun 1712–1715 geschaffenen Skulpturenprogramm im Park von Kukus zugrunde (vgl. [3]; Friedrich Schott, Der Augsburger Kupferstecher und Kunstverleger Martin Engelbrecht und seine Nachfolger, Augsb. 1924, S. 127).

Als Beispiel einer profanen, z. T. mit den Ff. G. übereinstimmenden Bildfolge sei an den aus 12 Blättern bestehenden Zyklus von Radierungen Daniel Nikolaus Chodowieckis von 1789 erinnert („gute menschliche Eigenschaften“). Mehrere der im Galaterbrief aufgeführten Tugenden sind hier wiedergegeben, jedoch ohne Angaben von auf diese verweisenden Bibelstellen (vgl. Jens-Heiner Bauer, Daniel Nikolaus Chodowiecki. Das graph. Werk, Hann. 1982, Nr. 1385–1396).

Zu den Abbildungen

1. Gent, Univ.bibl., cod. 92 (Lambert von St-Omer, Liber floridus), fol. 231v, St-Omer, um 1120. Nach: Faks.: Albert Derolez (Hg.), Lamberti S. Audomari ... Liber Floridus, Gent 1968.

2. Wolfenbüttel, Herzog August-Bibl., cod. Guelf. 1 Gud. lat. (Lambert von St-Omer, Liber floridus), fol. 32r, Flandern (Hennegau?), 2. H. 12. Jh. Foto Bibl.

3. Salzburg, Univ.bibl., cod. M I 32 (Ps.-Hugo von St- Victor, De fructibus carnis et spiritus), fol. 75v, Salzburg (?), 12. Jh. Foto Bibl.

4. New Haven, Conn., Yale Univ., Reinecke Libr., Ms. 416 (Johannes de Mailly [Johannes Metensis] zugeschr., Speculum theologiae), fol. 3v, Kamp, spätes 13. oder frühes 14. Jh. Nach: [2].

5. London, BL, Ms. Arundel 83 II (Psalter und Johannes de Mailly [Johannes Metensis] zugeschr., Speculum theologiae), fol. 129r, Engl., vor 1339. Nach: [5] Taf. 9.

6. Heinrich Vogtherr d. Ä., Figur 4 in: Jakob Beringer (Hg.), Das nüw testament kurtz und grüntlich in ein ordnung und text ..., Strbg. (Johann Grüninger) 1526, Teil II. Holzschnitt 20,8 x 16,3 cm. Foto Verf.

7. Himmlisch Fußsteig, Tegernsee 1581, Bl. 59r. Nach dem Orig. (München, Bibl. des Herzoglichen Georgianums).

8. Giovanni Battista Carlone, Stuckfiguren von Caritas und Gaudium mit den zugeordneten Putti an den Langhausarkaden der Stiftskirche Waldsassen, Opf., 1694–1698. Foto Hubert Häusler, Waldsassen.

9. Schema der Verteilung der Stuckfiguren von G. B. Carlone zu den Ff. H. G. und der zugehörigen Putti mit Attributen an den Langhausarkaden der Klosterkirche in Waldsassen, Opf. 1694–1698. Zchg. Verf.

10a–c. Giovanni Battista Artari und Andreas Schwarzmann, Stuckfiguren zu Longanimitas (a) und Fides (c) sowie Kartusche zu Manusetudo (b) an den Langhausarkaden des Doms von Fulda, 1701–1712. Foto Verf.

11. Schema der Verteilung der Stuckfiguren und Kartuschen von G. B. Artari und A. Schwarzmann zu den Ff. H. G. an den Langhausarkaden des Doms von Fulda, 1701–1712. Zchg. Verf.

12. Johann Ulrich Krauss, Hl. Augen= und Gemueths=-Lust, Augsb. 1706, Taf. 57 (Ausschn.). Kupferstich, Gesamtmaße (Platte) 28 x 16,8 cm. Nach dem Orig.

13. Martin Engelbrecht, „XII. Außerlesene Tugenden ... Wie auch XII. Abscheuliche Laster ...“, Nr. 9, Augsburg o. J. (zw. 1700–1710?). Kupferstich, ca. 29,5 x 19,3 cm (Platte). Nach [3] S. 22.

14. Johann Franz von Helmont, Kanzel, ehem. Köln, St. Johann Baptist, 1720/1721 (zerst. 1943). Nach: [3] S. 128, Abb. 18.

15a–f. Johann Georg Bergmüller, „XII Virtutes Spiritus Sancti“, Augsburg, nach 1739. München, Staatl. Graph. Slg., Radierungen: a. „I. Charitas. II. Gaudium“, 24,2 x 14,6 cm (Platte); b. „III. Pax. IV. Patientia“, 24,3 x 14,8 cm; c. „V. Longanimitas. VI. Bonitas“, 24,3 x 14,6 cm; d. „VII. Benignitas. VIII. Mansuetudo“, 24,3 x 14,8 cm; e. „IX. Fides. X. Modestia“, 24,2 x 14,7 cm; f. „XI. Continentia. XII. Castitas“, 24,3 x 15,0 cm. Foto Slg.

16. August Scheffler (Entw.) und Jeremias Gottlob Rugendas (Ausf.), sog. Friedensgemälde für 1759, Augsburg, 1759. Kupferstich und Radierung, 27,7 x 32,9 cm (Platte). Foto Staats- und Stadtbibl. Augsburg.

Literatur

1. Charles-A. Bernard, Art. „Fruits du Saint-Esprit“, in: DSp, Bd. 5, Sp. 1569–1575. – 2. Aukt.kat. Bibl. Phillippica. Ma. Mss., London, Sotheby’s 30. Nov. 1965, Nr. 10. – 3. Ursula Röhrig, Eine Stichvorlage für die Allegorien der Tugenden und Laster von Matthias Bernhard Braun in Kukus, alte und moderne K. 10, 1965, H. 83, S. 20–28. – 4. Joachim Rohde, Der Brief des Paulus an die Galater, Bln. 1989 (Theol. Handkomm. zum NT, 9). – 5. Lucy Freeman Sandler, The Psalter of Robert de Lisle, Ld. 21999.

Hinweise werden Burghard Preusler, Fulda, verdankt.

Verweise